Feind, Todfeind, AfD

Feind, Todfeind, AfD: Lager werfen sich „Bolschewismus“ und „Nordkorea“-Stil vor

Badeborn - Schon der Sitzplatz ist eine Botschaft. Daniel Roi lässt sich in der Mitte des Saales nieder, umgeben von 150 anderen Parteimitgliedern. Der von AfD-Landeschef André Poggenburg als Verschwörer und Umstürzler attackierte Landtagsabgeordnete will sich im Kulturhaus von Badeborn (Landkreis Harz) nicht an den Rand drängen lassen. Ich habe mir nichts vorzuwerfen - das ist seine Botschaft. Schon bald zieht es ihn mit einem Antrag ans Rednerpult, er will eine Absage an ein Bündnis mit der CDU durchsetzen. Doch ebenso schnell fährt er die erste Niederlage ein: Der Parteitag will darüber nicht einmal ...

Von Hagen Eichler 26.03.2017, 17:36

Schon der Sitzplatz ist eine Botschaft. Daniel Roi lässt sich in der Mitte des Saales nieder, umgeben von 150 anderen Parteimitgliedern. Der von AfD-Landeschef André Poggenburg als Verschwörer und Umstürzler attackierte Landtagsabgeordnete will sich im Kulturhaus von Badeborn (Landkreis Harz) nicht an den Rand drängen lassen. Ich habe mir nichts vorzuwerfen - das ist seine Botschaft. Schon bald zieht es ihn mit einem Antrag ans Rednerpult, er will eine Absage an ein Bündnis mit der CDU durchsetzen. Doch ebenso schnell fährt er die erste Niederlage ein: Der Parteitag will darüber nicht einmal reden.

„Verpisst euch!“, schreit eine Frau - Andere attackieren die Kritiker auch namentlich

Dies soll der Tag der Entscheidung werden. Roi und andere Unzufriedene hatten sich in einer Chatgruppe organisiert. Der Landesverband sei „von Kriminellen übernommen“, klagten sie dort. Von „Banditen“ ist die Rede, „Mafia“, „Vollblut-Assi“ - so putschten sich die Unzufriedenen auf, um den Vorstandssturz vorzubereiten. Doch die Chatprotokolle – die Rede ist von 370 Seiten – werden durchgestochen. Wenige Tage vor dem Parteitag verschickt Landeschef Poggenburg Auszüge an alle Mitglieder. Es ist eine Kampfansage.

Als Poggenburg ans Rednerpult geht, herrscht Spannung im Saal. Immer wieder seien Interna an die Presse gegeben worden, klagt er. Dadurch entstehe das Bild einer zerstrittenen Partei. „Kein Mitglied hat das Recht, konspirativ und pausenlos gegen den gewählten Vorstand zu arbeiten“, ruft Poggenburg. Jubel bricht los. „Verpisst euch!“, schreit eine Frau.

Andere attackieren die Kritiker auch namentlich. Hans-Thomas Tillschneider vom Rechtsaußen-Flügel spricht Roi direkt an, er wirft der Chatgruppe „bolschewistisches“ Agieren vor. „Verschwindet aus der Partei“, ruft der Harzer Frank Bauermeister, ein Mann mit langer grauer Mähne und Eisernem Kreuz auf dem Kapuzenpullover.

Die Angegriffenen wehren sich. Parteischädlich? Das sei das Agieren der Anderen, schimpft Armin Friese, Direktkandidat im Harz. Er berichtet, wie Landesschatzmeister Frank Pasemann ihn mit einem Anruf bedroht habe. „Wir sind doch nicht in Nordkorea!“, empört sich Friese. „Ich bin in der Gruppe, um uns gegen die Machenschaften des Landesvorstands zur Wehr zu setzen.“

Claudia Backhaus aus dem Saalekreis liefert sich ein Brüll-Duell mit anderer Frau

Buhrufe hallen durch den Saal, Claudia Backhaus aus dem Saalekreis liefert sich ein Brüll-Duell mit einer anderen Frau. Versammlungsleiter Kay Gottschalk versucht, die Aggression zu bändigen. Dann geht es um die Bestrafung der Enttarnten. Konsequenzen seien nötig, um die Blockade der Partei zu beenden, fordert Robert Farle, der Parlamentarische Geschäftsführer der Landtagsfraktion. Droht Roi und seinen Verbündeten der Parteiausschluss? Farle wird nicht genauer, der Landesvorstand soll freie Hand bekommen. Als darüber abgestimmt wird, wagen nur drei Mitglieder die Gegenstimme, andere enthalten sich. Jubel brandet auf.

Die „Verschwörer“ haben am Sonnabend keine Chance. Was auch immer sie anfangen – sie unterliegen. Der Wittenberger AfD-Kreischef Dirk Hoffmann rügt, dass Landesschatzmeister Frank Pasemann den Haushaltsplan nur mündlich vorträgt. Doch die große Mehrheit bügelt ihn ab. Demonstrativ ernennt der Parteitag Poggenburg zum „Spitzenwahlkämpfer“ der Bundestagswahl - obwohl der Landesvorsitzende nicht kandidiert.

Am Sonntag wird es knapp: Zwischen den beiden Lagern liegen nur 15 Stimmen

Am Sonntag, als die Partei ihre Bundestagskandidaten aufstellt, haben sich die Kräfteverhältnisse verschoben. Mehr als 250 Mitglieder sind jetzt anwesend. Auf den beiden Spitzenplätzen setzen sich Martin Reichardt und Frank Pasemann durch, die Kandidaten des Vorstandes. Auf Platz zwei kandidiert auch Kay-Uwe Ziegler, der ebenfalls in der umstrittenen Chatgruppe war. „Ich habe mir nichts vorzuwerfen“, sagt trotzig er und wird dafür mit stürmischen „Uwe, Uwe!“-Rufen gefeiert. Ziegler unterliegt, aber knapp: Zwischen den beiden Lagern liegen nur 15 Stimmen.

Trotz teils heftiger Kritik an der Führung Frauke Petrys zieht währenddessen die sächsische AfD mit ihr als Spitzenkandidatin in den Bundestagswahlkampf. Beim Landesparteitag in Weinböhla (Landkreis Meißen) stimmten am Sonntag knapp 72 Prozent der fast 280 Delegierten für die Landes- und Bundesvorsitzende auf Platz eins der Landesliste. Die 41-Jährige musste sich zwei Gegenkandidaten stellen. Sie hatten ihr vorwarfen, mit ihrer Haltung gegen den sogenannten Höcke-Flügel die Partei zu spalten. (mz)