Hightech aus der DDR

Computerchip aus der DDR: Hightech aus dem Osten

Erfurt - Das Bauteil, mit Milliardeninvestitionen im VEB Kombinat Mikroelektronik „Karl Marx" Erfurt zur Funktionsfähigkeit gebracht, sollte schließlich feierlich übergeben werden. DDR-Staats- und Parteichef Erich Honecker, in diesem Sommer 1989 schon ein schwerkranker Mann, lässt es sich nicht nehmen, ein Jahr nach dem ersten Funktionsmuster eines DDR-eigenen Ein-Megabit-Chips auch den ersten High-Tech-Prozessor aus eigenem Anbau selbst ...

Von Steffen Könau 12.09.2018, 11:55

Das Bauteil, mit Milliardeninvestitionen im VEB Kombinat Mikroelektronik „Karl Marx" Erfurt zur Funktionsfähigkeit gebracht, sollte schließlich feierlich übergeben werden. DDR-Staats- und Parteichef Erich Honecker, in diesem Sommer 1989 schon ein schwerkranker Mann, lässt es sich nicht nehmen, ein Jahr nach dem ersten Funktionsmuster eines DDR-eigenen Ein-Megabit-Chips auch den ersten High-Tech-Prozessor aus eigenem Anbau selbst entgegenzunehmen.

In einem von Neonröhren beleuchteten Raum hat der Initiator des DDR-Mikroelektronik-Programms seinen letzten großen Auftritt. „Den Sozialismus in seinem Lauf hält weder Ochs noch Esel auf", sagt Honecker.

Der DDR-Staatschef ist noch einmal glücklich. Während 200.000 DDR-Touristen in Ungarn darauf warten, in den Westen zu entkommen, preist der 76-Jährige die Vorzüge des Sozialismus. Die würden zeigen, „dass das Triumphgeschrei über das Scheitern des Sozialismus nicht das Geld wert ist, das dafür ausgegeben wird", sagt er. Honecker schwelgt im Gefühl, es allen Kritikern gezeigt zu haben.

Dass der Sozialismus siegen werde, finde durch die „große Initiative der Werktätigen ihre Bestätigung", ist er sich mit Blick auf die Schatulle mit dem Mikroprozessor sicher. Nur befindet sich in der eben kein funktionsfähiges Muster eines 32-Bit-Prozessors, wie Honecker, Wirtschaftschef Günter Mittag und die Führungsriege des Kombinats „Karl Marx" glauben. Sondern ein Bauteil, das nur so aussieht.

Mikrochip aus der DDR: VEB-Mitarbeiter tauschten funktionsfähigen Prozessor aus

Der echte Stolz der DDR-Mikroelektronik, gerade mal 84 Quadratmillimetern klein, ist kurz zuvor von Mitarbeitern des VEB Mikroelektronik gegen ein ähnlich aussehendes Bauteil ausgetauscht worden. „Wir dachten, dass es sowieso egal ist, was der da überreicht bekommt", erzählt der Mann, der das Original bis heute aufbewahrt, „dann haben wir gelost, wer ihn mit nach Hause nimmt". Keine politische Aktion, auch wenn alle Beteiligten kritisch über die DDR denken. „Wir wollten nur nicht, dass der das echte Ding bekommt."

Ein Vorhaben, das auch im Spätherbst der DDR gefährlich ist. „Hätten die das rausbekommen, wären Köpfe gerollt", ist der frühere Mikroelektroniker sicher.

Doch niemand bemerkt etwas. Erich Honecker lobt die Arbeit seiner Mikroelektroniker, die in 22 Betrieben mit rund 59.000 Mitarbeitern versuchen, der DDR einen Platz auf der High-Tech-Landkarte zu erobern. „Mit der neuen Schaltkreis-Generation" so glaubt der greise Staatsführer, „wird es möglich sein, Ingenieurarbeitsstationen für den Entwurf von Schaltkreisen herzustellen."

Hightech aus der DDR: Kostspielige Aufholjagd bei der Mikroelektronik

Es ist die letzte Hoffnung der DDR auf eine Zukunft als Industrieland. Rund 30 Milliarden Mark hat die SED bereits in die Aufholjagd im Mikroelektronikbereich gepumpt.

