500 Jahre alt

500 Jahre alt: Wie eine Restauratorin alten Büchern neues Leben einhaucht

Zeitz - Tierhäute sind wie ein Buch für Annegret Philipsen. In ihnen kann sie lesen. Sie erkennt, wie sie behandelt und gepflegt wurden und zu welchem Tier sie einst gehörten. „Auf der Narbenseite der Haut wachsen die Haare“, erklärt Philipsen. „Und das tun sie bei jedem Tier etwas anders.“ Bei einer Ziege zum Beispiel treten mehrere Haare an einer Stelle aus, bei einem Schwein hingegen ist es nur eines. „Auch der Austrittswinkel ist unterschiedlich und anhand solcher Merkmale sehe ich dann, um welches Tier es sich ...

Von Julius Lukas 01.08.2020, 10:00

Tierhäute sind wie ein Buch für Annegret Philipsen. In ihnen kann sie lesen. Sie erkennt, wie sie behandelt und gepflegt wurden und zu welchem Tier sie einst gehörten. „Auf der Narbenseite der Haut wachsen die Haare“, erklärt Philipsen. „Und das tun sie bei jedem Tier etwas anders.“ Bei einer Ziege zum Beispiel treten mehrere Haare an einer Stelle aus, bei einem Schwein hingegen ist es nur eines. „Auch der Austrittswinkel ist unterschiedlich und anhand solcher Merkmale sehe ich dann, um welches Tier es sich handelte.“

Das Wissen, zu welchem Lebewesen die Haut einst gehörte, ist für Annegret Philipsen wichtig. Denn in ihrem Beruf spielen solche Feinheiten eine entscheidende Rolle. Die Frau aus Halle ist Restauratorin, spezialisiert auf Leder, Pergament und Papier. Und gerade ist sie in einem der wichtigsten kulturhistorischen Projekte engagiert, das es in Sachsen-Anhalt derzeit gibt: die Konservierung und Erschließung der Gelehrtenbibliothek sowie des schriftlichen Nachlasses des letzten Naumburger Bischofs Julius Pflug (siehe Infokasten: „Die Bibliothek des Bischofs“).

500 Jahre alte Wissensspeicher

Rund 900 Bände und etwa 1.700 Drucke umfasst die Sammlung, die der bedeutende Kirchenmann nach seinem Tod 1564 hinterließ. Sie bildet den Grundstock für die heutige Stiftsbibliothek in Zeitz (Burgenlandkreis). Kommt man in die Räume im Schloss Moritzburg in Zeitz, wo die Bibliothek untergebracht ist, dann atmet man Geschichte. Die Bände stehen in deckenhohen Regalen. 500 Jahre alte Wissensspeicher, die die Aura des menschlichen Drangs nach Erkenntnis und Fortschritt versprühen.

„Wir haben echte Buchschätze hier“, sagt Joachim Säckl. Der Historiker ist der Leiter des Konservierungs- und Erschließungsprojektes. „Ein Alleinstellungsmerkmal dieser Sammlung sind die aufwendig gestalteten Einbände, aber auch Werke wie die ,Mappa mundi Cicensis‘, die älteste deutsche Weltkarte von 1470“, sagt Säckl. Blättert man durch die alten Werke, dann findet man an den Rändern oft Anmerkungen und sogar kleine Zeichnungen - Köpfe, Personen und geometrische Figuren. „Die hat Julius Pflug selbst dort reingeschrieben und gemalt, man schaut also direkt in seine Gedankenwelt.“

