Überraschung in Wörlitz

Ein Märchen aus der Südsee

Binnen zwei Jahren ist das Borkenhäuschen in Wörlitz restauriert worden. Weshalb das nicht leicht war und welche Überraschung die Stiftung erlebte.

Von Von Julius Jasper Topp
Stiftungsdirektorin Brigitte Mang bei der Präsentation der vor wenigen Wochen abgeschlossenen Arbeiten am Borkenhäuschen.
Stiftungsdirektorin Brigitte Mang bei der Präsentation der vor wenigen Wochen abgeschlossenen Arbeiten am Borkenhäuschen. (Fotos: Thomas Klitzsch)

Wörlitz - Es ist ein verwunschener Ort. Ein Kranich sucht am Ufer nach Futter, eine Schülergruppe paddelt unter einer nahen Brücke durch das ruhige Wasser. Nur wenige Meter entfernt, nah an einem kleinen Seitenarm des Gewässers, liegt ein Gebäude, das direkt aus einer grimmschen Geschichte entstammen könnte: Das Borkenhäuschen im Wörlitzer Park. Und das über 200 Jahre alte Gebäude hat nun eine aufwendige Restaurierung erfahren.

230.000 Euro kosteten die im Jahr 2019 begonnenen Arbeiten insgesamt, erzählt die Direktorin der Kulturstiftung Dessau-Wörlitz, Brigitte Mang. Bund und Land sorgten für dieses - angesichts der geringen Größe des Gebäudes erstaunlich üppig scheinende - Finanzpolster. Die Sanierung war nötig geworden, weil die Holzteile des Gebäudes marode geworden waren.

Restauratorin Klein vor der Innenraumverkleidung aus Schilfrohr und Binsen.
Restauratorin Klein vor der Innenraumverkleidung aus Schilfrohr und Binsen.
(Foto: Klitzsch)

Riesiges 3-D-Puzzle

Der Aufwand sei beträchtlich gewesen, erklären die Architektin Franziska Pietryas vom Büro Stackedroom und die Restauratorin Kerstin Klein. Die charakteristische Außenverkleidung aus den urwüchsigen Stämmen wurde vorsichtig abgebaut und anschließend konserviert. Das darunterliegende Fachwerkhaus konnte dann - nun gewissermaßen entkleidet - instandgesetzt werden.

„Es war wie ein riesiges 3D-Puzzle“, meint Klein. Schließlich sollte möglichst viel des ursprünglichen Baudenkmals wieder an Ort und Stelle. Etwa 200 Teile wurden abgebaut und an die alte Stelle wieder eingefügt. Zusammengehalten wird das Bauwerk von 700 Eisennägeln. Die hatte die Restauratorin einem Dachdecker abgekauft, der die geschmiedeten und historischen Metallteile sein gesamtes Berufsleben lang gesammelt hatte.

Teils war es aber nicht möglich, die alten Teile zu verwenden. So musste etwa neues Borkenholz her, das die Hütte von außen verkleidet. Darunter befindet sich normales Fachwerk. Zunächst hätten Fachleute das gesamte Gebäude mit einem Laserscanner von außen und innen erfasst. Jede Vertiefung im Holz, jeder Nagel sei so konserviert worden, sagt Architektin Pietryas. Insgesamt hätte das Bauwerk die Jahrhunderte erstaunlich gut überstanden. Das alte Holz sei im Kern noch gut erhalten gewesen.

Entstanden sei das Gebäude den Untersuchungen zufolge wohl 1817. Damit ist es etwa 30 Jahre jünger, als die Kulturstiftung bislang auf Grundlage von historischen Gartenplänen angenommen habe, sagt Mang. Auch die Legende, wonach Fürst Franz sich hier in seine Badekleidung warf, um danach im Fluss zu schwimmen, müsse nun überprüft werden. Denn ob der Adelige im hohen Alter noch in Badelaune war, wirkt mindestens zweifelhaft. Fürst Franz verstarb im August 1817 einen Tag vor seinem 77. Geburtstag. Auf das gleiche Jahr datieren die Experten auch Teile der Hütte.

Besuch am Borkenhäuschen
Besuch am Borkenhäuschen
(Foto: Klitzsch)

Den Erkenntnissen der Kulturstiftung zufolge ließ er das Borkenhäuschen aufgrund einer damals in Mode gekommenen Südseebegeisterung errichten. Die Optik, die es gerade bei jüngeren Besuchern schnell als „Hexenhäuschen“ bekannt machte, ist eigentlich einem othahitischen Badehäuschen nachempfunden. „Entstanden ist eine Art Urhütte“, sagt Stiftungsdirektorin Mang. Damit passte es in die aufklärerische und naturnahe Philosophie der Erschaffer des Wörlitzer Parks.

Binsen im Inneren

Eine Handvoll ähnlicher Gebäude gebe es in Deutschland, erklärt Restauratorin Kerstin Klein. In keinem sei aber der ursprüngliche Innenraum so gut erhalten geblieben wie im Wörlitzer Borkenhäuschen. Die Expertin versuchte, sämtliche Details - auch diese, die längst der Zeit zum Opfer gefallen waren - wieder herzustellen.

Idylle - auch auf dem Wasser.
Idylle - auch auf dem Wasser.
(Foto: Klitzsch)

So ließ sie etwa die Art der als Wandverkleidung genutzten Binsen bestimmen. Davon waren nach Jahrhunderten allerdings nur Reste vorhanden. „Danach gab es noch die Schwierigkeit, dass es heute so gut wie keine Binsenbinder mehr gibt“, sagt Klein. Erst nach langer Suche, habe man eine Frau gefunden, die die Arbeiten wie damals üblich erledigen konnte. In Oldenburg, übrigens.

Bei so viel Aufwand ist es nun nicht verwunderlich, dass die Kulturstiftung Besucher bittet, „die fragilen Materialien lediglich mit den Augen zu begreifen“. Einen Besuch ist das verwunschene Häuschen in jedem Fall wert. (mz)

Hunderte Eisennägel wurden verbaut.
Hunderte Eisennägel wurden verbaut.
(Foto: Klitzsch)