„Das sind keine Maschinen“

Reimar Erdmann aus Quedlinburg züchtet Brieftauben - seit mehr als 70 Jahren

Der Orientierungssinn der Vögel fasziniert den 83-Jährigen. Warum Chinesen viel Geld für Brieftauben bezahlen.

Von Uta Müller
Bei  Reimar Erdmann aus Quedlinburg bleibt die Brieftaube ruhig sitzen, während der Taubenzüchter den Flügel zeigt.
Bei Reimar Erdmann aus Quedlinburg bleibt die Brieftaube ruhig sitzen, während der Taubenzüchter den Flügel zeigt. (Foto: Uta Müller)

Quedlinburg - An diesem sommerlichen Junitag sitzt Reimar Erdmann aus Quedlinburg in seinem Garten und sucht den Himmel nach seinen Tauben ab. Es ist Dienstag. Bereits am Sonntag sind die Tauben zu ihrem sechsten Flug in diesem Jahr im knapp 400 Kilometer entfernten Posen in Polen gestartet.

Die ersten Tauben sind bereits am Nachmittag des Vortags eingetroffen. Ein Nachzügler flattert an diesem Vormittag noch über den Sensor. Man hatte ihn nicht kommen sehen. Nicht alle finden ihren Weg zurück in den Heimatschlag. Jetzt bekommt der Vogel gutes Futter mit Vitaminen und ein wenig Wasser.

„Also im Großen und Ganzen möchte man, dass erstmal alle Tauben nach Hause kommen“, sagt Taubenzüchter Reimar Erdmann. Und wenn dann kein Preis dabei rausspringe, sei das nicht wichtig. Es gehe ihm zwar auch ums Gewinnen, er sei auch ein wenig ehrgeizig, wie er zugibt – im Jahr 2011 ist er Regional-Jungtiermeister geworden. Dieses Jahr allerdings war sein bisher schlechtestes, sagt der gelernte Dachdecker.

Reimar Erdmann beschäftigt sich seit mehr als 70 Jahren mit Brieftauben

Der gebürtige Ditfurter hegt seit vielen Jahren eine große Leidenschaft für die gurrenden Vögel mit dem kräftigen Rumpf. Er betreibt den Taubensport, seitdem er acht Jahre alt ist, als Hobby. Seit über sieben Jahrzehnten sind die Brieftauben ein elementarer Bestandteil seines Lebens.

Für den 83-Jährigen, so wird schnell klar, sind die Tauben nicht nur irgendwelche Tiere. Vielmehr sind sie so etwas wie seine Familienangehörigen, die er in- und auswendig kennt: „Für mich ist das keine Maschine“, erklärt er. „Wenn ich sehe, die Taube kann nicht mehr, dann bleibt sie zu Hause, egal wie viele Preise sie hat und wo sie stehen könnte“, sagt der Taubenzüchter.

Seit 1951 ist er Mitglied im Verein. Die Vereine bilden eine Reisevereinigung. Die sogenannte RV 09302 Quedlinburg untersteht dem Regionalverband Magdeburg. Im Herbst wird ein Rahmenflugplan erstellt. „Daran müssen sich die RV halten“, sagt Erdmann.

297 Tauben von Vereinen im Raum Quedlinburg sind in Posen gestartet

Von der RV Quedlinburg seien insgesamt 297 Tauben in einem Lkw nach Posen gebracht worden. 23 davon waren von Reimar Erdmann. Auf sechs Nachzügler wartet er noch. An ihren Beinen ist ein Ring mit einer Nummer und ein Chip montiert, der die Zeit misst, die sie brauchen, um ihren Heimatschlag wieder zu erreichen.

Wahrscheinlich sind sie unterwegs Opfer von Raubvögeln geworden. Während er erklärt, steht er an seinem Schlag und lässt weitere Tauben fliegen. Training nennt sich das. Erdmann öffnet seinen Taubenschlag und die Vögel fliegen so lange, bis sie von selbst wieder heimkommen, so werden sie fit für die Wettflüge im Sommer.

Es ist ein aufwendiges Hobby. Denn damit, die Tauben fliegen zu lassen und zu warten, bis sie wieder im heimischen Schlag ankommen, ist es nicht getan. Auf ihrem Weg nach Hause legen sie Hunderte Kilometer zurück – manchmal mit einer Geschwindigkeit von 120 Kilometer pro Stunde: Und dann finden die Tauben immer ihren Weg nach Hause, ganz egal, wo man sie aussetzt.