1,5 Milliarden kostete allein die Entwicklung des 32-Bit-Prozessors U80701, der dem westlichen Modell MicroVAX 78032 von DEC entsprach. Fünf Jahre lang fließen sieben Prozent aller verfügbaren Mittel in den neuen Industriezweig, für den traditionsreiche Firmen wie das Funkwerk Erfurt zu Elektronikschmieden umgebaut werden. Geplant ist, die Pilotproduktion im Herbst 1990 aufzunehmen, wenig später schon soll in einer Chipfabrik in Erfurt die Massenproduktion anlaufen.

Ein Kraftakt, der nötig geworden ist, weil die Wettbewerbsfähigkeit der DDR auf dem Weltmarkt dramatisch abgenommen hat. Es fehlt selbst dem Maschinenbau an Möglichkeiten, elektronische Komponenten einzusetzen, wie es die Kunden verlangen.

Westliche Technologie unterliegt dem Embargo, die östlichen Partner im RGW haben keinen Ersatz zu bieten. Obwohl Experten wie DDR-Planungschef Gerhard Schürer die Konzentration des Mitteleinsatzes auf die Mikroelektronik für eine Verzweiflungstat halten und allen Experten klar ist, dass der Vorsprung des Westens auf diesem Gebiet von der kleinen DDR nicht aufzuholen sein wird, setzen Honecker und Günter Mittag alles auf eine Karte.

Zwar würde die DDR mit ihren Bauteilen auf dem Weltmarkt nicht punkten können, so lange die Herstellung eines DDR-Chips Kosten in Höhe von 500 Mark verursacht, während der Chip auf dem freien Markt für fünf Mark zu haben war. Doch so lange die USA den Lieferanten im Westen den Export in sozialistische Länder untersagen, spekulieren sie, werden alle RGW-Staaten gezwungen sein, bei der DDR zu kaufen.

Dabei ist die Herstellung von Konsumartikeln anfangs eher als Nebeneffekt gedacht: Allein zwischen 1986 und 1990 sehen die Planungen eine Steigerung des Anteils der militärischen Produkte des Kombinates Carl Zeiss Jena von 15,7 auf 28 Prozent vor. High-Tech-Exporte für die Sowjetarmee sollen sogar um 275 Prozent steigen - nicht eingerechnet die erst in der Entwicklung stehenden Vorhaben zur Produktion von Zielsuchköpfen für Luft-Luft-Raketen und die Erstellung eines Systems zur Fernerkundung der Erde, mit dem der Warschauer Pakt auf das amerikanische SDI-Projekt antworten will.

Doch dann fällt der große Bruder als Abnehmer aus. Michael Gorbatschow gibt den Rüstungswettlauf auf, den das sozialistische Lager seiner Ansicht nach nicht gewinnen kann. Eilig muss Zeiss-Generaldirektor Wolfgang Biermann im Auftrag Honeckers eine neue Konzeption erstellen, wofür die High-Tech-Kapazitäten nun genutzt werden könnten. Neues Ziel ist es, im Jahr 1991 mit der Auslieferung erster Videorecorder zu beginnen. 1994 sollen eigene Ausrüstungen zur Herstellung von Speicherchips auf den Weltmarkt kommen.

Hightech-Produktion in der DDR: Vom Westen abgeguckt

Die Bedingungen dafür waren geschaffen, wenn auch nicht ganz aus eigener Kraft. Denn die Ingenieure im Osten fingen bei der Chipentwicklung nicht bei Null an. „Wir hatten sogenannte Fremdproduktanalysten", erinnert sich der Hüter des 32-Bit-Prozessors heute amüsiert, „die taten nichts anderes, als irgendwie aus dem Westen beschaffte Bauteile Mikrometer für Mikrometer auseinanderzunehmen". Anschließend wurde der Herstellungsprozess nachvollzogen. „Der Aufwand dabei entsprach einer Neuentwicklung."

Und die ursprünglichen Designer der Schaltkreise schauten quasi aus der Ferne zu, lächelnd und sich ihres Vorsprungs gewiss: „Einmal", erzählt der DDR-Mikroelektroniker, „fanden die Kollegen auf einem Chip eine mikroskopisch kleine Inschrift". Viele Grüße aus Silicon Valley stand da. Auf russisch. (mz)