Stadtkirche Wittenberg

Stadtkirche Wittenberg: Millionenklage wegen Spottbild „Judensau“ an Luther-Kirche?

Wittenberg - Londoner Theologe Richard Harvey startet Petition, vor Ort in Wittenberg wird diskutiert.

Von Corinna Nitz

Längere Zeit war es vergleichsweise ruhig um das Sandsteinrelief „Judensau“ an der Wittenberger Stadtkirche. Jetzt gibt es wieder Forderungen, das Spottbild abzunehmen. Um das Schandmal ging es auch bei einer Leitungssitzung des Gemeindekirchenrates (GKR) der evangelischen Stadtkirchengemeinde.

Dies bestätigt auf MZ-Nachfrage Jörg Bielig, der Vorsitzende des Gremiums. Wie Bielig weiter mitteilt, sei die Herausgabe eines Flyers in Arbeit, der die Ausführungen zu dem Schandmal, die seit kurzem unter der neuen Rubrik „Stätte der Mahnung“ auf der Website der Gemeinde zu lesen sind, aufnehme.

Unter der Überschrift „Die Judenverspottung - ein Skandal an der Fassade der Stadtkirche Wittenberg“ schreibt dort der Theologe und Publizist Friedrich Schorlemmer „im Auftrag des Öffentlichkeitsausschusses der Gemeinde“ unter anderem: „Wieso diese Schmähplastik, diese gräuliche Judenverspottung an der Stadtkirche Wittenberg, nicht endlich abhaken, zu Staub zermalmen? Nein. Weil auch schwierige Geschichte erinnerungsbedürftig bleibt, zumal Martin Luther (1483-1546) mit seinem antijüdischen Furor - zusammen mit den meisten seiner Zeitgenossen - zur erschütternden Wirkungsgeschichte gehört: Juden in Deutschland und Europa als stets Gejagte.“

Kopfschütteln, Wut, Entsetzen, Scham, heißt es weiter, all das ist nur zu berechtigt. „Aber Geschichte lässt sich nicht einfach entsorgen. Sie gemahnt uns an Dunkles, auch bei dem großen Reformator Martin Luther und seinen Zeitgenossen.“

Pastor namens Jochen Adler droht mit Millionenklage

Ergänzt wird Schorlemmers Beitrag von einem kurzen Text des Stadtkirchenpfarrers Johannes Block, der geschichtliche Informationen zu dem Sandsteinrelief am Giebel der Kirche beisteuert  und auf das Mahnmal unterhalb der Schmähplastik verweist. Das wurde, wie vielfach berichtet, am 11. November 1988 enthüllt. Die Bodenreliefplatte hatte der Bildhauer Wieland Schmiedel entworfen, der Schriftsteller Jürgen Rennert lieferte die Inschrift.

Nun hat den Evangelischen Kirchenkreis Wittenberg ein, sagen wir, Brandschreiben erreicht. Unter dem E-Mail-Absender „Eagle of Grace - Ministry“ droht ein Pastor namens Jochen Adler mit einer Millionenklage, sollte die Sau nicht bis Ende August 2016 beseitigt sein. Angestrengt werden soll diese Klage über das Simon Wiesenthal Center in New York. „Wir werden Sie, wo wir können, vor Gericht ziehen“, ist in dem Schreiben, das der MZ vorliegt, zu lesen.

Der Superintendent des Kirchenkreises, Christian Beuchel, sagt, der Pastor sei „nirgendwo zu finden“. Tatsächlich laufen entsprechende Recherchen im Internet ins Leere. Lediglich über den Suchbegriff Darmstädter Marienschwesternschaft, auf die der Pastor auch Bezug nimmt, gelangte man bis vor kurzem zur Ausgabe 3/September 2014 von „Geistesgegenwärtig“, einer „Zeitschrift für Erneuerung in der Kirche“. Darin befasste sich unter anderem der Autor Swen Schönheit mit Luthers Judenhass. „Gedenken genügt nicht! Warum wir ,Evangelische Buße’ brauchen“ titelte der Beitrag.

Eine andere Initiative hat vor kurzem der Theologe Richard Harvey, messianischer Jude aus London, gestartet. Im Juni war er zum ersten Mal in Wittenberg, um an einem Treffen der internationalen ökumenischen Buß- und Gebetsbewegung „Wittenberg 2017“ teilzunehmen.

In einem Vortrag beschäftigte er sich mit der abscheulichen Plastik und am Rande des Treffens entstand ein Video: Auch Harvey möchte, dass das Sandsteinrelief abgenommen wird. Im Internet kann auf der Plattform change.org eine entsprechende Petition unterzeichnet werden. Aktuell hatte die Petition 2.434 Unterstützer.

Was nun die Drohung des E-Mail-Schreibers betrifft, so reagiert Beuchel gelassen, zumindest erweckt er diesen Eindruck. Vor allem vertritt er die Auffassung, dass das Relief bleiben sollte, wo es ist.

