Netzwerkausstellung Toleranz und Totentanz

Netzwerkausstellung Toleranz und Totentanz: Bloß kein Trubel

Wittenberg - Wer im feiernden Wittenberg einen Rückzugsraum sucht, findet ihn in der Netzwerkausstellung der regionalen Künstlerinnengruppe.

Von Irina Steinmann

Richtig Trubel hatte es zur Eröffnung gegeben, am Abend des 20. April drängten sich die Besucher der Vernissage in den Fluren der Leucorea. So soll es aber eigentlich ja gerade nicht sein.

„Die Künstlerinnen haben vor, an geschichtsträchtigen Orten in der Lutherstadt Räume zu schaffen, die die Besucher zum Verweilen und Reflektieren einladen. Im Trubel der Weltausstellung wollen sie ein Netz aus Inseln des Innehaltens und Sich-Versenkens über die Stadt legen.“

So stand es seinerzeit im Förderantrag, den die Künstlerinnengruppe „Alba Blau“ für ihre Netzwerkausstellung „Toleranz und Totentanz“ bei der Stadt Wittenberg gestellt hatte und von dieser dann auch mit knapp 5 900 Euro unterstützt wurde. Knapp einen Monat nach der Eröffnung der Ausstellung kann man sagen: Das Konzept der Ruheoase mit Kunstgenuss ist aufgegangen.

Bildung, Gewissensfreiheit, Individuum und Gesellschaft - das Themenspektrum von „Toleranz und Totentanz“ ist breit, es gibt Holzschnitte, plastische Objekte, Drucke, Malerei... Zu sehen ist die Netzwerkausstellung bis 31. Januar, Eintritt frei. „Alba Blau“ sind Ulrike Kirchner, Andrea Lange, Martha Irene Leps, Bärbel Mohaupt, Susanne Spies und Ute Walter.

Dies ergab am Montag ein kleiner Rundgang der MZ an den vier Ausstellungsorten Stadtbibliothek, Markt 4, Bugenhagenhaus und Leucorea.

In der Hauptbücherei an der zentralen Schloss-Straße ist der Synergie-Effekt mit Händen zu greifen: Ruhig ist es hier schon immer. Man hat kaum Platz genommen im grünen Innenhof, als einem von einer Bibliotheksmitarbeiterin schon freundlich-fürsorglich Sitzpolster untergeschoben werden.

Das so genannte Café im Garten, ein Projekt der Stadtbibliothek selbst, gibt es zwar schon länger, jetzt aber liefert dort Susanne Spies’ Metallplastik „Glaube - Liebe - Hoffnung“ den Augen der Rastenden einen künstlerischen Ankerpunkt. Die kleine Kabinettausstellung drinnen mit sehr sehenswerten Werken aller sechs Künstlerinnen (siehe „Sechs Frauen“) hat man in dieser Vormittagsstunde ganz für sich, (man darf weiße Handschuhe überstreifen und gänzlich unbeobachtet in dem Buch mit original Farbholzschnitten von Andrea Lange blättern).

Es seien am Morgen aber durchaus schon Besucher dagewesen, berichtet die Mitarbeiterin der Bibliothek. Wie der Kaffee aus dem Automaten sei, könne sie allerdings nicht sagen - aber der Kakao sei gut. Ja, die Bücherei taugt als Kunst-Oase.

Nicht so zum Verweilen, eher zum Entdecken lädt Station Nummer zwei ein, der Cranachhof Markt 4. Wer sich nicht vom feuerspeienden Luft-Drachen, pardon, der Cranachschlange von 2015 erschrecken lässt, findet im schmalen Gang zur Wallstraße Ute Walters Papier-Installation „upside down“ - vom Gewölbe hängen kopfüber drei geheimnisvolle Gestalten herab.

Kurz hat man jetzt sogar den ganzen Hof für sich - doch da kommt schon die nächste Touristengruppe: Und hier, berichtet der Stadtführer routiniert, ist das Geburtshaus Cranachs des Jüngeren. Ob er mit seinen Gästen wohl auch in den schmalen Kunstgang geht?

Dritte Station ist das Café Klatschmohn im Bugenhagenhaus. Dort hängen über den Tischen fünf Holzkästen, „Assemblagen“, in denen sich Irene Leps alias Martha plastisch mit deutschen Redensarten, mit Luthers Sprache auseinandersetzt. Es kämen jetzt immer mehr Gäste, berichtet die Frau hinterm Tresen.

Allerdings nicht wegen der Ausstellung - für die gibt es auf dem Kirchplatz keinerlei Hinweisschild. Sie werde mal mit der Künstlerin darüber reden, ob man vielleicht ein Werbeplakat aufhängen könnte, sagt die von der Frage überraschte Wirtin.

In der Leucorea, Station vier, wo noch einmal alle sechs Künstlerinnen über zwei Etagen hinweg mit Werken vertreten sind, ist fehlende Werbung kein Thema, es gibt Plakate und, wie überall, die Ausstellungsflyer mit den wichtigsten Informationen zu den Frauen und ihren Werken.

Ruhig ist es hier. Wer in der ersten Etage vorbeikommt, hat vielfach anderes im Sinn. Aus der Cafeteria weht Essensgeruch herüber. Vielleicht aber als Nachtisch? (mz)