Weltreise

Weltreise: Ein Zeitzer will die Welt umrunden - zu Fuß

Zeitz/Jena/Welt - Ein Zeitzer will die Welt zu Fuß umrunden. Warum Rico Reißmann derzeit eine Zwangspause machen muss.

Von Sebastian Münster 22.01.2017, 07:00

Seine Füße haben Rico Reißmann in den vergangenen eineinhalb Jahren rund 9.000 Kilometer getragen. Mehr als 20.000 haben sie noch vor sich. Das stellt den gebürtigen Zeitzer mitunter vor ganz praktische Probleme: Für die Schuhgröße 48 findet der 31-jährige Weltreisende nur schwer die passende Ausrüstung. Derzeit bereitet der Fußgänger aus Überzeugung die nächste Episode seiner Wanderung um den Globus vor. Dabei sollte er eigentlich gar nicht hier sein. Doch von Anfang an:

Alles beginnt 2015 mit der Frage: „Komm, was gibt es zu verlieren?“, erinnert sich der damalige Versicherungskaufmann, den die Trennung von seiner damaligen Freundin nachhaltig mitgenommen hatte. Der Alltag im Büro scheint ihm plötzlich sinnlos. Er trifft den Entschluss, alles hinter sich zu lassen. Rico Reißmann verkauft alles, was er besitzt, einschließlich Auto. „Heute befindet sich mein gesamtes Hab und Gut in fünf Umzugskartons im Keller eines Freundes“, so der Weltreisende.

Fan ferner Länder will zu Fuß reisen

Klar war dem Fan ferner Länder auch: Er will zu Fuß reisen. Einfach loslaufen. Gen Osten. Und dann immer weiter, bis in die Türkei, den Iran, nach Indien und schließlich um die ganze Welt. „Man weiß morgens noch nicht, wo man am Abend schläft. Ein mulmiges Gefühl war das anfangs schon. Aber es ist auch das, was ich daran mag“, so Reißmann. Der Tüftler ist vorbereitet. Aus einer Auto-Dachbox, Metallschienen und ein paar Rädern baut er sich eine Art High-Tech-Handwagen. Darin bewahrt er Schlafsack, Zelt, ausreichend Kleidung und Wasservorräte auf. Eine Solarzelle auf dem Transportgefährt erzeugt genug Strom, um das Mobiltelefon zu laden, mit dem sich der Wanderer selbst durch entlegenste Gegenden navigiert.

„Anfangs bin ich 30 bis 35 Kilometer am Tag gelaufen. Danach ist man fertig mit der Welt. Mittlerweile laufe ich ohne Probleme 40 bis 45 Kilometer am Tag“, so Reißmann.

Ein Tag im Leben des Weltreisenden beginnt bei Sonnenaufgang

Ein Tag im Leben des Weltreisenden beginnt bei Sonnenaufgang und endet, wenn es dunkel wird. Einheimische sehen den Wanderer und laden ihn ein. „Oft habe ich auch geklingelt und gefragt, ob ich mein Zelt im Garten aufstellen kann. Meist hat das prima funktioniert“, erinnert er sich. So bahnt sich Rico Reißmann binnen viereinhalb Monaten seinen Weg bis Georgien. Dort überwintert er vier Monate lang, lebt in einer Wohngemeinschaft, arbeitet in einer Tageseinrichtung für Behinderte.

Sich selbst beschreibt der Zeitzer als Reisender. „Ich bin kein Tourist. Ich steige nicht in einen Flieger, um mir Sehenswürdigkeiten anzuschauen.“ Was will er stattdessen erreichen? „Meinen großen Traum leben“, sagt er. Und das ist nicht gerade ein Spaziergang. Etliche Klimaextreme hat Reißmann mitgemacht: den frostigen georgischen Winter, die iranische Wüste, den Monsun in Indien. Und immer zu Fuß. Warum eigentlich? „Was ich will, ist langsam sein und mir Zeit nehmen“, so der Weltreisende. „Das ist die einzige Möglichkeit, zu begreifen, wie groß unsere Welt eigentlich ist.“ Und soviel weiß Rico Reißmann jetzt schon: „Sie ist riesig.“

Ein Jahr und fünf Monate war Reißmann unterwegs

Ein Jahr und fünf Monate war Reißmann unterwegs, zwölf Monate davon ist er praktisch durchgelaufen. Nach der Winterpause in Georgien ging es weiter durch Aserbaidschan in den Iran – 2.000 Kilometer von Nord nach Süd – und schließlich stieg Rico in den Flieger nach Dubai. Bis dorthin hatte den Weltenbummler nichts aufhalten können. Nicht einmal zwei Unfälle, bei denen unachtsame Kraftfahrer den Fußgänger unsanft aus dem Weg räumten, hatten ihn dauerhaft von seiner Wanderung abgehalten.

Zum Verhängnis wurde ihm eine Waschmaschine. „In Dubai habe ich meinen Pass mitgewaschen“, erinnert er sich. Ein Missgeschick mit Folgen. Nach einer vierwöchigen Behörden-Odyssee hat Rico Notpapiere und ein Visum für die nächste Station seiner Reise: Indien. Allerdings nur für drei Monate. Weit weniger als er wollte. Reißmann macht trotzdem weiter, läuft quer durch Indien von Mumbai bis nach Darjeeling, wo er im vergangenen November ankommt. Doch ohne neuen Pass wird die Weiterreise schwierig, ein Visum für Myanmar und China ist nur schwer zu bekommen.

Noch 20.000 Kilometer vor sich

So beschließt der Zeitzer im vergangenen November, vorerst in seine Wahlheimat Jena zurückzukehren. Geplant war das nicht. „Eigentlich sollte es Non-Stop um die Welt gehen.“ Für den Rastlosen ist der notgedrungene Stillstand schwer auszuhalten. Er hat sich etwas vorgenommen, das er zu Ende bringen will. Und immerhin hat er noch 20.000 Kilometer vor sich. Spätestens im April will Rico Reißmann wieder laufen. Vorher will er sich mit Jobs Geld verdienen. Unterstützt wird er auch vom Zeitzer Goldschmiedemeister Andreas Otto und Jörg Stöver, Betreiber des Sportgeschäfts am Roßmarkt.

Durch Südostasien will er sich demnächst seinen Weg weiter bis Australien bahnen und die Ostküste des Kontinents entlang laufen. Zum Schluss will der Weltreisende Nordamerika durchqueren und über Südeuropa zurück in die Heimat laufen. Ein Schritt nach dem anderen. Wie lange das dauert, ist ihm egal. Nach eineinhalb Jahren hält der Weltreisende alles für möglich. „Vielleicht treffe ich meine Traumfrau und komme überhaupt nicht wieder“, scherzt er.

Über seine Erfahrungen berichtet Rico Reißmann im Internet bei facebook in der öffentlichen Gruppe „Rico’s Long Walk“. (mz)