Boehnels Spielwaren in Cowsig

Wie die 78-jährige Christel Boehnel die Geschäfte führt und „einfach nicht aufhören kann“

Ihr Geschäft ist eine Instanz in Coswig. Boehnels Spielwaren gibt es seit 75 Jahren und Inhaberin Christel Boehnel ist stolz darauf.

Von Susanne Pohl 27.09.2021, 08:34 • Aktualisiert: 27.09.2021, 20:53
Christel Boehnel, für die gute Beratung selbstverständlich ist, sagt mit 78 Jahren: ?Ich kann einfach nicht aufhören.?
Christel Boehnel, für die gute Beratung selbstverständlich ist, sagt mit 78 Jahren: ?Ich kann einfach nicht aufhören.? Foto: Susanne Pohl

Coswig/MZ - Eigentlich wollte sie Erzieherin in einem Kinderheim werden. Aber studieren durfte nur ihr Bruder, entschied der Vater. Die Zeiten kurz nach dem Krieg waren hart. „Wir sind in Zerbst ausgebombt worden. Den Fliegerangriff haben wir im Nachbarkeller nur knapp überlebt. Meine Eltern hatten nichts mehr und zogen 1946 nach Coswig, wo die Mutter vom Vater lebte“, erzählt Christel Boehnel.

Die Eltern eröffneten ein Geschäft für Kleinmöbel. Später in der Friederikenstraße wurden Babykörbchen, Kinderwagen und vor allem Spielzeug angeboten. Seitdem ist der Spielzeugladen von Boehnels eine feste Größe auf der Friederikenstraße.

Tausch gegen Spargel

Auch wenn der Anfang sehr schwierig war, denkt die heute fast 79-jährige gern daran zurück: „Damals hat jeder mit angepackt und auch geteilt, weil der Zusammenhalt da war und jeder wollte, dass es besser wird.“ In den ersten Jahren orderten Boehnels ihr Spielzeug noch auf der Nürnberger Spielzeugmesse und holten es aus Westberlin. Sie schwärmt von den Puppenstuben und Kaufläden oder Pferdegespannen, die damals der Renner waren. Später veränderten sich die Verfahren deutlich in Richtung Tauschgeschäft: „Wir sind hier in ‚Spargelland‘ und den haben wir des Öfteren an unsere Lieferanten im Erzgebirge und Thüringen geschickt, um mehr gefragte Waren zu bekommen“, erzählt Christel Boehnel und nennt noch andere Beispiele. Holzspielzeuge waren damals ebenso angesagt wie Puppen und Plüschtiere.

Es hatte sich schnell in Coswig und Umgebung herumgesprochen, dass es in Boehnels Spielzeugparadies mitunter solche besonderen Stücke gab. „Dienstags wurde die Ware aus Halle und Leipzig abgeholt und am Mittwoch standen die Modell-Eisenbahn-Fans bei uns Schlange“, erinnert sie sich. Diese sind immer noch ihre treuesten Kunden, auch wenn sich viele heute so eine Eisenbahn gar nicht mehr leisten könnten, weil die Preise so angezogen haben, meint sie. Weihnachtsfeiern in den Betrieben wurden von Boehnels ausgestattet und Kinderheime beliefert. Der Umsatz entwickelte sich sehr gut.

Laden erhielt sich Selbstständigkeit

Boehnels Tochter Christel, die eigentlich Feinmechanikerin gelernt hatte, holte in der Abendschule ihre kaufmännische Ausbildung nach und führte das Geschäft de facto seit 1966, übernahm es ab 1980 endgültig. Verstaatlichungsversuche wurden mit Hilfe der Stadt abgewendet. Inhaberin Boehnel machte deutlich: „Entweder ich kann das Geschäft selbstständig führen, oder ich gehe in meinen gelernten Beruf zurück.“

Nach der Wende zogen die Sortimente von Playmobil und Lego in die Regale ein. Stolz zeigt sie die große „Lego-Kurve“ in ihrem Laden. Sie kennt die Marken genau, hat viele der neuesten Produkte und wenn nicht, wird der Katalog gewälzt und bestellt. Zu ihren Stammkunden zählen auch die Omas, die sich angesichts der Produktfülle nicht mehr zurechtfinden, aber genau die richtigen Geschenke für ihre Enkelkinder kaufen wollen. Sie wissen die Beratung dabei zu schätzen.

Mit viel Erfahrung

Christel Boehnel kennt viele Kinder aus Coswig von klein auf und weiß auf Grund ihrer Erfahrung, was passt. Insgesamt sei der Absatz aber enorm zurück gegangen, berichtet sie. Dass viele Betriebe in und um Coswig in den 1990er Jahren schließen mussten und aufgrund der hohen Arbeitslosigkeit das Geld knapp wurde, bekam sie hautnah beim Umsatz zu spüren. Heute sind es die großen Anbieter im Internet, die den Kaufleuten wie ihr das Leben schwer machen. Außerdem sieht sie mit großem Bedauern, dass sich das Spielverhalten der Kinder sehr verändert hat: Oft säßen die Kinder viel zu lange vorm Computer statt aktiv zu spielen.

„Ich suche etwas für einen Dreijährigen“, sagt eine Kundin zu ihr und Christel Boehnel hat sofort Vorschläge der verschiedensten Kategorien und Preisklassen zur Hand. „Ich kann einfach nicht aufhören“, meint die alte Dame lächelnd, und das glaubt man ihr sofort.