Rettungskräfte im Dauereinsatz

„Ignatz“ fegt über Sangerhausen und Umgebung hinweg - Bilanz eines Sturmtages

Von Ralf Kandel, Helga Koch, Grit Pommer Und Frank Schedwill 22.10.2021, 06:32 • Aktualisiert: 22.10.2021, 07:05
Die Feuerwehr musste in der Rathenaustraße ran.
Die Feuerwehr musste in der Rathenaustraße ran. Foto: Klaus WInterfeld

Sangerhausen/MZ - Für Kerstin Ackermann startete der Donnerstag wie immer. Pünktlich sechs Uhr begann sie in einer Pflegeeinrichtung in Beyernaumburg zu arbeiten. Knapp zwei Stunden später war es mit der Normalität des Tages vorbei. Weinend stand sie vor ihrem grauen Auto, das sie wie üblich in der Schlossgasse geparkt hatte. Sturm „Ignatz“ hatte eine alte Linde entwurzelt und die war auf den Pkw der jungen Frau gekracht. Das Dach des Fahrzeugs war demoliert, die Spiegel abgeknickt, überall waren Beulen und Kratzer zu sehen.

Wer zahlt für Schäden?

Ackermann wischte sich immer wieder die Tränen aus den Augen und schluchzte: „Ich brauche das Auto dringend. Ich habe drei Kinder und bin alleinerziehend.“ Trost kam von den Feuerwehrleuten. Sie verwiesen auf die Versicherung des Grundstücksbesitzers, die ja in so einem Fall eintreten sollte. Die eigene Autoversicherung zahlt wohl nur, wenn man einen Kaskoschutz abgeschlossen hat. „Ich hoffe nur, das geht alles schnell“, sagte Kerstin Ackermann und ging dann wieder ins Gebäude zu ihrer Arbeit.

Auf dem Gelände der Kita am Kreuzberg in Allstedt knickten zwei gesunde Bäume um - eine Robinie und ein Ahorn.
Auf dem Gelände der Kita am Kreuzberg in Allstedt knickten zwei gesunde Bäume um - eine Robinie und ein Ahorn.
Foto: Schumann

Mit Ackermann hat es in der Schlossgasse insgesamt fünf Autobesitzer getroffen, deren geparkte Fahrzeuge beschädigt wurden. Zum Glück saß niemand in den Pkw, als der große Baum bei einer Orkanböe umstürzte. Die Meteorologen des Deutschen Wetterdiensts (DWD) hatten vor dem Herbststurm gewarnt. Für MSH galt seit Donnerstagmorgen eine Warnung der Stufe zwei vor markantem Wetter, etwas weiter südlich in Thüringen und im Burgenlandkreis gab es sogar die Warnstufe drei. Man müsse mit schweren Sturmböen mit Geschwindigkeiten zwischen 75 und 90 km/h, in Schauernähe und in exponierten Lagen mit orkanartigen Böen bis 110 km/h rechnen, hieß es.

Die Einsatzkräfte hatten vielerorts zu tun: Bis zum frühen Nachmittag mussten die Freiwilligen Feuerwehren im Landkreis rund 60-mal ausrücken, hieß es aus der Leitstelle. „Im gesamten Landkreis sind Kameradinnen und Kameraden im Einsatz, weil Bäume auf Straßen, Autos, Dächer, Strom- und Telefonleitungen gestürzt sind“, sagte Kreissprecherin Michaela Heilek. Landrat André Schröder (CDU) dankte ausdrücklich allen Einsatzkräften. Zum Glück seien keine Menschen durch „Ignatz“ verletzt worden.

Mehr Personal in der Leitstelle

Allein am Schloßberg im stark betroffenen Beyernaumburg waren 24 Männer und Frauen von den Wehren aus Allstedt, Beyernaumburg, Liedersdorf und Holdenstedt im Einsatz. Wenig später krachte am Beyernaumburger Dorfgemeinschaftshaus ein Baum auf die Straße, der zersägt und weggeräumt werden musste.

In Beyernaumburg wurden fünf Autos begraben.
In Beyernaumburg wurden fünf Autos begraben.
Foto: Ralf Kandel

Nach Angaben der Rettungsleitstelle fielen auch Bäume auf die L 219, die am Flugplatz bei Allstedt vorbeiführt. Wegen des Sturms klingelten die Telefone in der Leitstelle unaufhörlich, so dass das Personal aufgestockt wurde, um alle Notrufe zügig abarbeiten zu können. Der Landkreis bat darum, nur im echten Notfall die 112 zu wählen. An der Kindertagesstätte der Awo am Allstedter Kreuzberg fällte der Sturm zwei Bäume. Jetzt soll erst mal kontrolliert werden, ob das Außengelände für die Kinder sicher ist.

