Gerüchte über Asylbewerber

Gerüchte über Asylbewerber: Die Lügen-Seuche in den sozialen Netzwerken

Halle (Saale) - Fundstücke aus den sozialen Netzwerken, aufgestöbert in den letzten Wochen:

Von Alexander Schierholz 05.11.2015, 20:40

Fundstücke aus den sozialen Netzwerken, aufgestöbert in den letzten Wochen:

Mücheln (Saalekreis), ein Rewe-Markt: Flüchtlinge packen sich die Einkaufswagen voll und marschieren damit aus dem Laden, ohne zu bezahlen. Die herbei gerufenen Polizisten erklären dem verdutzten Marktleiter, er solle das Diebesgut auflisten, der Landkreis bezahle.

Halberstadt, Zentrale Aufnahmestelle für Asylbewerber:Einer der Bewohner ist an Cholera erkrankt, weitere stehen unter Quarantäne. Das Technische Hilfswerk ist die ganze Nacht im Einsatz. Halberstadt, Tierpark: Arabische Flüchtlinge entführen Ziegen aus dem Streichelgehege, schlachten und essen sie.

Leipzig-Seehausen, Globus-Markt: Asylbewerber randalieren und plündern, der Laden muss geschlossen werden.

Bernburg, Semmelweißstraße: Für 11,5 Millionen Euro wird dort ein Neubau errichtet, eine Moschee.

Halle, ehemaliges Maritim-Hotel: In dem als Flüchtlingsunterkunft genutzten Haus sollen angeblich ein Junge erschlagen und sein Vater enthauptet worden sein.

Die Schilderungen klingen erschreckend, und das sollen sie auch. Sie vermitteln das Bild: Die Flüchtlinge sind alle kriminell, sie sind brutal und gefährlich, weil sie unter hochansteckenden Krankheiten leiden. Ja, der Massen-Zuzug von Flüchtlingen bringt eine Menge Probleme mit sich. Bloß: Keiner der geschilderten Fälle hat sich so zugetragen. Kein Wort davon ist wahr.

Die Polizei muss ermitteln

In Mücheln widersprechen auf Anfrage der MZ das Landratsamt und die Polizei: Die Geschichte entspreche nicht der Wahrheit. Der Marktleiter sagt, es habe einfach einen Diebstahl gegeben. Und fügt hinzu: Auch Deutsche klauen. Ein Sprecher des Innenministeriums stellt klar: „Die Polizei hat Strafverfolgungszwang. Das heißt, die Beamten müssen ermitteln, wenn sie Kenntnis von Straftaten haben.“ In Halberstadt dementiert das Gesundheitsamt: Es habe keinen Cholera-Fall gegeben. Die Ziegen im Tierpark? Sind alle noch da. Die Mitarbeiter haben nachgezählt. In Leipzig spricht die sächsische Polizei auf ihrer eigenen Facebook-Seite von einer Falschmeldung. Die angebliche Moschee in Bernburg wird keine Moschee, sondern eine Wohnanlage für Alt und Jung.

Eintrag wird später relativiert

Und in Halle ist der Eintrag von Mord und Totschlag auf einer einschlägigen Facebook-Seite, gepostet erst am Wochenende, zwar mit dem Wörtchen „angeblich“ und Fragezeichen versehen. Das soll wohl den Eindruck von Objektivität erwecken. Später wird der Eintrag relativiert. Doch allein die Kombination Flüchtlinge/Tote genügt, um Kommentare wie diese zu provozieren: „Sollte das stimmen ist es bloß eine Frage der Zeit bis es an unser Volk geht. Solche Züge deuten definitiv auf radikal islamistisches verhalten(IS).“ Oder „Was für Zustände sind das hier? Müssen wir jetzt fliehen?“

Die Polizei verweist auch diese Geschichte ins Reich der Märchen: „So etwas ist im Maritim nicht passiert“, stellt eine Sprecherin klar. Was passiert ist: Auf einem Platz in der Nähe haben sich betrunkene Deutsche geprügelt, einer bekam eine Bierflasche über den Kopf. Blut war auf dem Pflaster, die Polizei vor Ort.

Lügen im Netz

Gegen Flüchtlinge wird im Netz nicht nur auf das Übelste gehetzt, was das Zeug hält. Es werden auch Lügen verbreitet, Fakten verdreht, immer abstrusere Legenden gestrickt. Um den Migranten zu schaden, sie zu diskreditieren. Um die eigenen Vorurteile weiterzuverbreiten und von denen, die sie liken und teilen, bestätigen zu lassen. Das Gerücht von Flüchtlingen, die klauen wie die Raben, ist dabei besonders beliebt. Beispiele finden sich in der gesamten Republik.

