Schlossmuseum Quedlinburg

Schlossmuseum Quedlinburg: Sonderausstellung zeigt Schätze und starke Modelle

Quedlinburg - Die Balliste, die wiederentdeckte Spannbank und eine Urkunde aus dem Jahr 1339 sind Schätze, die ab dem kommenden Sonntag um 11 Uhr in einer Sonderausstellung des Quedlinburger Schlossmuseum zu sehen sein werden. Mit der Ausstellung „Von der Hornbogenarmbrust zur Quedlinburger Balliste“ zeigt Christian Müller, der neue Sammlungsleiter der Städtischen Museen Quedlinburg, die Geschichte dieses Waffen- und Jagdgerätes auf. Zwischen dem 10. und 15. Jahrhundert war es die zielgenauste Schusswaffe, die eine große Durchschlagskraft ...

Von Gerd Alpermann 07.05.2015, 17:20

Die Balliste, die wiederentdeckte Spannbank und eine Urkunde aus dem Jahr 1339 sind Schätze, die ab dem kommenden Sonntag um 11 Uhr in einer Sonderausstellung des Quedlinburger Schlossmuseum zu sehen sein werden. Mit der Ausstellung „Von der Hornbogenarmbrust zur Quedlinburger Balliste“ zeigt Christian Müller, der neue Sammlungsleiter der Städtischen Museen Quedlinburg, die Geschichte dieses Waffen- und Jagdgerätes auf. Zwischen dem 10. und 15. Jahrhundert war es die zielgenauste Schusswaffe, die eine große Durchschlagskraft hatte.

Nicht viele Spannbänke in Europa bekannt

Christian Müller hat seine Magisterarbeit unter anderem zur Quedlinburger Balliste und Spannbank geschrieben. Zugleich haben ihn dabei seine Recherchen auf die Spur jener Spannbank für die Herstellung und Reparatur von Armbrüsten geführt. „Ich hatte herausgefunden, dass eine solche Spannbank das Quedlinburger Schlossmuseum haben müsste, und wirklich, das Gerät fand sich, wenn auch stark ramponiert in einem Raum unter dem Dach, an“, sagt der Sammlungsleiter. „Auch wenn nur noch Teile vorhanden sind, ist diese Spannbank etwas Besonderes, zumal nur drei oder vier überhaupt in Europa bekannt sind“, erklärt er.

Seine Ausstellung im Schlossmuseum kann sich aber auch auf Modelle des Österreichers Andreas Bichler stützen. Er baut Kriegsgerät und sogenannte Sachkulturgegenstände des Mittelalters 1:1 nach. Für die Ausstellung steuert er sechs Modelle von Armbrüsten, die alle funktionsfähig sind, bei. Christian Müller kennt ihn bereits seit rund zehn Jahren über das gemeinsame Hobby „living history“. Diese Verbindung zahlt sich jetzt für Quedlinburg mit hochwertigen und anschaulichen Repliken der historischen Waffen aus.

In den drei Räumen für Sonderausstellungen im Schlossmuseum wird zuerst die Herstellung und Entwicklung von Armbrüsten und größeren Waffen dieser Art dokumentiert. Zugleich ist eine Armbrustwerkstatt nachgestellt, wie sie auf einem Bild des Behaim-Codex von 1505 aus Krakau zu sehen ist. Nach der Herstellung der Armbrust wird im zweiten Ausstellungsraum die Geschichte der Armbrust vorgestellt. Bis zum 12. Jahrhundert bestanden die Bögen aus Holz, dann aus Horn, vorwiegend von Steinböcken, aber auch von Kühen. Das Horn wurde, um den Wassereintritt zu verhindern, der zur Auflösung des verleimten Hornpakets führen würde, mit Birkenrinde ummantelt. Diese erhielt oft eine kunstvolle malerische Gestaltung.

Gefangennahme des Raubgrafen - ein Gerücht?

„Die Balliste wird von ihrem jetzigen Platz in den dritten Raum für Sonderausstellungen im Schlossmuseum gebracht“, unterstreicht der Sammlungsleiter das Bemühen um eine authentische Darstellung. Ein nachgebauter Pfeil kann nicht gezeigt werden, dafür aber der einstige Bogen, angedeutet in Originalgröße mit modernen Materialien und eine Rekonstruktion der Balliste im Maßstab 1:2. Authentizität vermittelt auch eine Urkunde aus den Jahren 1339. Das in der Ausstellung zu sehende Original ist ein gesiegeltes Dokument, in dem Albrecht II. und sein Bruder Bernhard I. den beiden Städten Quedlinburgs unter anderem versichern, im Umfeld keine neuen Befestigungen zu errichten. „Das ist ein tolles Stück. Pergament und Siegel sind gut erhalten“, weiß der Sammlungsleiter. Die Gefangennahme des Regensteiners bezeichnet er dagegen als Legende.

Für mehr als 250 Jahre zwischen 1200 bis 1460 war die Armbrust in West- und Mitteleuropa die dominierende Schusswaffe gegenüber dem Bogen, schreibt Andreas Bichler in einem Aufsatz zur Einfußarmbrust. Neben der höheren Zielgenauigkeit und der größeren Durchschlagskraft bestand ein weiterer Vorteil gegenüber dem Bogen darin, dass man sie im gespannten Zustand für gezielte Schüsse bereithalten konnte.

Zudem war die Handhabung einer Armbrust im Vergleich zum Bogen relativ leicht erlernbar. Beim direkten Schuss auf kurze Distanz wurde der Schaft auf der Schulter aufgelegt, beim Weitschuss wurde er unter den Oberarm geklemmt.

Ein eindeutiger Nachteil war jedoch die relativ geringe Schussfolge von etwa zwei Schüssen pro Minute, hingegen war ein Langbogenschütze in der Lage, bis zu sechs gezielte Schüsse in der Minute abzugeben. Die durchschnittliche Schussweite einer derartigen Armbrust betrug 1435 etwa 333 Meter, ein gezielter Schuss war bis etwa 80 bzw. 90 Meter möglich. (gal)

Die Gefangennahme und öffentliche Zurschaustellung passe nicht zum gesellschaftlichen Rang als reichsunmittelbaren Grafen. Es existieren auch keine zeitgenössischen Belege und Dokumente, die von der Gefangenschaft berichten. Die neueste Forschung geht davon aus, dass Albrecht II. von Regenstein kein Gefangener der Quedlinburger gewesen war und sein konnte.

Die Ausstellung „Von der Hornbogenarmbrust zur Quedlinburger Balliste“ wird vom 10. Mai bis 27. September gezeigt. Anschließend soll eine weitere Exposition unter Einbeziehung von Stücken aus dem Depot der Stadt gestaltet werden. Genaueres kann derzeit aber noch nicht verraten werden, wie Sammlungsleiter Christian Müller erklärt. (mz)