Graffiti in Wittenberg

Graffiti in Wittenberg: Zeichen an der Wand

wittenberg/MZ - Conrad Schumann springt und landet auf einem Parkplatz an der Sternstraße. Das riesige Wandbild, das seit knapp zwei Wochen an der Giebelwand eines Hauses an der vielbefahrenen Wittenberger Stadtstraße prangt, hat ein Foto als Vorlage, das zu einer Ikone im Kalten Krieg wurde: den „Sprung in die Freiheit“ des DDR-Grenzers Schumann am 15. August 1961 in Berlin. Da war die Mauer zwei Tage jung und noch nur Stacheldraht. Schumann ...

Von Irina steinmann

Conrad Schumann springt und landet auf einem Parkplatz an der Sternstraße. Das riesige Wandbild, das seit knapp zwei Wochen an der Giebelwand eines Hauses an der vielbefahrenen Wittenberger Stadtstraße prangt, hat ein Foto als Vorlage, das zu einer Ikone im Kalten Krieg wurde: den „Sprung in die Freiheit“ des DDR-Grenzers Schumann am 15. August 1961 in Berlin. Da war die Mauer zwei Tage jung und noch nur Stacheldraht. Schumann sprang.

In sein Projekt „Kura“ (=Stadtraum Kunst und Stadtraumentwicklung) hatte der Verein „wbmotion“ im Mai für knapp eine Woche sechs Graffiti-Künstler bzw. -kollektive zu Gast, die in dieser Zeit sieben große Wandbilder schufen. Vertreten waren CaseMaclaim, laut Kraatz der „Picasso“ der Szene, Super A aus den Niederlanden, das Kollektiv „Captain Borderline“, Klub 7, Kram und Hazul. Die Veranstaltung endete am 17. Mai mit einem Ausstellungs- und Party-Event im KTC, das derzeit auch das provisorische Domizil des Vereins ist. Die angekündigte Ausstellung dort wurde unterdessen, laut Kraatz aus Platzgründen, bereits beendet. Bleibt die Straße.

Die angekündigte Ausstellung dort wurde unterdessen, laut Kraatz aus Platzgründen, bereits beendet. Bleibt die Straße.

Großvermieter machen mit

„Ich vermute, das ist das Bild, das am meisten zu Diskussionen anregt“, sagt Hans Keller, Vorstand der Wittenberger Wohnungsgenosenschaft WBG, beim Ortstermin am Wandbild. Der „Sprung in die Freiheit“ des aus Ostdeutschland stammenden und heute in Frankfurt (Main) lebenden Künstlers Andreas von Chrzanowski alias Case ist Teil einer neuen „Stadtraumgalerie“, die das Kunstprojekt Kura des Vereins „wbmotion“ seit 2013 in Wittenberg anlegt bis weit hinein in die Plattenviertel; Kellers Genossenschaft ist wie auch die kommunale Wohnungsbaugesellschaft Wiwog Unterstützer: Die beiden Gesellschaften geben ihre Wände her, wie es auch einige private Vermieter tun. Etwa 200 Quadratmeter misst jedes der sieben neuen Bilder, die im Mai entstanden sind.

Nur wenige Hundert Meter vom „Sprung“ entfernt, ebenfalls in der Straße, prangt eine Art Superman an der Kreuzung: „Fallen Rider“ greift das Schicksal von Schauspieler Christopher Reeves auf, der nach einem Reitunfall querschnittsgelähmt war. „Hervorragend gelungen“, bescheinigt Wiwog-Geschäftsführer Rando Gießmann auch diesem Graffiti-Kunstwerk, die „provokative“ Wirkung des „Sprungs“, die Kunst laut Gießmann (auch) haben darf, vielleicht gar muss, erreichen der „Rider“ wie auch die übrigen Werke indes nicht. Der Wiwog-Geschäftsführer räumt ein, dass es in der Nachbarschaft „nicht nur positive Reaktionen gab“. Ein Vierteljahrhundert nach dem Ende des Kalten Krieges bleibt die Bewertung eines Sprungs über Mauerstacheldraht offenbar weiter eine Frage des jeweiligen Standpunktes. Und manchen Techniker in seinem Haus störte auch die Farbe der Fassade, schwarz, weil das ja eher aufheize.

Quartiere im Fokus

Gießmann und Keller erwarten sich von der Fassadenmalerei in ihrem Bestand eine Aufwertung der jeweiligen Stadtquartiere. Trajuhnscher Bach und Lerchenberg rücken stärker in den Fokus, so Gießmann, „das sind 4 000 Wohnungen“ mit dem „Hundertwasserhaus als Anker“, wie Keller ergänzt. Tina Kraats vom Verein „wbmotion“ und der künstlerische Leiter des Projekts, Filipe Pinheiro, wollen die Stadtraumgalerie in den kommenden Jahren erweitern: Auch 2015 werden wieder europäische Graffiti-Künstler unterwegs sein in der Lutherstadt.