Wenn ich sehe, die Taube kann nicht mehr, dann bleibt sie zu Hause, egal wie viele Preise sie hat und wo sie stehen könnte.“

Reimar Erdmann aus Quedlinburg

Der Orientierungssinn der Brieftauben fasziniert Menschen seit jeher. So haben Forscher bis heute immer noch nicht abschließend klären können, wie die Vögel ihren Weg nach Hause finden. Genau das macht für Erdmann die Faszination an diesen Tieren aus: „Ich staune jedes Mal, wenn sie wieder auf dem Dach des Schlags auftauchen.“

Fast jedes Wochenende im Sommer nehmen seine Reisetauben an einem Wettflug teil. Urlaub könne man da nicht machen. Aber auch im Herbst und im Winter brauchen die Tauben eine intensive Pflege, wenn sie im Sommer erfolgreich sein sollen. Erdmann hat in seinem Leben weit über eintausend Tauben besessen, trotzdem kennt er von so ziemlich jeder einzelnen Taube die Nummer, die sie an einem Ring um ihre Füße trägt.

„Ich bin im Prinzip mit Brieftauben aufgewachsen, weil mein Cousin, bei dem ich nach dem Tod meiner Eltern gelebt habe, nach dem Krieg Tauben gezüchtet hat. Ich bin von klein auf dabei gewesen und immer mit in den Taubenschlag gelaufen“, erzählt der Rentner. Wenn man damit aufwächst, dann sei das etwas anderes, als wenn man neu dazukommt und sozusagen von außerhalb damit anfängt.

Die Tauben von Reimar Erdmann wollen nach ihrer Rückkehr in den Schlag. Im Hintergrund ist die Stiftskirche St. Servatii zu sehen.
Die Tauben von Reimar Erdmann wollen nach ihrer Rückkehr in den Schlag. Im Hintergrund ist die Stiftskirche St. Servatii zu sehen.
(Foto: Uta Müller)

Wenn die Tauben immer da sind und auch in der Familie eigentlich eins der wichtigsten Themen seien, dann bleibt man dabei, ist Erdmann überzeugt. Denn auch seine Frau unterstützt ihn bei seinem Hobby, verrechnet die Flugdaten der Vögel im Computer. Seit 60 Jahren sind die beiden mittlerweile verheiratet.

Vorsichtig hält Reimar Erdmann ein Taubenküken in seiner Hand: „Die sind jetzt zwischen sechs und acht Wochen alt. So ganz Kleine habe ich im Moment nicht mehr“, sagt der Taubenexperte. Am Anfang sei das ein „ganz kleines gelbes Häufchen mit dicken Glupschaugen“. Kaum vorstellbar, dass es schon in wenigen Monaten seine erste Reise machen wird. „Eine junge Taube, die gerade schlüpft, verdoppelt pro Tag ihr Gewicht“, erklärt der Vogelliebhaber.

„Ich bin mit Brieftauben aufgewachsen, weil mein Cousin, bei dem ich nach dem Tod meiner Eltern gelebt habe, Tauben gezüchtet hat.“

Reimar Erdmann aus Quedlinburg

Brieftauben verbinden viele vermutlich mit alten Filmen oder als Übermittler von geheimen Botschaften im Krieg. Die Tatsache, dass die gefiederten Freunde heute Bestandteil eines äußerst lukrativen Geschäfts sind, dürfte hingegen eher wenigen Menschen bewusst sein.

In China bezahlen Liebhaber Millionensummen für die prachtvollsten Exemplare. Reiche Chinesen haben immer mehr Interesse an den Vögeln, gerne aus Europa – und das lässt die Preise steigen. Tauben sind neben Designerklamotten und Ferraris zum Statussymbol geworden. Und zur Geldanlage, wie eine chinesische Zeitung berichtete.

Ein junges Taubenküken hockt in seinem Nest.
Ein junges Taubenküken hockt in seinem Nest.
(Foto: Uta Müller)

Trotzdem hat der Taubensport ein Nachwuchsproblem. Es findet sich kein Junger mehr, der Freude an den Tieren habe. Der Quedlinburger Verein zählt nur noch wenige Mitglieder. Auch in Thale sind es nicht viel mehr. Reimar Erdmann würde sich sehr über junge Nachwuchstaubenzüchter in seinem Verein freuen. „Wenn sie sehen, wie diese Tiere herumfliegen, denke ich manchmal, wie schön es wäre, Flügel zu haben“, sinniert der Taubenzüchter. Da ist er also, der Traum vom Fliegen. (mz)