Gerade Facebook-Seiten von Gruppierungen, die gegen die Aufnahme von Flüchtlingen mobil machen, wimmeln von Gerüchten und Legenden: In der Regel kann dort jeder posten. Und jeder kann Einträge dort teilen und so weiterverbreiten. Erkenntnisse, dass organisierte Gruppen dahinter stecken, haben weder das Landeskriminalamt noch der Verfassungsschutz und das Innenministerium.

Lesen Sie auf der nächsten Seite unter anderem, warum Medienwissenschaftler Gerüchte in sozialen Netzwerken als besonders gefährlich erachten.

So falsch die Behauptungen auch sind, sie lassen sie sich kaum mehr aus der Welt bekommen. „Gerüchte verselbstständigen sich, das ist die Gefahr daran“, sagt Maren Schuster, Medienwissenschaftlerin an der Uni Halle. Und nicht nur das: Forscher zeigten schon vor Jahren in einer Studie, dass Menschen eher Gerüchten Glauben schenken als Fakten - selbst dann, wenn sie objektive Informationen zur Verfügung haben, die Klatsch und Tratsch widersprechen. Menschen seien es sogar gewöhnt, Entscheidungen anhand von Gerüchten zu treffen, so die Wissenschaftler um den Biologen Ralf Sommerfeld vom Max-Planck-Institut für Evolutionsbiologie in Plön (Schleswig-Holstein). Das hat auch mit unserer zunehmend komplexeren Welt zu tun, in der man längst nicht alles selbst überblicken kann, sondern auf Dritte angewiesen ist.

Stunde der Lügner und Verschwörungstheoretiker

Wo aber Fakten wenig zählen, schlägt die Stunde der Lügner und Verschwörungstheoretiker. Die sozialen Netzwerke tun ihr Übriges. Weil sich alles, mit dem man sie füttert, egal ob zutreffend oder nicht, sofort epidemisch verbreitet. Weil diejenigen, die Gerüchte bei Facebook, Twitter und Co. posten, sich in der vermeintlichen Anonymität des Netzes besonders sicher fühlen. „Von Angesicht zu Angesicht würden die meisten Menschen sicher nicht jemanden beleidigen oder Lügen über ihn verbreiten“, sagt Schuster.

Mit der Anonymität aber ist das so eine Sache: Blogs wie „Perlen aus Freital“ veröffentlichen Hass-Posts per Screenshot im Internet und verlinken auf die Profile der jeweiligen Kommentatoren. So sieht jeder, wer dahinter steckt. Ihr Ziel benannten die Blogger unlängst in einem Interview mit der „Welt“: Die Kommentatoren sollten sich „im realen Lebensumfeld“ für ihre rassistischen und menschenverachtenden Ausfälle rechtfertigen müssen.

Was aber tun gegen die Falschmeldungen und Legenden? Dagegen halten, fordert Medienwissenschaftlerin Schuster. Das sei die Verantwortung der Politik, aber auch der Medien. Sie müssten Gerüchte aufgreifen, ihnen nachgehen und sie zu widerlegen versuchen.

Eine Welt voller Vorurteile

Auch Michael Wollny hat dagegen gehalten, auf seine Art. Friedberg in Bayern: Dort betreibt Wollny einen Edeka-Supermarkt. Irgendwann kommt auch in der 30.000-Einwohner-Stadt das Gerücht auf: Die Flüchtlinge klauen dem Wollny den Laden leer, die Medien schweigen es tot! Nachdem ihn eine Kundin darauf angesprochen hat, postet der Einzelhändler auf Facebook eine wütende Richtigstellung: „Wer dieses Märchen unreflektiert aufnimmt und weiter erzählt, der erzählt absoluten Bullshit!“ Die Asylbewerber, heißt es weiter, die bei ihm einkauften, erlebe er als kultivierte und größtenteils gebildete Menschen, die dankbar seien, wenn sie ein paar Tipps oder Hilfe bei der Aktivierung ihrer Sim-Karten bekämen. „Die, mit denen ich die Freude hatte, mich unterhalten zu können, sind froh, den beschwerlichen Teil der Reise hinter sich zu haben und dankbar, wenn ihnen jemand wohlwollend begegnet.“

Er sei ganz sicher kein Sozialromantiker, schreibt Wollny noch, und sich der Herausforderungen, die uns und diese Menschen noch erwarteten, sehr wohl bewusst. „Ich weiß aber auch, dass niemand uns verbietet, ein guter Mensch zu sein!“ (mz)