Katastrophe in Abtsdorf

Katastrophe in Abtsdorf: Als letzte verenden die Aale

Wittenberg - Im Abtsdorfer Weinbergteich ist ein Fischsterben zu beobachten. Das Gewässer weist viel zu wenig Sauerstoff auf. Was der Verein dagegen unternimmt.

Von Irina Steinmann

Die Aale halten erfahrungsgemäß am längsten durch, aber jetzt gehen auch sie ein. „Gerade habe ich wieder zwei rausgezogen“, berichtet Roland Lange am Montag von Woche zwei, die den Anglern in Abtsdorf ein Fischsterben von bisher nicht gekanntem Ausmaß beschert hat.

Mehr als 400 Kilogramm toten Fisch, Karpfen, Hecht, Zander und später eben auch die Aale haben Vereinschef Lange und seine Sportsfreunde seit der vergangenen Woche aus dem Weinbergteich des Wittenberger Ortsteils gezogen. Am 13. August hatte Lange eigenen Angaben zufolge die Information bekommen, dass auf dem 0,9 Hektar kleinen und, wie er sagt, nicht besonders tiefen Gewässer zahlreiche Tiere kieloben treiben würden.

Zu spät gemessen?

Erst vom Ufer, später vom Motorboot aus habe er Fische entsorgt, drei Tage lang. Am Donnerstag dann, erst am Donnerstag, wie Lange kritisiert, habe der Landkreis Proben gezogen. Der anfängliche Verdacht, dass Gülle von einer benachbarten Schweinemast der Grund sein könnte, zerschlug sich daraufhin. Die einschlägigen Werte, Nitrat vor allem, hätten im normalen Bereich gelegen, erklärt auf MZ-Anfrage auch der Sprecher des Landkreises, Ronald Gauert.

Der Abtsdorfer Weinbergteich hat vielmehr, dies ergaben die Messungen des Kreises und darüber besteht ebenfalls Einigkeit, ein eklatantes Sauerstoff-Problem. Der entsprechende Wert lag nach Vereinsangaben bei nur noch 0,6 - normal wäre etwa das Zehnfache, mindestens aber vier Milligramm pro Liter, darunter wird’s äußerst kritisch für die Fische.

Für den extremen Sauerstoffmangel, der die Fische nach Luft japsen und verenden lässt, werden mehrere Faktoren verantwortlich gemacht. Dass große Hitze und Trockenheit einem flachen Gewässer zu schaffen machen, versteht sich, zumal der Weinbergteich, wie Roland Lange berichtet, stark verschlammt sein soll und entsprechend „Faulgase“ eine hässliche Rolle spielten.

Hinzu komme, dass der Zulauf - es soll ausgerechnet der Faule Bach sein - nicht so gut funktioniert, wie er könnte. Die Fließgeschwindigkeit und damit auch der Sauerstoffeintrag durch Frischwasser in den Teich sei zu gering. An diesem Zustand, sagt Vereinschef Lange, sei unter anderem der Biber schuld, der dort staue. Außerdem müsste der Unterhaltungsverband, so Lange, am Bach wieder einmal aufräumen, was zuletzt vor drei Jahren geschehen sei - Erkundigungen beim Verband hätten allerdings ergeben, dass die Abtsdorfer wegen anderer Maßnahmen erst in acht bis zehn Wochen an der Reihe sein könnten.

Der Verein setzt seine Hoffnungen jetzt auf eine Entschlammung des Teiches und hierfür in den Kreisanglerverein. Diesem gehöre der Teich, den die Abtsdorfer Angler betreuen und nutzen. Ein Antrag auf Genehmigung und finanzielle Unterstützung für dieses Vorhaben sei in Vorbereitung, erklärte Vereinschef Lange der MZ.

Wie lange es dauern werde, bis der Weinbergteich nach der Katastrophe wiederhergerichtet sein wird, ob einen, zwei oder drei Monate, könne er derzeit nicht sagen. Auch sei nicht klar, wie viel vom bisherigen Besatz überhaupt überlebt hat. Er gehe aber davon aus, dass 90 Prozent der Fische tot sind.

Immerhin hat sich der Prozess Lange zufolge etwas verlangsamt: In einer konzertierten Aktion hatten sich die Abtsdorfer in der vergangenen Woche dem Fisch-Sterben entgegenstemmt. Wie auch Ortsbürgermeister und Feuerwehrchef Marcus Wernicke (Freie Wähler) der MZ bestätigte, hatten die Ortsfeuerwehr und weitere Wehren den Weinbergteich in der vergangenen Woche kurzerhand zum Ausbildungsobjekt erklärt und das Teichwasser an mehreren Tagen mit Pumpen umgewälzt, um zusätzlich Sauerstoff hineinzubekommen. Viel gebracht hat das dem Vernehmen nach aber nicht. Außerdem wurde direkt aus dem Bach Wasser entnommen und eingeleitet.

Zum Einsatz kam einmal mehr der inzwischen fast schon legendäre Tanklastzug des ortsansässigen Unternehmens Schulze, mit dessen Hilfe 25000 Liter Frischwasser in den Teich geleitet wurden. „Wir sind als Ortschaft zusammengerückt“, kommentierte Wernicke zufrieden die Aktion der Abtsdorfer.

Noch nie erlebt

Der Weinbergteich ist für die knapp 20 Mitglieder des mehr als 50 Jahre alten Vereins das einzige Angelgewässer. Einen Zustand wie den jetzigen habe er dort noch nie erlebt, sagt Roland Lange, dessen Vereinsmitgliedschaft - seit 1970 - kaum jünger ist als der 1968 gegründete Verein selbst.

Wie es der Zufall will, ist der Sprecher des Landkreises übrigens selbst Angler. „Die Trockenheit“, so Ronald Gauert, sei natürlich „für die Fischwirtschaft ein Problem“ und „jeder Tropfen Regen eine Wohltat“. Ähnliche Phänomene könne es allerdings auch in kalten Wintern geben.

„Trockene Gewässer sind leider keine Seltenheit“, fügte er hinzu. Die Abtsdorfer müssten „jetzt beobachten“, wie sich ihr Teich entwickelt. Was die Behebung von Missständen an Angelteichen angeht, sei grundsätzlich „der Pächter in der Bütt“. (mz)