Adolf Hitler

Adolf Hitlers Asche wurde in Sachsen-Anhalt verteilt

Magdeburg/Halle (Saale) - Es ist der 5. April 1970, als der selbsternannte Führer des Deutschen Reiches sein Ende findet.

Von Steffen Könau 16.06.2016, 22:10

Es ist der 5. April 1970, als der selbsternannte Führer des Deutschen Reiches sein Ende findet.

Oberst Kowalenko, Major Schirokow und Oberleutnant Wladimir Gumenjuk fahren in einem Jeep GAZ-69 auf der Landstraße K1010 beim Städtchen Biederitz in der Nähe von Magdeburg auf einen Feldweg. Die drei Männer stoppen keine 20 Meter entfernt von der Landstraße an einem Wasserlauf, der Umflutehle genannt wird.

In Sichtweite der Schweinebrücke, die nebenan das Wasser überspannt, hält der Lkw. Aus einem Sack streut Wladimir Gumenjuk Asche ins Wasser.

Es ist das Ende einer Geheimaktion mit dem Namen „The Archives“, die KGB-Chef Juri Andropow mit dem Segen von Staats- und Parteichef Leonid Breshnew angeordnet hat.

Skelette in  Munitionskisten

Am Morgen desselben Tages haben die drei Mitglieder der Sondereinsatzgruppe des KGB in der 3. Armee der Gruppe der sowjetischen Streitkräfte in der DDR im Hof des Hauses Westendstraße Nr. 32 - heute Klausenerstraße 23 - zu graben begonnen. Abgeschirmt durch ein Zelt, wie Gumenjuk später erzählt.

„Gasmasken schwefeln“, lautet die offizielle Begründung. In Wirklichkeit aber graben sie hier und auf einem Grundstück nebenan fünf Munitionskisten aus. Darin: Die sterblichen Überreste von Eva Braun, Adolf Hitler und der Familie Goebbels.

Halb zerfallen nach einem Vierteljahrhundert im Boden, werden die Skelette in Kisten umgepackt, die eigentlich der Aufbewahrung von Maschinenpistolen dienen.

Auf dem Übungsgelände der Panzertruppe am Biederitzer Busch stapeln die Männer die Kisten, vielleicht aber, so zumindest behauptet ein Protokoll der Aktion, war es auch ein „unbebautes Terrain in der Gegend der Stadt Schönebeck, elf Kilometer von Magdeburg“.

Verbrannt im Lagerfeuer

Weg ist weg: Wladimir Gumenjuk gießt 20 Liter Benzin darüber und zündet an, was von der Führung des Dritten Reiches noch übrig ist. „Die Vernichtung der Überreste wurde auf dem Weg des Verbrennens in einem Lagerfeuer durchgeführt“, schreiben die drei Spezialeinsatzkräfte später auf.

Nichts soll bleiben, so hat es die Sowjetführung im März beschlossen, als der Geheimdienst- und spätere Sowjetchef Andropow seine Führung in einem mit der Nummer 655A versehenen Brief zum ersten Mal darauf hinweist, dass die am 21. Februar 1946 in der Westendstraße 32 vergrabenen Überreste Hitlers mit der Übergabe des Grundstücks an die DDR-Behörden in die Hände der Deutschen fallen würden.

Eine Vorstellung, die der großen Brudermacht überhaupt nicht gefällt. Es habe die Angst geherrscht, dass Hitlers letzte Ruhestätte zu einem Ort für Nazi-Pilgerer werden könne, hat der frühere Sowjet-General Wassily Khristoforov später beschrieben. Eine Angst, die den Umgang der Sowjettruppen mit Hitlers Überresten von Anfang an bestimmte.

Am 4. Mai 1945 hatten Soldaten der 3. sowjetischen Stoßarmee Hitlers Leiche in einem Bombentrichter am Gartenausgang des Führerbunkers nahe der Berliner Reichskanzlei entdeckt. Hitler wurde aus-, dann aber wieder eingegraben, weil Männer der Spionageabwehr den inzwischen gefundenen Körper von Hitlers Doppelgänger Gustav Wehler für den echten Hitler halten.

Als der Irrtum entdeckt wird, gräbt man Hitler Nummer 1 wieder aus und überführt die sterblichen Überreste nach Buch bei Berlin, um den „Führer“ einwandfrei zu identifizieren.

Vor allem Joseph Stalin lebt in der Furcht, Hitler könne doch aus dem belagerten Berlin entkommen sein. Hatte er die Mitteilung vom Tod seines Widersachers Anfang Mai 1945 noch so quittiert: „Schade, dass wir ihn nicht lebend erwischt haben“, lässt er ein Jahr später im Unternehmen „Mythos“ eine Todesfallermittlung in Sachen Hitler anstellen.

Bestätigt werden Stalins Befürchtungen immer wieder durch Gerüchte von einer Flucht nach Südamerika. Auch der US-Geheimdienst CIA traut dem Toten nicht: Noch 1955 findet sich in den US-Archiven ein Dokument mit der Nummer HVCA 2592, das von einer Hitler-Sichtung in Kolumbien berichtet. Auch in Chile und der Antarktis wurde Hitler vermutet.