Probleme gab es auch in San-gerhausen und im Südharz, wo ebenfalls Bäume umstürzten, wie der stellvertretende Gemeindewehrleiter Rick Zierdt sagte. „Halb acht ist die Schwendaer Wehr ausgerückt, ein Baum lag auf der Straße. Die Stolberger Wehr hatte gleich zwei Einsätze, erst hinter dem Friedhof und danach auf der Straße zum Auerberg.“ Der Einsatz hinterm Friedhof galt dem Auto von Claudine Schmidt und Beatrice Grölle. „Um acht hat die Feuerwehr bei uns geklopft. Da hatten sie den Baum, der auf unser Auto gekracht war, schon weggeschnitten“, sagte Schmidt. Das zwei Jahre alte Auto sei hin, was für die beiden Handwerkerinnen umso schlimmer ist.

„Unser Fiat Doblo war speziell für uns umgebaut, damit wir unser Werkzeug unterbringen konnten.“ Aus ihrer Sicht wäre der Schaden vermeidbar gewesen. „Die Leute von der Feuerwehr haben uns gesagt, dass an der Stelle vor einem Jahr schon mal ein Baum bei Sturm auf ein Auto gestürzt ist.“ Im Wald am Parkplatz stünden eine Reihe trockene Bäume, die der Eigentümer daraufhin fällen lassen wollte. Das sei aber nicht passiert. „Woanders können wir nicht parken“, sagte Schmidt. Sie wüssten gern, wer für die Verkehrssicherungspflicht an diesem Parkplatz zuständig sei.

„Hier ist der Waldeigentümer in der Verantwortung“, sagte der stellvertretende Bürgermeister von Südharz, Lars Wiechert. Der Eigentümer sei informiert worden, die Feuerwehr habe alles dokumentiert. „Im Namen der Gemeinde Südharz möchte ich den Feuerwehren für ihren gefährlichen ‚Dauereinsatz‘ danken“, so Wiechert. In der waldreichen Region sorgten sie dafür, „dass die Straßen weiterhin befahrbar bleiben“. In den Harzorten hätten sie fast stündlich Einsätze gehabt, sagte Alexander Weiß von der Löschgruppe Harz, zu der die Wehren Dietersdorf, Hayn und Schwenda gehören.

Geschlossen und abgesagt

Betroffen von dem Sturm waren auch eine ganze Reihe Veranstaltungen, die abgesagt werden mussten: Die Stadt Sangerhausen hatte am Donnerstagmorgen bereits das Europa-Rosarium vorsichtshalber für Besucher gesperrt. „Dort stehen viele große und teils auch alte Bäume“, sagte Sprecherin Marina Becker.

Der Schaustellermarkt, der im Rahmen des Sangerhäuser Herbstshoppings in der Külz-Straße stattfindet, sollte am Nachmittag eigentlich öffnen. Dann zog Organisator Sven-Bolko Heck kurzfristig die Notbremse. „Wir hatten zwar alles gesichert. Es sind aber die ersten Aluteile weggeflogen“, sagte Heck der MZ. „Wir öffnen erst wieder am Freitag ab 14 Uhr.“

Im Südharz
Im Südharz
Foto: Löschgruppe Harz

Am Nachmittag verschob die Stadt Kelbra die feierliche Eröffnung der Kelbraer Kirmes, das Volksfest in der Breiten Straße kann nun erst an diesem Freitag besucht werden. Beginn ist gegen 14 Uhr, so David Breitenbach vom Ordnungsamt der Verbandsgemeinde „Goldene Aue“.

Auch das Kyffhäuserdenkmal im benachbarten Kyffhäuserkreis blieb am Donnerstag aus Sicherheitsgründen geschlossen.

In Sangerhausen hoben Dächer ab.
In Sangerhausen hoben Dächer ab.
Foto: Klaus Winterfeld

Im Scholl-Gymnasium in Sangerhausen entschied Schulleiter Jens Peter am späten Vormittag, dass die 7. und 8. Stunde ausfallen. Er hatte auf dem Weg zwischen Sangerhausen und dem Schulteil Kelbra Äste und Schilder auf den Straßen gesehen und beim Schulamt nachgefragt, ob der Schulbusverkehr noch sicher sei. Das Amt wiederum erkundigte sich bei der Verkehrsgesellschaft Südharz (VGS), wie es um den Schülerverkehr bestellt sei, und bekam die Auskunft, dass man die Abfahrten bis nach der 6. Stunde sicher gewährleisten, für spätere Zeiten aber die Lage noch nicht vorhersehen könne. Wegen des großen Anteils von Schülern, die mit dem Bus bis in weiter entfernte Orte müssen, legte Peter den früheren Schulschluss fest.

„Prinzipiell haben wir eine Beförderungspflicht. Das heißt, so lange der Verkehr noch irgendwie rollt, fahren unsere Busse auch“, sagte Ute Kraft von der VGS. Notfalls hätte man die letzten Schüler noch mit dem Pkw abgeholt.

Bis zum Nachmittag waren laut Kraft im Streckennetz der VGS in Mansfeld-Südharz keine Busverbindungen ausgefallen.