Torraum 7 Weltausstellung

Torraum 7 Weltausstellungin Wittenberg: Kompost im Paradiesgarten

Wittenberg - Mehrere Biomeiler im Grüngürtel nahe der Schlosskirche sollen fünf Monate lang im Torraum Kultur die Wärme für Ananas und Bananen erzeugen.

Von Karina Blüthgen 29.05.2017, 14:44

So mancher Wittenberger hat wohl in den vergangenen Tagen den Kopf geschüttelt ob der seltsamen Gebilde, die sich nordwestlich der Schlosskirche im Grüngürtel erheben. „Wir sind öfter gefragt worden, was das denn sei“, erzählt Heiner Cuhls. Elf zylinderförmige Hügel haben er und seine Helfer vom Verein „native power“ aus Hannover auf die Wiese gebracht, in Form gehalten von grobem Maschendraht.

Was aussieht wie überdimensionale Komposthaufen, sind auch solche. Nur nennt Cuhls sie Biomeiler. Sie dienen der Wärmeerzeugung für den Paradiesgarten, eine der Hauptattraktionen im Torraum Kultur als Teil der Weltausstellung in Wittenberg.

Der Garten entsteht auf einem Gerüst etwa zweieinhalb Meter über dem Boden. An einem Gitter sind vor kurzem etwa 220 Pflanzsäcke befestigt worden, die Gärtner Andreas Frädrich aus Berlin mit exotischem Grün bestücken wird. Zierananas, eine große Bananenstaude und vieles mehr dürfen die Besucher erwarten.

Damit die eher in südlichen Breiten heimischen Pflanzen hier gedeihen, bedarf es Wärme. Die kommt aus den Biomeilern, wird dank der Pflanzsäcke die Wurzeln schön mollig halten und mittels Konvektoren auch die Umgebungstemperatur der Luft etwas anheben. „Wir haben damit eine Methode aus den 70er Jahren aufgegriffen und auf die heutige Zeit übertragen“, erläutert Heiner Cuhls, studierter Wirtschaftsingenieur. S

eit sieben Jahren baut „native power“ seine Meiler in aller Welt, ein denkbar einfaches Prinzip, das anderswo Häuser, Werkstätten und Gewächshäuser dezentral und mit vertretbarem Aufwand beheizt.

Der Paradiesgarten ist Teil des Torraums Kultur innerhalb der Weltausstellung Reformation in Wittenberg. Der Torraum befindet sich westlich der Altstadt in den Wallanlagen. Entwickelt wurde diese Installation von Studierenden der Universität der Künste Berlin, betreut von den Professoren Alexandra Ranner und Christoph Gengnagel. „Exotische Pflanzen schweben - unabhängig jeglicher Klimazonen - als hängende Gärten über den Köpfen der Besucherinnen und Besucher. Über Schläuche sind sie mit einer ,Kompoststadt’ (erd)verbunden“, heißt es in der Projektbeschreibung.

Die Installation „Reflecting Culture“ ist die zweite Attraktion im Torraum Kultur. Gläserne Stelen („reflektierende Kultur bzw. Kultur reflektieren“) sollen zum Nachdenken über fremde Kulturen einladen.

Im Torraum Kultur zu erleben ist die Kunst-Ausstellung „Luther und die Avantgarde“ im Alten Gefängnis, der Beitrag des Schweizer Evangelischen Kirchenbundes zur Weltausstellung („Prophezey“), eine Filminstallation zum Thema „Reformation und Zeitbild“ sowie ein begehbarer Pavillon aus Schuhputzboxen äthiopischer Kinder.

In den Wallanlagen wird eine kleine Bühne aufgebaut, auf der Schlosswiese wird es eine große Bühne geben, auf der Mister Me (3. Juni), Yvonne Catterfeld (29. Juni) sowie Klaus Hoffmann mit Band (16. Juni) vor bis zu 5.000 Zuschauern auftreten werden.
Die Weltausstellung Reformation eröffnet am 20. Mai. Sie ist außer dienstags täglich von 10 bis 18 Uhr geöffnet. Neben Tageskarten gibt es auch ein Saisonticket, mit dem die Konzerte sowie das Asisi-Panorama besucht werden können.

Basis für die Biomeiler der Wittenberger Weltausstellung ist ein Grünschnitt mit hohem Holzanteil. Etwa 700 Kubikmeter davon wurden bei der regionalen Sammelstelle des örtlichen Abfallentsorgers Alba gekauft. Die Meiler haben einen Durchmesser von 2,80 bis 6,30 Metern und sind meist knapp 2,50 Meter hoch. Drinnen werden drei Lagen PE-Rohr (bekannt aus der Haustechnik) verlegt, das dank einer Pumpe mit Wärmetauschern zirkuliert.

Der Test zeigt: Schon fünf Tage nach dem Aufbau kommt dank des wärmeerzeugenden Kompostiervorganges warmes Wasser mit einer Temperatur um die 50 Grad aus dem Rohr.

Angst vor Geruchsbelästigung muss niemand haben, beruhigt der Mann aus Hannover. „Während des Aufbaus und bis drei Tage danach gibt es einen waldigen, essigdominierten Geruch, danach nichts mehr. Auch keine Belästigung durch Insekten oder Nager.“

In der Regel produziert so ein Biomeiler etwa 16 bis 20 Monate Wärme, hier sind es nur knapp fünf Monate. Warum dann elf? Das sei schon, „als ob man mit einem Ferrari einen Kasten Bier holt“, scherzt der Fachmann. (mz)