Der hallesche Historiker Henrik Eberle hat Stalins Furcht vor einem untoten Hitler in „Das Buch Hitler“ beschrieben, einer Dokumentation der Erinnerungen von Hitlers Dienern, die unter NKWD-Aufsicht zu Papier gebracht werden musste, damit Stalin sicher sein konnte, dass sein Gegenspieler vom Erdboden verschwunden war.

Odyssee des toten Diktators

In Wirklichkeit aber ist der „Führer“ und Reichskanzler auf eine Odyssee gegangen. Die 3. Stoßarmee nimmt ihre Trophäe mit, als sie von Buch nach Finow umzieht. Hitler wird erneut begraben. Aber um die Identifizierung zu wiederholen, Tage später exhumiert.

Am 17. Mai landet er wieder unter der Erde, diesmal im Wald. Aber wieder nicht für lange. Schon im Sommer bekommt die Abteilung den Befehl, nach Rathenow zu verlegen. Nicht ohne unseren Hitler, befiehlt der Kommandeur, und lässt Hitler wieder aus- und am neuen Standort der Einheit eingraben. Zur Tarnung werden Kiefern auf das Grab gepflanzt.

Lange bleibt der Tote auch hier nicht liegen. Schon acht Monate später holt man die Leichen wieder aus der Erde und bringt sie zur neuen Kommandantur in Magdeburg. Hier verbringt Hitler die nächsten 24 Jahre, nur gestört durch einen Straßennamenwechsel mit neuen Hausnummern, die Jahrzehnte später dazu führen wird, dass internationale Kamerateams immer wieder auf dem falschen Hof filmen, Wissenschaftler falsche Proben untersuchen und Zeitzeugen sich an Dinge erinnern, die dort, wo sie stehen, nie geschehen sein können.

Fakt aber ist, Hitler verbrachte Jahrzehnte in Sachsen-Anhalt, ausgerechnet in Sachsen-Anhalt, einem Land, das er zu Lebzeiten überhaupt nur acht Mal besucht hat - und mit dem er keine guten Erinnerungen verband. Der Historiker Harald Sandner, der in seinem neuen Werk „Hitler - Das Itinerar“ alle Reisen von Hitler zwischen 1889 und 1945 aufgelistet hat, fand kaum Abstecher nach Halle, Dessau oder Magdeburg.

Zweimal besuchte Hitler den Architekten Paul Schultze-Naumburg auf Burg Saaleck, einige Male ist er auf der Durchreise von oder nach Berlin, bleibt aber im Hotelzimmer.

Ein aufsehenerregender Auftritt in Halle

Nur ein Auftritt im Jahr 1932 erregt wirklich Aufsehen. Vor 35 000 Teilnehmern, wie die KPD-Zeitung „Klassenkampf“ gezählt hat, die aber vielleicht auch 120 000 Teilnehmer waren, wie die Hallischen Nachrichten angaben, spricht Hitler an seinem 43. Geburtstag auf der Pferderennbahn auf den Passendorfer Wiesen.

„Paradepferd Adolf“ kommentiert der „Klassenkampf“ den „Rummel“, für den „Tausende unverkaufter Karten“ hätten verschenkt werden müssen. Um fünf Uhr nachmittags erst sei Hitler aufgetaucht und habe eine Rede mit dem Inhalt „wenn ich mit dem Fliegenbart nicht wäre, müsste die Welt untergehen“ gehalten, urteilt der „Klassenkampf“ gallig.

Freundlicher wird Hitler bei Ausflügen hierher nie wieder empfangen. Als er im Oktober wieder nach Halle kommt, begrüßen ihn wütende KPD-Anhänger. Auf der Fahrt aus der „Goldenen Kugel“ zu einer Rede in einem Zirkuszelt auf dem Sarassaniplatz kommt es zum Eklat. Obwohl sich SS- und SA-Männer um den Wagen scharen, zwingen Hitler-Gegner die Kolonne zum Halt.

„Arbeiterfäuste hoben den Wagen auf einer Seite in die Höhe“, reportiert der „Klassenkampf“. Und das ist noch nicht das Ende: Als Hitler im Zelt vor 12 000 Anhängern spricht, zerhackt der 24-jährige Arbeiter Franz Heyl im Keller ein Stromkabel mit einer Axt. Hitler ist außer sich. Die SA jagt den Täter.

Während Hitler nach Magdeburg weiterreist, wo er mit Steinen beworfen wird, gelingt es Heyl, zu entkommen. Erst nach der Machtergreifung wird der Jungkommunist verhaftet und wegen Hochverrats im KZ Lichtenburg interniert.

Zu dieser Zeit hat Hitler seine Ausflüge nach Sachsen-Anhalt fast eingestellt. Zum letzten Mal, das verraten die 2 432 Seiten von Sandners „Itinerar“, ist der „Führer“ 1938 in der Region. Er besucht den Gauparteitag in Dessau mit 56 000 Teilnehmern, fährt begleitet von Jubel durch die Askanische Straße zur Kavalierstraße und wohnt der Einweihung des neuen Theaters bei.

Erst nach seinem Tod kehrt er zurück. Und statt der Prachtbestattung in Linz, die sich Hitler ausgemalt hatte - samt SS-Parade, goldenem Sarg mit Ural-Edelsteinen und Mausoleum - folgt der Sturz von der Schweinebrücke.

Weitere Informationen und Hintergründe: www.bit.ly/hitlertage

(mz)