Nicht nur das macht die Sammlung so erhaltenswert. „Die alten Bücher zeigen uns, wo wir herkommen und wie das Denken, das Handwerk und die Kunst vor Jahrhunderten aussahen“, sagt Säckl. Sie seien damit ebenso identitätsstiftend wie etwa Gemälde oder Bauwerke. Allerdings: Die Bibliothek ist auch bedroht, weil die Zeit dort Spuren hinterlässt. „Wir hatten zwar nie so einschneidende Ereignisse wie etwa das Feuer in der Anna Amalia Bibliothek in Weimar 2004“, sagt Säckl. Doch trotzdem wiesen zahlreiche der Bücher und Drucke deutliche Schäden auf. „Licht und Staub, falsche Handhabung und auch die bloße Benutzung über mehrere Jahrhunderte hinweg hinterlassen einfach ihre Spuren.“

Auf einem dunklen Holztisch inmitten der Bibliothek liegen vor dem Historiker Joachim Säckl und der Restauratorin Annegret Philipsen ein paar der Bücher und Drucke. Sie sind verfärbt, gerissen und gebrochen. Philipsen nimmt sich ein Exemplar, dessen Einband komplett zusammengeschrumpelt und faltig ist. „Man beginnt die Arbeit immer mit einem Befund“, sagt die Restauratorin. „Bei diesem Buch fällt gleich auf, dass der Einband aus Pergament, also getrockneter Tierhaut, besteht und seine Funktion verloren hat - er schützt das Buch nicht mehr.“ An dieser Stelle würde sich bereits die erste entscheidende und weitreichende Fragen stellen: Löst man den Einband von den Seiten ab, um ihn zu glätten? „Das wäre natürlich ein einschneidender Eingriff, der die Einheit des Buches angreift“, sagt Philipsen.

Deswegen würden alle Schritte mit dem Auftraggeber der Auffrischungsarbeiten besprochen. Es komme dann darauf an, welche Philosophie mit der Restaurierung verfolgt werde - und da gebe es durchaus Unterschiede. „Für uns ist es schon so, dass ein 500 Jahre altes Buch nicht wie neu aussehen kann und es das auch nach der Restaurierung nicht soll“, meint Joachim Säckl. Denn dann würde man die Geschichte des Buchs ja künstlich wegretuschieren.

Im Fall des verschrumpelten Einbandes könnte man versuchen, so Philipsen, das Buch komplett zu lassen und den Umschlag mit Druck und unter Einsatz von zusätzlicher Feuchtigkeit zu dehnen - ein langwieriges Unterfangen: „Das braucht viel Zeit, denn das Pergament verändert seine Form, die es vielleicht schon über hundert Jahre hat, nur sehr langsam.“

Bünde aus Schweinehaut

Das nächste Buch auf dem Tisch hat diesen Prozess bereits hinter sich. Der Einband umspannt die Blätter wieder. Und auch ein anders Problem des Werks konnte Annegret Philipsen lösen: „Einer der Bünde, an denen die Seiten festgemacht sind, fehlte.“ Das wiederum gefährdete die Stabilität des Buchs. Der Bund musste also ersetzt werden. An dieser Stelle half der Restauratorin, dass sie sich mit Tierhäuten so gut auskennt. „Bei der Untersuchung stellte ich fest, dass der Bund aus Schweinehaut bestand“, erzählt die Hallenserin, die seit über 20 Jahren in ihrem Beruf arbeitet. Um das Stück zu ersetzen, nutzte sie das gleiche Material, dass sie mit chirurgischer Präzision in das Buch einfügte. „Wir haben es mit 500 Jahre alten Kulturgütern zu tun, da muss man sehr genau und so vorsichtig wie möglich vorgehen.“

Etwa 300 Bücher werden auf diese Weise nach und nach wiederhergestellt. Bis Ende des Jahres sind elf Restauratoren damit beschäftigt. Hinzu kommt, dass die Sammlung von Bischof Julius Pflug nach und nach in Schubern, also grauen Kartons, untergebracht wird, um sie besser vor Licht und Schmutz zu schützen. „So wollen wir einen großen Teil der Bibliothek zukunftsfest machen“, sagt Projektleiter Joachim Säckl. Denn die Bücher sollen der Nachwelt noch lange erhalten bleiben. (mz)