Das Spottbild „erinnert auch an unser Versagen als Kirche“, betont Beuchel, der von einem „Stachel im Fleisch“ spricht - „und der muss weh tun“. Allerdings räumt der Superintendent ein, dass Gedenkplatte, Stele und Zeder nicht unbedingt als angemessene Kommentierung der Schmähplastik empfunden werden müssen. „Den meisten“, so Beuchel, „ist das zu wenig.“

Theologe Richard Harvey initiiert Petition

Die „Skulptur ist bis heute ein Angriff auf Juden und verspottet sie und ihren Glauben“, heißt es bei Harvey und: „Sie muss entfernt und an einem anderen Ort in einem Rahmen ausgestellt werden, in dem der historische Bezug hergestellt werden kann, anstatt dass sie weiterhin öffentlich an der Außenwand einer Kirche sichtbar bleibt. Andernfalls werden Juden weiterhin diesem antisemitischen und schändlichen Abbild begegnen und in ihr ihre schlimmsten Erwartungen gegenüber dem Christlichen Glauben bestätigt sehen.“

Das mittelalterliche Bildmotiv der „Judensau“ ist noch in etwa 30 Orten Mitteleuropas, vor allem an Kirchen und öffentlichen Gebäuden zu finden - am häufigsten in Deutschland. Es handelt sich um eine ebenso obszöne wie verhöhnende und ausgesucht demütigende Darstellung. In Wittenberg sind die Forderungen, das judenfeindliche Sandsteinrelief von der Stadtkirche, Martin Luthers einstiger Predigtkirche, zu entfernen, nicht neu, doch scheinen sie nun, kurz vor dem Reformationsjubiläum 2017, zuzunehmen. Und sie finden ihren Weg auch in die Medien, etwa befasste sich Anfang August die Leipziger Volkszeitung mit der Petition des in London lebenden Theologen jüdischer Herkunft, Richard Harvey. Auch die überregioganle Frankfurter Allgemeine thematisierte den Streit jetzt im Feuilleton.

Über den Wunsch, die Schmähplastik abzunehmen, sagt der emeritierte Theologieprofessor und langjährige Leiter des Instituts Kirche und Judentum, Peter von der Osten-Sacken aus Berlin, dass er dafür zwar Verständnis habe. Man verlöre jedoch ohne das Relief den Bezug zu der 1988 eingeweihten, „wichtigen“ Gedenkplatte im Pflasterbereich (siehe Foto).

„Gerade die Sau an der Kirche in Wittenberg hat durch die Platte ein Gegengewicht erhalten“, so von der Osten-Sacken, und: „Relief und Gedenkplatte sind eine bleibende Herausforderung, sich auch zu diesem Teil der Stadtgeschichte Wittenbergs zu bekennen und sich mit Luthers Verhalten zu den Juden auseinanderzusetzen, das zwei Seiten hat. Der in seiner Zeit herausragenden Forderung in den Anfangsjahren der Reformation, die Juden als Menschen zu behandeln, stehen die bedrückenden Forderungen der Judenverfolgung von 1543 gegenüber, die sich lesen, als wären sie für die sogenannte Reichskristallnacht 1938 verfasst worden.

Das mittelalterliche Relief hat Luther in derselben Zeit dazu gedient, die Feindschaft gegen die Juden zu verstärken“, erklärt von der Osten-Sacken, der übrigens auch zu den Autoren der Berliner Ausstellung „Martin Luther und das Judentum“ von 2015 gehört. Diese Exposition ist ein jüdisch-evangelisches Gemeinschaftsprojekt, das die Haltung der Kirche zum Judentum beleuchtet und in den nächsten Monaten noch an anderen Orten zugänglich sein wird.

Über dessen Geschichte schreibt Stadtkirchenpfarrer Johannes Block auf der Website der Kirche, es diente vermutlich ursprünglich der Abschreckung für Juden, die sich in der Stadt niederlassen wollten: „Von Herzog Rudolf I. wird 1304 ein Aufenthaltsverbot für Juden ausgesprochen. Das 1432 erlassene sächsische Vertreibungsmandat wird von Kurfürst Friedrich dem Weisen 1494 bestätigt und von seinem Sohn, Kurfürst Johann Friedrich, 1536 verschärft.“ (mz/cni)

Stadtkirchenpfarrer Block, der 2011 nach Wittenberg kam, erklärt gegenüber der MZ, dass er Forderungen nach einer Abnahme der Schmähplastik „erstmalig“ erlebt. „In der Bewertung gibt es keine Differenzen“, sagt er und verweist zugleich auf langjährige Aufarbeitung und Schuldbekenntnisse im kirchlichen Bereich. „Wir beginnen hier nicht bei Null“, betont er unter Hinweis auf die „Gedenkkultur“, die man weiter ausbauen wolle.

Einer, der sich eine Abnahme der „Judensau“ vorstellen kann, ist der Direktor der Evangelischen Akademie Sachsen-Anhalt in Wittenberg, Friedrich Kramer. Die Errichtung der Gedenkplatte im Pflasterbereich neben der Kirche als „Beispiel sehr früher Gedenkkultur der Stadtkirchengemeinde“ finde er „großartig“, da „kann man auch stolz drauf sein“.

Dennoch stelle sich die Frage, warum eine Beschimpfung wie dieses Spottbild an Kirchen sein muss. Kramer ist nicht dafür, die Plastik wegzuschließen oder ins Museum zu stellen, sondern sie an einem anderen Ort bei der Kirche „in ein neues Mahnmal zu integrieren“. (mz)