Ausstellung im Cranach-Haus

Ausstellung im Cranach-Haus: Das Flair der 1920er Jahre

Wittenberg - „Babylon Berlin“ ist jetzt auch in Wittenberg eingezogen. Zu sehen sind Blätter aus Arne Jyschs Graphic Novel. Zur Vernissage wird sogar getanzt.

Von Sonja Poppe

Eintauchen in das Berlin der 1920er Jahre hieß es für zahlreiche Besucher an diesem sonnigen Freitagabend bei der Eröffnung der Sonderausstellung „Babylon Berlin“ im Wittenberger Cranach-Haus am Markt. Gezeigt werden hier Blätter aus Arne Jyschs Graphic Novel „Der nasse Fisch“ nach dem gleichnamigen Roman von Volker Kutscher, der auch die Grundlage für die TV-Serie „Babylon Berlin“ bildet.

Wiedersehen mit Gereon Rath

Die Zeitreise - die der Corona-Abstandsregeln wegen in mehreren Durchgängen verlief - startete im Hof. Untermalt von Maxim Shagaevs stimmungsvollen Akkordeonklängen sieht man Arne Jysch an einem Tisch sitzen und zeichnen. Die Kunsthistorikerin der Cranach-Stiftung, Marlies Schmidt, begrüßt die Gäste und führt sie ins Thema ein.

Die Geschichte, die die Graphic Novel erzähle, handle von Kriminalkommissar Gereon Rath, der den Leser mitnehme „zu Kriegerwitwen, Morden unter Exilrussen und in Fotoateliers, in denen Erotisches und Pornographisches fabriziert wird, zu mafiaähnlichen Ringvereinen und zu rechten Netzwerken.“

Dem Künstler Arne Jysch gelinge es, „die Atmosphäre jener Jahre“ in seinen Schwarz-Weiß-Zeichnungen in besonderer Weise einzufangen: „Er zeigt die Dramatik, aber auch den Glamour der Zeit“, so Schmidt. Auch Bürgermeister Jochen Kirchner freut sich, dass nach der langen Corona-Pause endlich wieder eine Ausstellung in Wittenberg eröffnet wird, und hebt hervor, sie „schafft es, das Lebensgefühl der 20er Jahre in seiner Ambivalenz nachzuzeichnen“.

Gruber steuert Grafiken bei

Dann geht es in kleinen Gruppen hinauf in die Ausstellungsräume. Zu sehen sind Blätter aus Jyschs Graphic Novel. Außerdem Alltagsgegenstände, Kleidung, Fotos, Zeitungsausschnitte und einige von dem bekannten Wittenberger Kunstsammler Gerd Gruber bereitgestellte Originalgraphiken. Im Zusammenspiel lassen sie die Besucher tief eintauchen in die 1920er. Während die einen sich über die Pointen der Geschichte um Gereon Rath amüsieren, bewundern andere die zarten Abendkleider, die „man auch heute noch tragen könnte“.

Ganze drei Jahre habe er an der Graphic Novel gearbeitet, erklärt Armin Jysch. Zunächst musste die Geschichte stark verdichtet werden, dann ging es von den ersten Skizzen über Tuschezeichnungen hin bis zur fertigen Seite. Er nutze dafür ein Tablet, weil Änderungen sich dort schneller umsetzen ließen - vom Stil her seien die Zeichnungen aber an damals angelehnt. Es sei ihm vor allem darum gegangen, die Menschen und die Zeit lebendig werden zu lassen. Dafür habe er sich eine Datenbank an Fotos angelegt - zum Beispiel von Büroräumen oder von Verbrechern. So konnte er auch Details wie Lichtschalter, Telefone oder die Art, wie bestimmte Typen ihren Hut trugen, einfangen.

Plot und Panorama

Inspiriert habe ihn besonders, dass die Romanvorlage mit ihrer Kriminalgeschichte „einen spannenden Plot hat, den man gerne liest, aber gleichzeitig ein wunderbares Panorama der Menschen und der sozialen und politischen Umstände zeigt“.

Die Besucher fragen interessiert nach und sind begeistert. Sie habe die TV-Serie gesehen und finde die Geschichte „super interessant, vor allem, weil es gerade 100 Jahre her ist und vieles sich wiederholt“, meint Bärbel Schiepel. Auch Thomas Schmidt findet die 20er Jahre mit ihrer „Lebensart, der Kunst, Mode und Technik“ faszinierend: „Das war eine bewegte Zeit und es ist spannend, was Armin Jysch daraus gemacht hat.“

Ausklang im Tango-Takt

Für einen passenden Ausklang des Abends sorgen der Akkordeonspieler Maxim Shagaev, der Violinist Andrei Ur und die Sängerin Ute Beckert auf dem Marktplatz, wo sie mit ihrer Musik zum Tangotanzen animieren. In Europa sei der Tango in den 1920er Jahren vor allem auf den Straßen ärmerer Viertel verbreitet gewesen, erfährt man und nimmt mit den Takten der Musik auch etwas vom Lebensgefühl der wilden Zwanziger mit nach Hause.

Die Ausstellung „Babylon Berlin“ wird bis zum 27. September im Cranach-Haus am Markt 4 zu sehen sein. (mz)