Mehr als nur ein Lehrer

Nachruf: Leiter der Gedenkstätte Rehmsdorf Lothar Czoßek ist tot

Im Alter von 92 Jahre ist Lothar Czoßek gestorben. Als Chronist hat er sich um die Aufarbeitung der Geschichte des KZ in Rehmsdorf verdient gemacht.

Von Yvette Meinhardt
Lothar Czoßek ist am Monag im Alter von 92 Jahre verstorben. Aufopferunsvoll erforschte er die Geschichte des KZ-Außenlagers in Rehsmdorf. Dabei entstanden die Informationstafeln im Ort und eine Baracke wurde begehbar gemacht. FoTo: Hartmut Krimmer/Archiv

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Rehmsdorf - Der Ortschronist und Leiter der Gedenkstätte Rehmsdorf Lothar Czoßek ist tot. Er ist in der Nacht zum Montag im Alter von 92 Jahre bei seinem Sohn in Koblenz verstorben. „Er war manchmal wie ein Vater für mich“, sagt Volker Bachmann und trauert. „Ich erinnere mich noch wie er Ende der 1950er Jahre zum ersten Mal in unsere Schule kam und als Neulehrer vorgestellt wurde“, sagt er. Damals hat Czoßek Werken unterrichtet und in den oberen Klassen Technisches Zeichnen. Bachmann ist 71 Jahre alt und tritt als Stellvertreter der Gedenkstätte in Czoßeks Fußstapfen. Das wird sicher kein leichtes Erbe werden.

Erlebnis mit KZ-Häftlingen ließt Czoßek seines Lebens nicht mehr los

„Der Tod von Lothar Czoßek reißt eine große Lücke in das gesellschaftliche Leben in unserem Dorf“, sagt Thomas Heilmann (CDU), Ortsbürgermeister von Rehmsdorf. Auch er hatte Czoßek von 1975 bis 1985 zunächst als Lehrer im Unterricht kennengelernt. Doch Czoßek war mehr als nur ein engagierter Lehrer. Schon als junger Mensch wurde er mit dem Leid der Häftlinge im KZ-Außenlager Rehmsdorf konfrontiert.

Auf seinem Weg zum Bahnhof sind ihm die etwa 3.000 bis 4.000 KZ-Häftlinge auf ihrem Marsch vom Barackenlager Rehmsdorf zur Arbeitsstätte im Werk Tröglitz begegnet. Dieser lange Häftlingszug war, so berichtet der Chronist später, „das Schlimmste, was ich je gesehen habe“. Dieses Erlebnis ließ ihn zeitlebens nicht mehr los. So begann er als Lehrer, sich mit der Geschichte seines Heimatortes zu beschäftigen und insbesondere das dunkle Kapitel des KZ-Außenlagers Wille aufzuarbeiten.

Czoßek wurde Ortschronist und leitete in der Rehmsdorfer Oberschule

Die Existenz jenes Lagers war zu DDR-Zeiten durch Grabmale auf dem Rehmsdorfer Friedhof dokumentiert. Ab 1963 gab es einen Gedenkstein gegenüber dem Bahnhof. Dort wurden jedes Jahr zum Tag der Befreiung und zum Tag der Opfer des Faschismus Blumen niedergelegt. Doch eine geschichtliche Aufarbeitung gab es bis dato nicht. So fasst Czoßek 1972 den Entschluss, sich dieser Aufgabe zu widmen.

Erste Ergebnisse seiner Arbeit wurden im April 1985 zum 40. Jahrestag der Räumung des Lagers in der Schrift „KZ-Außenlager Wille - eine Stätte des Grauens“ veröffentlicht. Czoßek wurde Ortschronist und leitete in der Rehmsdorfer Oberschule (Klasse 1 bis 10) eine Arbeitsgemeinschaft und errichtete gemeinsam mit Jugendlichen ein Traditionskabinett in der Schule. Dieses wurde im Juni 1987 eröffnet und nach der Wende 1991 gleich wieder geschlossen.

Czoßek verfasste eine Reihe weiterer Publikationen über die Geschichte des Lagers

So standen dem Chronisten lange Jahre keine Räume für seine Arbeit zur Verfügung. 1995 wurden im Bürgerhaus Rehmsdorf, dem ehemaligen Herrenhaus des einstigen Rittergutes, mehrere Zimmer frei und es ergab sich die Möglichkeit, im historischen Ambiente eine Heimatstube zu errichten. Zwei Jahre später wurden die ersten Ausstellungsräume mit Tafeln, Dokumenten und Denkschriften eröffnet und zur Begegnungsstätte etabliert.

„Ich hatte damals zwei Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen (ABM) und war von der ersten Stunde an dabei. Zuerst haben wir die Räume ausgebaut und 2005 bekamen wir weitere zwei Räume und richteten die Dauerausstellung zum KZ-Außenlager ein“, erinnert sich Bachmann. Heute beherbergt das Museum neben zahlreichen Möbeln und Ausstellungsstücken auch 2.707 Schriftstücke. Denn seit der ersten Schrift hatte Czoßek eine Reihe weiterer Publikationen über die Geschichte des Lagers verfasst.

Schreibmaschine, Lupe und Mappe waren seine Arbeitsmittel.
Foto: Meinhardt

Ortschronist war es bis zum Schluss ein Bedürfnis, Heranwachsenden die Geschichte näher zu bringen

An erster Stelle steht dabei seine umfassende Dokumentation über das Lager unter dem Titel „Vernichtung - Auftrag und Vollendung“, später folgten zwei Nachträge. Aber auch Aufsätze, zahlreiche Interviews mit Zeitzeugen und ihren Nachkommen sowie weltweite Recherchen füllen inzwischen viele Aktenordner. Darüber hinaus hat Czoßek maßgeblichen Anteil am Bau des neuen Geschichtspfades, zu dem mehrere Tafeln gehören, und der Sanierung einer der ehemaligen KZ-Baracken und ihrer Freigabe für Besucher. Knapp 12.000 Besucher kamen bereits in die Gedenkstätte, darunter etwa 260 ausländische Gäste und rund 3.300 Schüler.

„Mit über 80 Jahren hat sich Lothar noch an Computertechnik herangewagt. Das ist sehr beachtlich“, sagt Detlev Lutz, der gegenwärtig in der Gedenkstätte arbeitet. Den Laptop habe Czoßek von Nachfahren eines Häftlings bekommen. Dem Ortschronist war es bis zum Schluss ein Bedürfnis, Heranwachsenden die Geschichte näher zu bringen. So hat er noch im Oktober 2020 eine Klasse mit 22 Mädchen und Jungen aus Meuselwitz geführt. „Im Alltag schaffte er es kaum noch, die Treppe zu steigen, doch für die Schüler ist er bis unters Dach gestiegen und hat sie durch die Ausstellung geführt“, sagt Lutz. (mz)