Buch-PräsentationBuch-Präsentation: Kleine Zeitreise in Wittenberg

Wittenberg - Mathias Tietke stellt in der Stadtbibliothek sein neues Buch über das Wittenberg der 1980er Jahre vor. Das ist erst ab 20. Mai im Buchhandel zu haben.

Von Karina Blüthgen 25.04.2019, 13:16

Der kleine Raum in der Wittenberger Stadtbibliothek ist bis auf den letzten Platz gefüllt. Es ist der Welttag des Buches, und was liegt an solch einem Tag näher, als ein neues Buch vorzustellen. „Wittenberg im Wandel - Die 1980er Jahre und die Wende“ heißt es - und es ist noch nicht zu haben. Autor Mathias Tietke muss die Neugierigen auf den 20. Mai vertrösten.

Sehr bildlastig

Aber eine Reihe Bilder kann er zeigen, und auch die eine oder andere Geschichte gibt er zum besten. „Es wird keine Lesung, das Buch ist sehr bildlastig“, schränkt Tietke die Erwartungen ein. Es wird dennoch eine kurzweilige Stunde, auch weil die Mehrheit derer im Raum die 80er Jahre selbst in Wittenberg erlebt hat und mit den Fotos so manche Erinnerung geweckt wird.

Das liegt zum einen an Christine Schmidt-Wichmann, die in den 80er Jahren die Wittenberger Schaufenster als Fotomotiv gewählt hat. „Das ist aus heutiger Sicht unglaublich spannend“, findet Autor Tietke, der die ausgewählten Bilder mit gelegentlichen Info-Texten unterlegt hat. „Sie können mit diesem Buch durch die Stadt gehen, und kein Weg ist doppelt“, sagt er.

Letztlich zeigen die Bilder auch mehr als nur Schaufenster. Der Kohlenhaufen neben dem Sitz der „Freiheit“ und der Elbe-Druckerei am Markt zum Beispiel verrät, wie mühsam es war, die Räume warm zu bekommen. Und bei der Abbildung des Ladens von Bäcker Karius in der Mittelstraße hat Tietke eine persönliche Anmerkung parat: „Nicht jeder hatte früher einen Backofen zu Hause. Wir haben unsere Kuchen immer vorbereitet und haben die Bleche dorthin gebracht. Am nächsten Tag konnten wir den fertigen Kuchen abholen.“

Ob Berufsbekleidung bei Wassersleben in der Coswiger Straße, die damals noch Dr. Richard-Sorge-Straße hieß, die Schaukästen am ehemaligen Kino in der Mittelstraße oder der Papier- und Schreibwarenladen in der Schlossstraße, fast jeder im Raum hatte offenbar seine eigenen Erlebnisse vor sich.

Besonders an „die beiden Jahns in der Schlossstraße, es waren wohl Vater und Sohn“, so Tietke, rufen lebhafte Kommentare der Anwesenden auf. Bei den Besitzern des Schreibwarenladens sei alles mit Bleistift beschriftet gewesen, erzählt der Autor, der Geschichten wie diese aufgeschrieben hat.

Teil zwei zeigt Fotos von Steffen Hennig. Dampflokomotiven am Bahnhof oder Busse in der Mauerstraße sind sein Metier. Fast immer ist natürlich auch ein Stück Stadt zu sehen, so der Bus vor dem Augusteum. In dieser Kreuzung, erinnert sich Tietke, sei sogar mal ein Bus umgestürzt. „Das war wohl die gefährlichste Kreuzung der Stadt.“

Dann kommt der persönliche Teil, mit jenem Auszug der Stasi-Akte, in dem ihm als Wehrdienstverweigerer das Literaturstudium untersagt wurde. „Offiziell auswertbare Gründe für eine Ablehnung sind nicht vorhanden“, schrieb der zuständige Offizier dazu. „Das bedeutete, das Institut in Leipzig musste sich etwas einfallen lassen, um die Absage zu begründen“, so Tietke.

Zeit der Kampfgruppen

Humorvoll liest sich heute so manche Schlagzeile der „Freiheit“, etwa über einen „überraschenden Wintereinbruch“ im Februar 1988. Tietke zeigt auch ein Foto von Horst Dübner, vor der Wende Erster Kreissekretär der SED, der einem Vertreter der Kampfgruppen gratuliert und die Hand schüttelt. „Dübner wurde in der Zeit eine wichtige Person in der ,Freiheit’“, so Tietke. Fotos wie dieses habe er im Zeitraum von September bis November 1989 regelmäßig gefunden.

Einige Irritationen gab es vor Beginn der Präsentation. Da der Platz in der Bibliothek begrenzt ist, hatte diese vorab um Reservierungen gebeten. Das wusste offenbar nicht jeder. „Das ist schade“, befand auch Bibliotheks-Chefin Katrin Hanß, die zumindest einige Wartende noch unterbringen konnte. „Nach dem Umbau werden wir mehr Platz haben“, versprach sie.

Zu dritt gelingt der Blick auf die Stadt

In drei Teile gliedert Buchautor Mathias Tietke sein neues Buch. Teil eins beinhaltet rund 60 Fotos von Schaufenstern der Wittenberger Innenstadt von Christina Schmidt-Wichmann aus den 1980er Jahren. Im zweiten Teil finden sich 40 Aufnahmen von Steffen Hennig, der Dampflokomotiven und Ikarus-Busse als Motive wählte. Der dritte Teil ist von Mathias Tietke selbst gestaltet, er umfasst etwa seine Zeit im Elbe-Elster-Theater, Erfahrung mit der Staatssicherheit und die Wende im Spiegel der Presse. Für letzteres hat er über 3 000 Ausgaben der „Freiheit“ ausgewertet. Das Buch erscheint im Verlag Tredition Hamburg, hat 132 Seiten und wird als Paperback 11,99 Euro kosten (Hardcover 19,89 Euro). (mz)