Archäologie

Archäologie: Sensationsfund aus Wittenberg wird in Halle gezeigt

Wittenberg/Halle - Der Schatz aus Wittenberg schwebt. Unter ihm eine Zeichnung vom „Stein der Weisen“, über ihm ein strahlendes Bild vom Cern, dem europäischen Kernforschungszentrum in der Schweiz. Das ist ein überaus passender Rahmen für den bedeutenden Fund aus der Lutherstadt, der 2014 erheblich Furore ...

Von Ilka Hillger

Der Schatz aus Wittenberg schwebt. Unter ihm eine Zeichnung vom „Stein der Weisen“, über ihm ein strahlendes Bild vom Cern, dem europäischen Kernforschungszentrum in der Schweiz. Das ist ein überaus passender Rahmen für den bedeutenden Fund aus der Lutherstadt, der 2014 erheblich Furore machte.

Kein Zweifel, was Archäologen damals an der nördlichen Außenmauer des ehemaligen Franziskanerklosters fanden, ist das zentrale Thema der neuen Ausstellung im Landesmuseum für Vorgeschichte Halle und war überhaupt erst Anlass für diese.

„Alchemie - die Suche nach dem Weltgeheimnis“ ist rund um den Sensationsfund gebaut. Ab 25. November ist die Sonderausstellung zu sehen. Eine Woche zuvor hegt der Laie - wie immer kurz vor Ausstellungseröffnungen - Zweifel, ob das alles noch zu schaffen ist. „Wir liegen gut in der Zeit“, kann hingegen Alfred Reichenberger beruhigen. Er ist Archäologe und Sprecher des Museums und hat in diesen Tagen wieder viel zu erzählen über die Scherben aus der Abfallgrube eines Alchemisten.

Viele Monate war es ruhiger geworden um diese archäologische Sensation. Das war die Zeit des Forschens und Vorbereitens der Ausstellung und eben jene anderthalb Jahre, in denen Restauratorin Vera Keil mehrere Tausend Glasscherben sortierte und wieder zu Destillierkolben, Retorten und Schmelztiegeln zusammensetzte. „Ich würde da wahnsinnig werden“, sagt Reichenberger und schreibt den Kollegen eine „gewisse Ruhe“ zu. „Die puzzeln gerne.“

Jens Brauer hingegen forscht gerne und hat sich als Kurator der Ausstellung in den vergangenen Monaten zum Experten für Alchemie entwickelt, obwohl er einst froh war, in der 11. Klasse Chemie abwählen zu können. „Auch ich habe bei dieser Schau viel gelernt“, meint er.

Vor allem aber hat er mit den Beratern Claus Priesner (München) und Rainer Werthmann (Kassel) all das Wissen über Alchemie komprimiert und für diese hochinformative Ausstellung auf 500 Quadratmetern zusammengefasst. „Wir sind gezwungen zu verkürzen und anschaulich zu erzählen“, sagt Brauer.

Rundgang durch Wittenberg im Mittelalter

Der Rundgang beginnt im mittelalterlichen Wittenberg. Albrecht Reichenberger steht vor einer historischen Stadtansicht und zeigt dann den Fundort. Bereits 2008 wurde auf dem Areal des ehemaligen Franziskanerklosters gegraben, sechs Jahre später krönte die freigelegte Abfallgrube der Alchemistenküche die mühsame Arbeit der Archäologen. Als sich dann in einem Gefäß auch noch ein Hundeskelett fand, war schnell eine Verbindung zu Doktor Faust gezogen. „Das war der damalige Erkenntnisstand“, sagt Reichenberger.

Zur Ausstellung erscheint ein Begleitband, der sich mit zahlreichen Abbildungen sowohl der Ausstellung widmet als auch Tagungsband zu einem Symposium ist, das im vergangenen Jahr zum Thema „Alchemie“ stattfand. Zudem ist eine Broschüre zur Ausstellung erhältlich. Vielfältig ist auch das Begleitprogramm zur Schau. Es listet eine Vortragsreihe mit neun Terminen, Kuratorenführungen, Führungen mit Laborbesuch sowie Familiennachmittag und eine Winterferienwerkstatt auf. Bei „Alchemie an Fürstenhöfen“ hat man an sieben Terminen Gelegenheit, nicht nur in fürstliche Laboratorien zu blicken, sondern auch einen kulinarischen Selbstversuch zu starten.

