Sie helfen Anderen bei schweren Schicksalsschlägen

Sie helfen Anderen bei schweren Schicksalsschlägen: Notfallhelfer nun selbst in Not

Weißenfels - Ein Team des Roten Kreuzes begleitet Menschen in den ersten Stunden nach einem schweren Schicksalsschlag. Warum sie nun selbst Unterstützung brauchen.

Von Andreas Richter 25.09.2019, 05:00

Annett Hirscher schlägt Alarm. „Wir brauchen unbedingt Verstärkung für unser Team.“ Seit mehr als zwölf Jahren leitet die 54-Jährige, die als Anästhesie-Schwester im Krankenhaus Bergmannstrost in Halle arbeitet, ehrenamtlich ein Team von Notfallbegleitern beim Deutschen Roten Kreuz (DRK) in Weißenfels. Zwölf aktive Mitglieder gehören zurzeit dazu. „Das ist die unterste Grenze, um die Bereitschaftsdienste absichern zu können“, sagt Hirscher. Zwanzig Mitglieder wären ideal, um das Angebot auf Dauer zuverlässig aufrechterhalten zu können.

Weil die Helfer in der Not nun selbst Hilfe brauchen, gehen sie in die Offensive. Am Mittwoch, 25. September, werden sie bei einem Informationsabend in der Weißenfelser Bibliothek über ihr Ehrenamt berichten. „Wir sind in den ersten Stunden nach einem schweren Unfall im Einsatz, oder wenn Menschen nach einem Schicksalsschlag Unterstützung brauchen. Wir helfen Angehörigen und Betroffenen in einer absoluten Notlage“, erklärt die Team-Chefin.

Wie überbringe ich eine Todesnachricht?

Noch recht neu in der Truppe ist Holger Schramm. „Im Bekannten- und Kollegenkreis musste ich schon erleben, wie ein plötzlicher Todesfall einfach sprachlos machen kann“, erzählt der Teucherner, der als Personalratsvorsitzender bei der Agentur für Arbeit in Halle arbeitet. Als er Ende vergangenen Jahres im Teucherner Amtsblatt einen Hilferuf der Notfallhelfer fand, meldete er sich bei Annett Hirscher. „Ich hab’ mit meiner Frau gesprochen, zwei Wochen überlegt und dann entschieden: ja, ich mach’s“, sagt Schramm.

Im Frühjahr hat er sich bei Schulungen an drei Wochenenden das nötige Rüstzeug geholt. Wie überbringe ich eine Todesnachricht? Wie gehe ich mit Hinterbliebenen nach einem Selbstmord um? Welches Netzwerk brauche ich, um Menschen in einer Notlage wirkungsvoll helfen zu können? Das alles sind Fragen, mit denen die angehenden Notfallhelfer während der Ausbildung konfrontiert werden. Dabei hat Holger Schramm auch gelernt: „Ein Händedruck kann mehr wert sein als 1.000 Worte.“

„Wir sind froh, dass zwei Männer uns verstärken“

Nach einem kurzen Praktikum bei Polizei und Rettungsdienst hat der 57-jährige Vater dreier Kinder schließlich den Ausweis als Notfallbegleiter in der Tasche. Er und Norbert Kübeck sind jetzt die einzigen Männer im Team. „Wir sind froh, dass zwei Männer uns verstärken“, sagt Annett Hirscher. Immerhin gehe jeder anders mit bestimmten Situationen um. Und der Austausch untereinander sei im Team ganz wichtig. Einmal im Monat treffen sie sich zur sogenannten Supervision, sprechen über ihre Erfahrungen bei möglichen Einsätzen.

Im vergangenen Jahr mussten Mitglieder des Teams 27 Mal zu Einsätzen im Altkreis Weißenfels fahren. „Den größten Anteil machen Todesfälle im häuslichen Bereich aus“, weiß Annett Hirscher. Holger Schramm hat jetzt wie die anderen auch vier bis fünf Mal im Monat einen Zwölf-Stunden-Bereitschaftsdienst. Zum Ernstfall musste er bislang noch nicht ausrücken. „Doch ich fühle mich gut vorbereitet“, sagt der Notfallbegleiter im Ehrenamt.

››Infoabend: Mittwoch, 25. September, 18 Uhr, Bibliothek, Klosterstraße (mz)