CSI Bronzezeit

CSI Bronzezeit: Der Retter der Himmelsscheibe von Nebra hat ein Buch geschrieben

Halle (Saale) - Es sind zwei Männer, die in jenem Sommer 1999 ein wenig unsicheren Schrittes durch den Wald am Mittelberg bei Nebra streifen, an dem heute ein großer Aussichtsturm steht. Henry Westphal und Mario Renner sind noch ein wenig angetüdelt von einer langen Nacht, dennoch aber unterwegs, um ihrem Hobby nachzugehen: Mit ihren Metalldetektoren suchen sie den laubbedeckten Waldboden nach sogenannten Militaria ab, Resten von Waffen, Ausrüstungsgegenständen oder ...

Von Steffen Könau 04.11.2018, 12:00

Es sind zwei Männer, die in jenem Sommer 1999 ein wenig unsicheren Schrittes durch den Wald am Mittelberg bei Nebra streifen, an dem heute ein großer Aussichtsturm steht. Henry Westphal und Mario Renner sind noch ein wenig angetüdelt von einer langen Nacht, dennoch aber unterwegs, um ihrem Hobby nachzugehen: Mit ihren Metalldetektoren suchen sie den laubbedeckten Waldboden nach sogenannten Militaria ab, Resten von Waffen, Ausrüstungsgegenständen oder Abzeichen.

Was sie dann finden, an einem sonnigen Sonntag, an dem beide nur hoffen, bis zum Beginn eines Formel-1-Rennens wieder daheim zu sein, ändert aber nicht nur das Leben der beiden Mansfelder, sondern die gesamte Geschichte des Landstrichs, der heute Sachsen-Anhalt heißt: Der Metalldetektor piepst, eine Art Eimerdeckel taucht locker im Boden steckend auf, mit den Händen und einem Grabehammer wühlen die beiden, sie finden Schwerter, Beile, Meißel und Armreifen. Sie freuen sich, denn damit, glauben sie, wird sich gut Geld verdienen lassen.

Landesarchäologe Harald Meller rettete die Himmelsscheibe für Sachsen-Anhalt

Sachsen-Anhalts Landesarchäologe Harald Meller erfährt erst Jahre später von dem epochalen Fund. Und hat, als es ihm in einer krimireifen Aktion gemeinsam mit Beamten des Landeskriminalamtes gelingt, die Scheibe in einer fingierten Kaufaktion in der Schweiz nach Sachsen-Anhalt zurückzuholen, ein Problem: Die beiden Finder haben am Fundort keine Fotos gemacht, nichts notiert, es gibt keine Skizzen, keine Pläne und nur wage, sich widersprechende Erinnerungen.

Doch moderne Wissenschaft, das zeigt das von Harald Meller zusammen mit dem Historiker und Wissenschaftsjournalisten Kai Michel geschriebene dickleibige Buch „Die Himmelsscheibe von Nebra“, ist in der Lage, aus schmalen Indizien und dünnen Hinweisen eine ganze, vor tausenden von Jahren untergegangene Welt wiederauferstehen zu lassen.

Was in Basel als Krimi unter dem Titel „Die Jagd auf die Sterne“ begann, setzt sich auf den 383 Seiten des mit zahlreichen farbigen Illustrationen und Bildern versehenen Schlüsselwerkes zu einer „untergegangenen Kultur im Herzen Europas“ (Untertitel) fort.

Himmelsscheibe von Nebra wertete die Archäologie im Land auf

Meller, dem es mit seinem Amtsantritt und der wenig später aufgetauchten Himmelsscheibe gelang, der Archäologie in Sachsen-Anhalt ein ganz neues, frisches Indiana-Jones-Image zu verpassen, führt seine Leserinnen und Leser in der zweiteiligen Darstellung des Buches einmal direkt auf die Spur der Scheibe. Nach der Fundgeschichte folgt die Sicherstellung, anschließend dann ein Bericht über den mehr als ein Jahr lang andauernden Prozess, in dem die Echtheit der Scheibe bestätigt werden konnte.

Der Ton ist plaudernd, die Autoren sind um populäre Darstellungsweisen und griffige Vergleiche bemüht, um auch Fans von Dan Brown und Andreas Eschbach zu erreichen. Dabei bleibt die Erzählung aber stets wissenschaftlichen Standards verpflichtet: Wenn Meller spekuliert, dann erweckt er nicht den Anschein, es handele bei sich seinen spannenden Geschichten um mehr als begründete Vermutungen.

Im zweiten, längeren Abschnitt dann lässt der Landesarchäologe von Sachsen-Anhalt, unter dessen Leitung das Landesmuseums für Vorgeschichte in Halle zu einem überregionalen Leuchtturm unter den ostdeutschen Museen wurde, die Zeit wiederauferstehen, in der der „König der Himmelsscheibe“ lebte. Oder gelebt haben könnte, denn den Königstitel verleiht Meller dem Bronzezeitfürsten, von dessen Macht heute noch der frühbronzezeitliche Großgrabhügel Bornhöck bei Dieskau (Kabelsketal) kündet, nur unter Vorbehalt und mit Fragezeichen.

Aber das wirklich Spannende am Fund von Nebra, der anfangs „Sternenscheibe von Sangerhausen“ genannt wurde, ist ja genau das, was man nicht oder nicht mit letzter Sicherheit weiß. Wie Detektive in einem Kriminalfall, daran lässt Harald Meller keinen Zweifel, müssen er und seine Fachkollegen bei der Erforschung der historischen Wahrheit vorgehen: CSI Bronzezeit mit Materialtests, Kernspintomografen und Computeranalysen, deren Ergebnisse die Wahrheitsfindung in Millimeterschritten voranbringen.

Himmelsscheibe von Nebra birgt weiter Geheimnisse

Manches wissen die Forscher inzwischen genau, vieles andere glauben sie zu wissen. Aber die meisten Geheimnisse verbirgt die Himmelsscheibe von Nebra auch fast zwei Jahrzehnte nach ihrem unerwarteten Wiederauftauchen aus dem festgebackenen Erdreich des Mittelberges trotzig vor der menschlichen Neugier.

Harald Meller erläutert hier die mutmaßliche Entstehungsgeschichte, die Funktionen, die sich nach Ansicht der führenden Fachleute hinter den Symbolen auf der Vorderseite verbergen, und er beschreibt die Wandlungen, die der 2,3 Kilogramm schwere Bronzeteller vor tausenden von Jahren erfahren hat. Aber klar ist dabei immer, dass es bis zur letzten Wahrheit über die Himmelsscheibe, ihre Schöpfer und deren Zeit noch ein weiter Weg sein wird. (mz)

Die Himmelsscheibe von Nebra. Harald Meller, Kai Michel, 384 Seiten, 25 Euro, Propyläen-Verlag.