Die Wittenberger können zudem mit der Hoffnung leben, dass der Fund aus ihrer Stadt wieder den Weg dorthin findet. Laut Archäologe Alfred Reichenberger sei eine Leihgabe möglich, wenn in der Lutherstadt die räumlichen, konservatorischen und finanziellen Mittel für eine Präsentation gefunden werden. Es ist auch im Interesse des Landesmuseums, wenn die Exponate nach der Ausstellungszeit nicht im Magazin verschwinden. Drei Gefäße, so Reichenberger, seien aktuell schon ausgeliehen und befinden sich in der Luther-Ausstellung, die das Land nach Minneapolis und Atlanta geschickt hat.

Inzwischen hat man Abstand davon genommen, wenngleich man damals natürlich die Aufmerksamkeit genoss. Zeitlich passen die Scherbenreste, datiert auf 1520 bis 1540, nicht, und wer weiß, ob Faust überhaupt in Wittenberg… Unumstritten ist jedoch eines: „Es ist der größte derartige Fund aus dem 16. Jahrhundert nördlich der Alpen“, so Reichenberger.

Fasziniert hat die Mitarbeiter des Museums die pharmazeutische Ausrichtung des unbekannten Alchemisten. Archäo-Chemiker Christian-Heinrich Wunderlich analysierte die rötlichen und braunen Anhaftungen an den Scherben, die sich als Antimonverbindungen herausstellten. Antimon wurde aus Erz gewonnen und war in der damaligen Zeit ein Allheilmittel, in falscher Dosierung jedoch. „Im Prinzip wurden in Wittenberg Arzneimittel hergestellt“, erklärt Brauer.

Damit konnte der Kurator mit seinen Kollegen einen Bogen zur Medizin schlagen, den weitere Funde aus Wittenberg bereichern. Unter Glas thront inmitten der zentralen Ausstellungsinstallation ein aufgesägter Schädel. „Wir wissen ziemlich sicher, dass er zu einer wegen Kindsmord hingerichteten Magd aus Wittenberg gehört“, berichtet Alfred Reichenberger.

Belegt wird dies mit einem Buch aus der Uniklinik, in dem sich Randnotizen zu diesem Fall finden, darunter Anmerkungen von Melanchthon. Auch dieses Exponat zeigt die Schau mit 150 Objekten und Objektgruppen von 30 Leihgebern.

Der Schädel, so die Wissenschaftler, wurde im Erdreich der Franziskanerkirche gefunden; damals schon säkularisiert, konnte die Frau dort bestattet werden, nachdem man ihren Leichnam der Forschung zur Verfügung gestellt hatte. Für Brauer ist dies vor allem Beleg für eine Tatsache: „Die Wittenberger Universität gehörte damals zu den innovativsten Europas. Damals wie auch heute ging es den Wissenschaftlern immer um Erkenntnisgewinn“.

Fehlen darf in der Schau deshalb auch nicht der Apfel vom Baum der Erkenntnis. Hinter einen großformatigen Ausschnitt aus einem Cranach-Gemälde hat Ausstellungsdesigner Juraj Lipták deshalb auch die raumfüllende Installation gesetzt.

Ein großer Teil der Exponate liegt schon unter Glas und wird von schwarzen Vitrinen zur Geltung gebracht, Monitore flimmern und das Team des Landesmuseums putzt, poliert, montiert und fügt zusammen, damit der Fund den bestmöglichen Rahmen der Präsentation erhält. (mz)

Ausstellung „Alchemie – Die Suche nach dem Weltgeheimnis“ im Landesmuseum für Vorgeschichte Halle, vom 25. November bis 5. Juni.