Selbstverbrennung 1976

Selbstverbrennung des Pfarrers Oskar Brüsewitz vor 40 Jahren

Zeitz - Es war ein spektakulärer Protest gegen das SED-Regime: Am 18. August 1976 übergoss sich Oskar Brüsewitz, der evangelische Pfarrer von Rippicha (Burgendlandkreis), vor der Zeitzer Michaeliskirche mit Benzin, das er entzündete.

18.08.2016, 06:45

Es war ein spektakulärer Protest gegen das SED-Regime: Am 18. August vor 40 Jahren übergoss sich Oskar Brüsewitz, der evangelische Pfarrer von Rippicha (Burgendlandkreis), vor der Zeitzer Michaeliskirche mit Benzin, das er entzündete.

Vier Tage darauf erlag er den Verbrennungen im Krankenhaus Halle-Dölau, isoliert von Familie und Freunden. Der Philosoph, Theologe und SPD-Politiker Richard Schröder (72) gehörte 1976 zu den Amtskollegen von Brüsewitz. Mit Schröder sprach unser Redakteur Christian Eger.

Herr Schröder, ist die Selbstverbrennung von Oskar Brüsewitz ein Ereignis, an das öffentlich erinnert werden sollte?
Schröder: Das denke ich schon. Es war ein sehr tiefgreifender Einschnitt damals, zunächst geprägt von Unverständnis auf allen Seiten. Niemand hatte damit gerechnet, dass ein Pfarrer in der DDR so etwas tun würde. Damit war ein Punkt erreicht, an dem sich der Widerspruch gegen den Staat weit über die Kirche hinaus artikulierte. Das hatte Folgen bis hin zur Ausweisung von Biermann.

Wo sehen Sie die?
Schröder: Kurz nachdem Brüsewitz sich verbrannt hatte, gab Biermann nach zwölf Jahren Auftrittsverbot sein erstes öffentliches Konzert, nämlich in der Nikolaikirche in Prenzlau. Dort sprach er vom „Abhauen“ und dass es auch das Abhauen als „Flucht in den Tod“ gäbe. Das war eine Anspielung auf Brüsewitz. Heute wissen wir, dass die SED nichts so sehr fürchtete wie eine innerparteiliche Opposition, die sich mit der Kirche verbinden könnte. Genau das zeichnete sich ab. Das wird ein Grund gewesen sein, dass man beschloss, Biermann auf hinterhältige Weise außer Landes zu befördern.

Warum tat Brüsewitz, was er tat?
Schröder: Zwischen Brüsewitz und der örtlichen Staatssicherheit in Zeitz hatte es eine längere Geschichte gegeben. Er selbst hatte ein sehr konfrontatives, schwarz-weißes Weltbild. Die Stasi muss darauf eingestiegen sein. Es gab damals die FDJ-Losung „Ohne Gott und Sonnenschein bringen wir die Ernte ein“. Brüsewitz, der seinen Pfarracker selbst bestellte, fuhr mit einem Pferdewagen nach Zeitz. Der trug das Plakat: „Ohne Regen, ohne Gott geht die ganze Welt bankrott.“

Dann passierte etwas, was heute kaum erwähnt wird. Im September 1975 brannte bei Brüsewitz die Scheune. Ungerufen erschienen sofort die Feuerwehr - und die Stasi. Sie seien auf einer Übungsfahrt gewesen, sagten die. Und: „Wir haben gesehen, dass bei ihnen die Scheune brennt. Sollen wir löschen oder wollen sie erst zu ihrem Gott beten, dass er es regnen lässt?“

Die Geschichte hat Brüsewitz seinen Freunden erzählt, auch dem Bischofsvertreter, der sie nach dem Tod von Brüsewitz dem Staatssekretär für Kirchenfragen mitteilte.

Nach dem Tod von Brüsewitz wurde die Stasi-Kreisbehörde Zeitz einer Revision unterzogen. Bei der Gelegenheit wurden die Brüsewitz betreffenden Akten vernichtet, so dass man dieses Ereignis nicht in den Akten findet. Aber alle Kenner wissen, dass die Scheune gebrannt hat. Sie wissen auch, dass es keine echten Ermittlungen nach der Brandursache gegeben hat.

Welchen Zusammenhang sehen Sie mit der Selbstverbrennung?
Schröder: Brüsewitz erlebte sich als ausgeliefert. Er sann darauf, ein Protestzeichen zu setzen, ohne dass der Staat ihm etwas konnte. Anfang 1976 hatte er damit begonnen, sich mit dem Gedanken der Selbstverbrennung zu beschäftigen. Angeregt worden ist er - abgesehen von dem Scheunenbrand, mit dem ich einen Zusammenhang sehe - von spektakulären Selbstverbrennungen, die es damals gab. Buddhistische Mönche verbrannten sich aus Protest gegen das südvietnamesische Regime, Jan Palach in Prag gegen den Einmarsch der sowjetischen Truppen in Prag. Mit einem Freund sprach Brüsewitz darüber, dass er einen Plan mit drei Stufen habe. Er sagte nicht, welche. Nachdem der Bischofsvertreter mit Brüsewitz gesprochen und ihm einen Wechsel der Pfarrstelle empfohlen hatte, um die Situation zu entkrampfen, hatte er seinem Freund gesagt, er ziehe jetzt Stufe drei vor. Das ist offenbar die Selbstverbrennung gewesen.

