Alte Straßennamen

Straßennamen in Weißenfels: In Borau ist die DDR noch lebendig

Borau - Auch in Borau gibt es bis heute eine Straße der Deutsch-Sowjetischen Freundschaft und eine Leninstraße. Was die Anwohner darüber denken.

Von Andreas Richter 25.10.2017, 07:00

Ein bisschen haben sie sich schon gewundert in Borau. Da hatte jüngst ein Historiker die Umbenennung alter DDR-Straßennamen gefordert - und über Google Maps fahndete jemand nach den letzten Straßen der Deutsch-Sowjetischen Freundschaft (DSF) im Lande. Der kleine Weißenfelser Ortsteil wurde allerdings nicht genannt.

Straße der Deutsch-Sowjetischen Freundschaft: Ein Stück DDR gibt es auch noch in Borau

Dabei gibt es das Relikt auch hier. Eine kleine Straße am Ortsrand, Kleingärten auf der einen, kleine gepflegte Wohnhäuser auf der anderen Seite, der Fußweg tipptopp, der Asphalt noch nicht alt. Der Straßenname schon. Elfriede Rudolph wohnt seit 57 Jahren in der Straße der DSF.

Umbenennen? Warum? „Das ist doch Geschichte“, meint die Rentnerin, die noch immer gerne in ihrer Straße wohnt. Obwohl - zu DDR-Zeiten sei es hier noch schöner gewesen, meint sie. Mehr Zusammenhalt, mehr Gemeinsinn, mehr Freundschaft eben.

DDR-Geschichte in Borau: Russische Soldaten halfen bei der Verlegung der Abwasserleitungen

Dass gerade die Straße der DSF unbedingt zu Borau gehört, findet auch Wolfgang Gotthelf, der im Mittelweg wohnt - ein weit unverfänglicherer Name. Wenn sich aus dem Westen mal einer über die seltsame Abkürzung wundert, dann kann er ihn aufklären. Darüber, dass zu DDR-Zeiten die Soldaten aus der Weißenfelser Russenkaserne eben über jenen Weg zum Schießplatz nach Kleben marschierten. Oder darüber, dass die Soldaten der Garnison bei der Verlegung der Abwasserleitungen in Borauer Straßen geholfen haben.

Wilhelm-Pieck-Straße in Borau: Vorschläge zur Umbenennung immer wieder gescheitert

Auch beim heutigen Ortsbürgermeister Siegmar König. Der 79-Jährige wohnt in der Wilhelm-Pieck-Straße. Dass seine Adresse an den Präsidenten der längst untergegangenen DDR erinnert, damit hat er überhaupt kein Problem. Bei Wolfgang Gotthelf war das kurzzeitig mal anders. Angesteckt von der Euphorie der Montagsdemonstranten in Leipzig, beantragte der Borauer damals im Frühjahr 1990 eine Umbenennung der Straßen im Ort.

Die Vertretung der damals noch selbstständigen Gemeinde lehnte jedoch ab. „Ich bin froh, dass es so gekommen ist“, sagt Gotthelf heute. „Das ist doch historisch gewachsen. Wir brauchen keine Bilderstürmerei“, sagt er und ist zufrieden, dass auch zwei spätere Vorstöße, die alten Straßennamen zu kippen, gescheitert sind. Vor ein paar Jahren ist ein früherer Borauer mit seiner Freundin in den Ort zurückgekehrt. Dass sie in einer Straße der DSF wohnen sollte, fand die Dame gar nicht lustig - forderte vom Ortschaftsrat vergeblich eine Umbenennung.

Vor zwei, drei Jahren noch ein Versuch. Da trat Kurt Böhme, Vorsitzender des Gemeindekirchenrates, auf den Plan. Schlug vor, dass das Karree mit den Straßennamen aus einer anderen Welt künftig Luther-Ring heißen soll. Doch auch der Senior, der sich seit Jahren um die Kirche des Ortes kümmert, hatte im Ortschaftsrat keine Chance.

Wilhelm-Pieck-Straße, Leninstraße, Straße der DSF - alles gut

Wilhelm-Pieck-Straße, Leninstraße, Straße der DSF - alles gut. Es gibt keine „Wechselstimmung“ in Borau. Das bestätigt auch Michael Lampe in der Wilhelm-Pieck-Straße. Die Lebensdaten des einzigen DDR-Präsidenten kann er locker aufsagen: 1876 bis 1960. Als Pieck starb, wurde Lampe geboren. An einen anderen Straßennamen gewöhnen will er sich nicht. Es ist okay, wie es ist. Das findet auch Stephan Wichmann, Chef einer Dachdeckerfirma in der Leninstraße: „Das ist doch Geschichte. Es war nicht alles schlecht.“ (mz)