Ralf Wohlleben

Ralf Wohlleben: NSU-Unterstützer hat sich in Dorf bei Zeitz niedergelassen

Zeitz - Der Mann, der dem NSU eine Mordwaffe besorgt haben soll, hat sich in der Nähe von Zeitz niedergelassen. Welche Sorgen es jetzt im Dorf gibt.

Von Torsten Gerbank 03.08.2018, 10:00
Ralf Wohlleben im Landgericht in München
Ralf Wohlleben im Landgericht in München imago stock&people

Als der drahtige Mann in dunklen Shorts und Shirt in der Tür steht, hat sich eine Frage schon erübrigt: Ja, es ist Ralf Wohlleben, der hier, in einem Dorf bei Zeitz, nach dem Druck auf den Klingelknopf das Hoftor geöffnet hat.

Wer Bilder des Mannes aus Zeitung und Fernsehen im Kopf hat, erkennt ihn sofort. Es ist jener Ralf Wohlleben, der dem Terrortrio, das sich selbst „Nationalsozialistischer Untergrund“ (NSU) nannte, die Schusswaffe für eine Mordserie besorgt haben soll.

Wohlleben ist zu zehn Jahren Haft verurteilt worden, von denen er einen Großteil bereits in Untersuchungshaft abgesessen hat. Das Urteil ist aber noch nicht rechtskräftig. Der Verteidiger von Wohlleben hat Revision angekündigt. Bereits im Prozess hatte die Verteidigung für Wohlleben Freispruch gefordert.

Behörden sehen bei Ralf Wohlleben keine Fluchtgefahr

Weil aus Sicht der Behörden keine Fluchtgefahr besteht, befindet sich der 43-Jährige jetzt auf freiem Fuß. Und lebt laut Landesregierung in diesem Bundesland. „Das Innenministerium bestätigt, dass Herr Wohlleben, seine Frau und die gemeinsamen Kinder ihren Wohnsitz in Sachsen-Anhalt haben“, heißt es auf Anfrage.

Der Ort wird nicht genannt. Aber er befindet sich im Burgenlandkreis, im Raum Zeitz. Die Kreisverwaltung kündigte deshalb auf MZ-Anfrage an, aufmerksam zu sein. Schließlich sei denkbar, dass der Ort in Zukunft öfter Ziel von rechtsorientierten Personen, von rechten oder linksradikalen Aktivitäten werden könnte. „Der Burgenlandkreis wird sich immer dafür einsetzen, dass, falls Rechtsverstöße begangen werden, diese erfasst und verfolgt werden“, sagt Landratsstellvertreter Dieter Engelhardt.

Zur Frage, inwiefern das Ansehen der Region mit der neuen Situation Schaden nehmen könnte, sagt Engelhardt: „Diese Frage wird nur die Zukunft beantworten können.“ Engelhardt hoffe, dass das Image des Landkreises in erster Linie durch seine kulturelle und landschaftliche Schönheit sowie den aufrichtigen und freundlichen Einwohnern geprägt wird. Eine Handhabe zu verhindern, dass sich Wohlleben hier dauerhaft sesshaft macht, habe der Landkreis nicht.

Wohlleben: „Ich möchte gern meine Ruhe haben“

Wohlleben selbst gibt sich am Dienstag nahe Zeitz wortkarg gegenüber der MZ. Fragen, wie zum Beispiel danach, ob er sich wirklich hier sesshaft machen wolle, können erst gar nicht gestellt werden. „Ich möchte gern meine Ruhe haben und bitte darum, das zu respektieren“, sagt er höflich bestimmt. Einen Augenblick später ist das Hoftor zu. Dafür taucht kurz darauf ein Streifenwagen der Polizei auf, der langsam über die holprige Dorfstraße rollt.

In den Tagen zuvor hat die Polizei regelmäßig mit einem Fahrzeug in der Nähe gestanden. Wie lange Beamte intensiver im Ort präsent sind, darüber gibt das Innenministerium auf Anfrage keine Auskunft. Es heißt: „Die sachsen-anhaltischen Sicherheitsbehörden befinden sich permanent in enger Abstimmung mit den Sicherheitsbehörden von Bund und Ländern.“

Dass sich Wohlleben jetzt im Ort aufhält und sich dort nach MZ-Informationen auch für längere Zeit niederlassen will, hat sich im Dorf längst rumgesprochen. Jeden erreicht hat die Nachricht allerdings noch nicht. Eine Frau, die gerade im Vorgarten hantiert, sagt, sie habe über eine Gruppennachricht auf dem Smartphone davon erfahren. Und sie gesteht, dass es ihr schon unwohl sei bei dem Gedanken an den neuen Mann im Dorf. Schließlich wisse man ja nicht, was das für den Ort noch bedeuten wird.

Erinnerungen an Tröglitz werden bei Einwohnern wach

Bei einem anderen Einwohner werden Erinnerungen an Tröglitz wach. Das Dorf war 2015 deutschlandweit in die Schlagzeilen geraten. Zunächst war Ortsbürgermeister Markus Nierth von seinem Amt zurückgetreten, weil Asylgegner, angeführt von der NPD, vor seinem Haus aufmarschieren wollten. Nierth hatte sich damals früh für die Aufnahme von Flüchtlingen in Tröglitz eingesetzt. Später brannte auch noch jenes Haus, das Flüchtlinge beherbergen sollte.

Kurz darauf zogen Demonstranten eines antifaschistischen Bündnisses grölend und die Dorfbewohner beleidigend durch den Ort. Genau das, die überregionale Bekanntheit und eine Spaltung des Dorfes aufgrund verschiedener Positionen, wolle man nun in jenem Ort, in dem sich Wohlleben jetzt aufhält, nicht haben. Wenn sich der Mann ruhig verhalte, störe er doch keinen, sagt eine Frau.

Und die nächste meint: So lange wie sie uns die Autos nicht in Brand stecken und uns in Ruhe lassen, soll er machen was er will. Natürlich habe die Frau „Magengrummeln“ bei dem Gedanken an den neuen Dorfbewohner, der in der ganzen Republik bekannt ist, Anhänger wie Feinde habe. „Ich weiß ja nicht, was seine Anwesenheit hier heraufbeschwört“, sagt die Frau. Deshalb verzichtet die MZ auch auf die Nennung des Dorfnamens. Ein anderer Dorfbewohner sagt, dass er keine Vorurteile hege, er kenne Wohlleben nicht, wisse aber, dass er für seine Tat gesessen habe.

Die Terrorzelle „Nationalsozialistischer Untergrund“, für die Wohlleben die Mordwaffe beschafft haben soll, hat neun Migranten und eine Polizistin getötet. Wohlleben stammt aus Thüringen. Er war NPD-Funktionär.

(mz)