Wenn Kulturen kollidieren

Weißenfels: Wenn Kulturen kollidieren - Im „Bösen T“ leben Polen und Bulgaren neben Alteingesessenen

Weißenfels - Im „Bösen T“ der Straßen Herrmannsgarten und Waltherstraße leben Polen und Bulgaren neben alteingesessenen Weißenfelsern. Warum es zu Konflikten kommt.

Von Sandra Simonsen 21.08.2018, 05:00

Tagsüber ist es leer in Herrmannsgarten: Kaum ein Auto durchquert die Straße, die wenigen Menschen, die nach Hause kommen, beäugen ihre Umgebung mit kritischem Blick. Auf den Fußwegen liegt Müll, ein kaputter Wäscheständer, ein alter Röhrenfernseher, mitten auf der Straße ein einsamer Turnschuh. Haustüren stehen offen und lenken den Blick auf schmutzige Treppenhäuser und kaputte Briefkästen. In der ehemaligen Gaststätte fehlt das untere Fenster der Eingangstür, innen sieht man kaputte Möbel und Dreck.

„In den vergangenen fünf bis sechs Jahren hat sich hier einiges verändert, das macht mich schon traurig“, erzählt Wolfgang Krause. Er hat seit fast 13 Jahren ein kleines Zoofachgeschäft in der Straße - das einzige Geschäft, das noch übrig ist. Dort wo sein Geschäft ist, am Anfang der Straße, sei es noch nicht so schlimm, berichtet er, aber in Richtung Waltherstraße werde es problematisch. Kinder würden bis nach 22 Uhr auf der Straße spielen, oft höre man Pöbeleien und Beschimpfungen. „Die Polizei ist bestimmt einmal in der Woche hier“, bekräftigt er. Spielende Kinder würden die Pflastersteine aus den Fußwegen buddeln, Abfall werde auf die Straße gestellt und nicht abgeholt.

Weißenfels: Ecke Waltherstraße/Herrmannsgarten oft das „Böse T“ genannt

Schon früher sei die Ecke Waltherstraße/Herrmannsgarten oft das „Böse T“ genannt worden, erinnert sich Krause. Ein Umzug kommt für ihn dennoch nicht in Frage. „Dann müsste ich ja mit dem ganzen Geschäft umziehen - und etwas mit vergleichbar günstiger Miete finden“, gibt er zu bedenken - mit fast 60 sei er dafür auch zu alt, schätzt er.

Maik Rudolph wohnt seit fünf Jahren in der Waltherstraße. „Hier ist öfter mal was los - dann wird es ziemlich laut“, beklagt er. Zum Glück arbeite er nachts, da höre er es nur selten. „Anfangs ist das hier ein schönes Viertel gewesen“, blickt er zurück. Für Wladimir Chatzithomas sind die unterschiedlichen Kulturen in der Straße Schuld an den Problemen: „Das passt alles nicht zusammen“, betont der Grieche, fast jede Nacht komme die Polizei.

Das „Böse T“ in Weißenfels: Abends erwacht die Straße zum Leben

Denn abends erwacht die Straße zum Leben. Zwischen den Autos spielen Kinder mit einem Ball, an der einen Hausecke sitzen ihre Mütter, an der anderen stehen die Väter und unterhalten sich in ihren Landessprachen. Ob sie auch Deutsch sprechen? „Nein, nein“, Kopfschütteln, „Ein bisschen“ sind die Antworten.

Daniele, der „Chef“, wie ihn die anderen nennen, spricht besser Deutsch. Er erzählt, dass er mit seiner Familie seit sechs Monaten in Herrmannsgarten lebt. Eigentlich kommt er aus Bulgarien: „Wie alle hier“, erzählt der Familienvater und deutet auf das Haus hinter sich. Sie seien hier, weil es Arbeit und Geld gebe - viele würden bei McDonalds, Tönnies oder im Baugewerbe arbeiten. „Ohne Arbeit gibt es kein Essen, keinen Schlafplatz - hier geht es uns besser als in Bulgarien“, betont Daniele. Wie viele Menschen in dem Haus an der Straßenecke leben, weiß er nicht - auch nicht, wie lange die anderen schon da sind. „Das ist Privatsache“, erklärt er.

Mehr Polizeieinsätze in Weißenfels: Kriminalität im „Bösen T“ nimmt zu

Nicht nur durch die vielen unterschiedlichen Kulturen, die in dem Viertel aufeinandertreffen, kommt es auch zu mehr Polizeieinsätzen - generell scheint die Kriminalität im „Bösen T“ höher zu sein, als in anderen Wohngegenden. Für 2018 hat die Polizei bisher ungefähr 35 Einsätze in Herrmannsgarten gezählt - für die anliegenden Straßen Waltherstraße und Kleine Deichstraße waren es etwa zwischen 25 und 30 Einsätzen. Seit 2013 habe es einen Anstieg der Einsatzzahlen gegeben, erklärt Polizeisprecherin Gesine Kerwien, das könne aber auch einfach an der Bevölkerungsstruktur liegen - wo mehr Menschen wohnen, gibt es logischerweise auch mehr Konfliktpotenzial.

Die meisten Einsätze gibt es laut Kerwien wegen Ruhestörung und Familienstreitigkeiten. „Da geht es hauptsächlich um Gefahrenabwehr und Deeskalation“, erklärt sie. Etwa ein Fünftel der Einsätze gab es wegen Kellereinbrüchen, Beleidigung und Sachbeschädigung, hinzu kommt eine Handvoll Verkehrsunfälle.

Dass die meisten Polizeieinsätze wegen der ausländischen Bewohner entstehen, kann die Polizeisprecherin allerdings nicht bestätigen: „Von rund 35 Einsätzen gab es vier Einsätze wegen Ruhestörung bei den Bulgaren.“ Genauso hätten aber auch die Deutschen miteinander gestritten oder laute Musik gehört. (mz)