Flüchtlinge

Flüchtlinge im Mittelmeer: Klaus Vogel gründet Rettungs-Mission im Mittelmeer

Wittenberg - SOS Mediterranée-Gründer Klaus Vogel kommt am 4. Oktober nach Wittenberg.

Von Ilka Hillger

Klaus Vogel ist alles andere als ein Salonlöwe. Dass er trotzdem sehr gut in den „Salon am Dienstag“ passt, liegt an seiner Mission. Der Präsident und Gründer von SOS Mediterranée ist am 4. Oktober um 18 Uhr zu Gast in der Wittenberger „denkbar“ in der Collegienstraße 30 und berichtet dort von seiner Arbeit. MZ-Mitarbeiterin Ilka Hillger sprach mit dem Historiker und Kapitän zur See.

Wie kam es zu der Einladung nach Wittenberg?

Vogel: Zu einem der Veranstalter, Karl Ulrichs, habe ich schon sehr lange Kontakt. Er war Pastor in einer Gemeinde bei Göttingen, wo ich auch lebte bevor wir nach Berlin umgezogen sind. Dann gibt es noch eine Verbindung zum Wittenberger Europaabgeordneten Arne Lietz, der sich sehr für SOS Mediterranée einsetzt, und schließlich ist da noch die Verbundenheit zu den Kirchenkreisen. Unsere Rettungsaktionen von Flüchtlingen im Mittelmeer sind nach wie vor von brennender Aktualität. Davon und von unserer Arbeit will ich in Wittenberg berichten.

Mit ihrer Aquarius ist das größte Schiff einer zivilgesellschaftlichen Organisation im Mittelmeer unterwegs. Wie sieht die derzeitige Bilanz aus?

Vogel: Die Aquarius ist ein hochseetaugliches ehemaliges Fischereischutzboot, das wir gechartert und mit dem wir im Februar Bremerhaven in Richtung Mittelmeer verlassen haben. Seitdem ist es dort ununterbrochen im Einsatz und in dieser Zeit haben wir 3.800 Flüchtlinge gerettet und 2.000 Menschen von anderen Booten übernommen und sicher aufs Festland gebracht. Nach mehreren Monaten im Einsatz, können wir feststellen, mit der Aquarius eine gute Wahl getroffen zu haben.

Wie kam es zur Gründung von SOS Mediterranée?

Vogel: Nach dem Ende der staatlichen Aktion Mare Nostrum war ich der Meinung, dass es im Mittelmeer eine Seenotrettung braucht. Mit dem Verein SOS Mediterranée haben wir diese im Mai 2015 gegründet und sofort angefangen, Spenden für ein Schiff zu sammeln. Am Anfang hatten wir Geld für dreieinhalb Monate beisammen. Die sind aber längst um, nur weitere Spenden halten unsere Mission am Laufen. Wir können immer sechs bis sieben Wochen im Voraus planen. Ich gehe allerdings davon aus, dass wir noch das gesamte Jahr im Mittelmeer bleiben werden.

Wie funktioniert die Rettung der Flüchtlinge?

Vogel: Wir erhalten Meldungen über Flüchtlingsboote. Eigentlich ist jedes dieser Boote in Seenot, denn es sind Schlauchboote und Holzboote, die hoffnungslos mit Menschen überladen sind. Die Lage ist nach wie vor katastrophal. Die Flüchtlinge wissen einfach nicht, worauf sie sich da einlassen. Die Rettungseinsätze werden von der Leitstelle MRCC Rom koordiniert. Dort wird auch entschieden, wohin die Aquarius die geretteten Personen bringt. Einsatzgebiet des Schiffes ist das Seegebiet zwischen Sizilien, Lampedusa und Libyen. An Bord arbeiten wir außerdem mit einem Team von Ärzte ohne Grenzen zusammen. Insgesamt zählt unsere Crew 27 Leute. Das Schiff hat eine Aufnahmekapazität von bis zu 400 Personen.

Vor seinem Engagement bei SOS Mediterranée war Klaus Vogel Kapitän auf Containerschiffen der Reederei Hapag Lloyd. Vogel, Jahrgang 1956, wuchs in Heidelberg auf. Er unterbrach seine Seemannstätigkeit für ein Geschichtsstudium und war viele Jahre Universitätsdozent, bevor er 2000 wieder zur See fuhr.

Der Verein SOS Mediterranée ist eine Initiative von Menschen aus ganz Europa mit unterschiedlicher beruflicher Erfahrung. Angesichts der dramatischen Zunahme von Seenotfällen und der unzureichenden Gegenmaßnahmen beteiligt sich der Verein mit einem eigenen Rettungsschiff an der Seenotrettung im zentralen Mittelmeer und berichtet über die Lage der Geflüchteten. Das Mittelmeer hat sich in den vergangenen Jahren zu einer der Hauptfluchtrouten von Flüchtlingen nach Europa entwickelt. Bei dem Versuch, das Mittelmeer in dafür ungeeigneten alten Schiffen und Schlauchbooten zu überqueren, sind in den Jahren 2010 bis 2014 mindestens 23.000 Menschen ums Leben gekommen. Allein im Jahr 2015 starben bei der Überquerung des Mittelmeeres mehr als 3.700 Menschen. Mindestens 3.000 Menschen sind in der ersten Jahreshälfte 2016 ums Leben gekommen oder gelten als vermisst.

Vereinsziel sind die Rettung von Menschen aus Seenot und deren medizinische Notfallbehandlung an Bord der Rettungsschiffe, die medizinische und psychologische Betreuung der Geflüchteten an Bord sowie die Vermittlung an unterstützende Einrichtungen in Europa und die Unterrichtung der europäischen Öffentlichkeit über die Lage der Flüchtlinge im Mittelmeer. (mz/ihi)

Gibt es nach der Rettung noch Kontakte zu Flüchtlingen?

Vogel: Das ist schwierig, wir sind mit der Rettungsarbeit voll ausgelastet. Aber wir hatten auch zwei Geburten auf unserem Schiff und zu einem Elternpaar und dem Kind besteht Kontakt. Manche unserer Unterstützer verfolgen auch noch die einzelnen Wege der Flüchtlinge.

Sind Sie selbst noch oft auf der Aquarius?

Vogel: Momentan bin ich als Botschafter und Koordinator für SOS Mediterranée an Land unterwegs. Wir sind inzwischen ein europäischer Zusammenschluss von gleichen Vereinen in Frankreich und Italien. Ich habe das erste Team auf dem Schiff angeleitet, stehe aber jederzeit bereit, wenn man mich dort braucht.

Wie lange wird die Aquarius noch im Einsatz sein?

Vogel: So lange man uns braucht. Der Such- und Rettungseinsatz kostet 11 000 Euro am Tag. Wir hören erst auf, wenn unsere Hilfe überflüssig geworden ist. Oder wir müssen leider aufhören, weil uns das Geld ausgegangen ist.

Informationen im Internet und

Spendenmöglichkeit unter

www.sosmediterranee.org

(mz)