Brüsewitz hatte ein Plakat aufgestellt, dessen Aufschrift nicht verbreitet werden durfte in der DDR. Darauf hieß es: „Die Kirche in der D.D.R. klagt den Kommunismus an! Wegen Unterdrückung in Schulen an Kindern und Jugendlichen!“ Das war der politische Kern des Protests. Und der ist tatsächlich ein Thema. Eines, das heute im Blick auf DDR zu kurz kommt?
Schröder: Das glaube ich schon. Und zwar deshalb, weil die Zahl derer, die davon betroffen waren, aufs Ganze gesehen nicht so sehr groß war. Es betraf die engagierten Christen und politischen Oppositionellen. Ich selbst wurde als christlicher Apothekersohn mit 14 Jahren aus dem Schulsystem aussortiert. Brüsewitz hat es bei seinen Kindern erlebt, dass sie nicht zur Oberschule durften. Wer nichts dabei fand, in die Pionier- oder Jugendorganisation einzutreten, wer nichts dabei fand, zur Jugendweihe zu gehen, den betraf das ja nicht. Der konnte das nicht nachempfinden. Bis heute nicht.

Jugendliche konnten nicht den Bildungsweg einschlagen, zu dem sie befähigt gewesen wären. Wie soll man mit dieser für die Betroffenen bis heute fortwirkenden Tatsache umgehen?
Schröder: Wenn jemand aus solchen Gründen mit seiner Biografie Schiffbruch erlitten hat, dann müsste man schon überlegen, wie man ihm helfen kann. Aber bei der Idee, grundsätzlich alle Benachteiligungen aus DDR-Zeiten in Heller und Pfennig umzumünzen, ist mir nicht so richtig wohl.

Es geht um ein Erinnern an die Tatsachen,...
Schröder:
Das ist völlig richtig.

..die in der allgemeinen Wahrnehmung verschwinden. Entweder weil man selbst nicht betroffen war oder weil man es hingenommen hat.
Schröder: Das zweite ist ein nicht unbedeutender Aspekt. Viele Leute möchten die Benachteiligungen in der DDR nicht wahrhaben, weil sie es sich sonst übelnehmen müssten, sich damals nicht gerührt zu haben. Denn das ist natürlich schon wahr: Wenn sehr viele Leute gesagt hätten, das ist ja eine Schweinerei, was da geschieht, das wäre vielleicht nicht ohne Wirkung geblieben. Aber so ist es, wie so oft: Wenn es mich nicht betrifft, halte ich die Klappe. Das ist der Punkt, an den man erinnern muss. Es geht dabei nicht nur um Pfarrerkinder.

Sie waren 1976 Pfarrer im mansfeldischen Wiederstedt. Kannten Sie Brüsewitz persönlich?
Schröder: Nein. Wir hatten nur von ihm gehört. Davon, dass er ein Sonderling gewesen sein soll und dass er es seinen pfarramtlichen Kollegen nicht leicht machte.

Wie erfuhren Sie von der Selbstverbrennung?
Schröder: Die erste Nachricht kam durch einen kirchlichen Rundbrief, der - weil er auf dem Postweg abgefangen worden wäre - per Auto von Pfarramt zu Pfarramt verteilt wurde, mit Kurier.

Am 30. August veröffentlichte das „Neue Deutschland“ einen Kommentar in Sachen Brüsewitz.
Schröder: Die SED hatte propagandistisch noch bis zur Beerdigung still gehalten. Dann hat sie so richtig draufgehauen mit falschen Behauptungen. Dass Brüsewitz verrückt gewesen sei. Dass seine Tat nichts mit der DDR-Gesellschaft zu tun hätte. Das ist der Grund gewesen, dass ich und andere Pfarrer Protestbriefe geschrieben haben. Ich habe meinen in der Stasiakte wiedergefunden.

Wer war Oskar Brüsewitz?
Schröder: Er wollte ein treuer Diener seines „Generals“ sein. Es ist eine schlichte Christusfrömmigkeit, die er vertreten hat. Der andere Punkt ist: Er war ein in die Verzweiflung getriebener Mensch. Das sollte betont werden. Ohne den Segen von Berlin zu haben, hatten die Stasi-Leute von Zeitz gedacht, mit dem können wir es machen.

Also ist das Gedenken eine Art von nachholendem Mitgefühl?
Schröder: Ja. Mitleid mit jemandem, der in diese Lage geraten war und keinen anderen Ausweg mehr sah. Auf die Frage, warum sich die Kirche nicht hinter Brüsewitz gestellt hätte, hatte Bischof Krusche den schönen Ausspruch getan: „Wir konnten uns nicht hinter ihn stellen, weil er uns von seinen Aktionen vorher gar keine Kenntnis gegeben hat. Wir können uns nur vor ihn stellen.“

Das hat die Kirche auch gemacht. Sie hat ihn gegen Verleumdungen in Schutz genommen - und nicht zum Märtyrer verklärt. Die Selbstverbrennung bleibt für Christen eine ambivalente Handlung, die man nicht uneingeschränkt für richtig halten kann. Für das christliche Märtyrerverständnis kommt Gewalt, auch gegen sich selbst, nicht in Frage. (mz)