Absturz an Küste in Island

Nach Absturz an Steilküste bei Reykjavik in Island: Handwerker aus Quedlinburg retten einer Frau das Leben

Grindavík/Quedlinburg - Die 51-jährige Antanina Baranauskiene war an der Steilküste zwischen Porlákshöfn und Grindavík ausgerutscht und in die Tiefe gestürzt. Zimmermann Marco Andreae und seine Kollegen sahen die Schwerverletzte und alarmierten den Notarzt.

Von Benjamin Richter 06.03.2019, 09:26

Autotür auf und raus ins Getöse: Die Wellen, die an der isländischen Steilküste zerbersten, sind das Erste, was Marco Andreae, Dirk Richter und Andy Gabriel hören, als sie an der Straße parken, 700 Meter vom Meer entfernt. Den restlichen Weg bis zu den Klippen müssen die drei Handwerker der Firma Dachbaukunst Quedlinburg zu Fuß zurücklegen. Sie sind zu einem Arbeitseinsatz auf der Insel im Nordatlantik. Hier, an der Steilküste, weht ihnen der Wind den Schnee ins Gesicht.

Für die Aussicht im Westen Islands nehmen die drei die leichten Minusgrade bei ihrem Ausflug Anfang Februar jedoch gern in Kauf. Dann stehen sie am Abgrund. Der schroffe Fels fällt fast senkrecht ab und versinkt zwölf Meter tiefer im Meer.

„Ihre Kleidung war zerrissen, und sie war verletzt“

Die Zimmerleute lassen ihre Blicke über die vereiste Klippenkante schweifen – und trauen ihren Augen nicht: Klammert sich da etwa eine Frau an den Fuß des Felsens? Ja! „Ihre Kleidung war zerrissen, und sie war verletzt“, erzählt Marco Andreae vier Wochen später, wieder zurück in Quedlinburg. „Wir haben sofort den Notruf informiert. Allerdings war es gar nicht so einfach, unseren Standort mitzuteilen – wir waren mitten in der Wildnis.“

Irgendwo zwischen Porlákshöfn und Grindavík, den beiden nächstgelegenen Orten, sei sein bester Tipp gewesen. Doch mit dieser Beschreibung kam immer noch ein Küstenstreifen von 50 Kilometern Länge infrage. „Der Notdienst hat uns gebeten, ein Foto per SMS zu schicken. Damit gelang es ihnen, uns zu orten.“

Während die drei Männer ungeduldig darauf warteten, dass die Retter endlich eintreffen, winkten sie der Frau zu, um ihr klarzumachen, dass Hilfe auf dem Weg ist. „Zum Rufen war es zu laut“, sagt Andreae, trotzdem hätten sie auch das versucht.

Eine halbe Stunde Warten auf die Rettung

Nach einer langen halben Stunde endlich die Erlösung, die Helfer trafen an der Unglücksstelle ein. In kurzer Zeit kamen mehr und mehr Einsatzwagen, berichtet Andreae: „Die Polizei war zuerst da, dann kam die Bergrettung und kurz darauf die Seenotrettung.“ Auch eine Fähre, die regulär zwischen Porlákshöfn und Grindavík verkehrt, habe auf Höhe des Einsatzorts das Meer durchkämmt.

„Die Frau hat mit einem Arm aufs Meer gezeigt“, erinnert sich Andreae. „Da dachten wir, da draußen ist womöglich noch jemand.“ Schnell stellte sich heraus, dass die Polizei einen Helikopter hinzurufen musste, um die Frau zu bergen. Die Rettung mit dem Hubschrauber dauerte eineinhalb Stunden.

Antanina Baranauskiene hatte sich das Becken gebrochen

Schwer verletzt, mit gebrochenem Becken und gerissenen Bändern am Bein, wurde die Frau in die Uniklinik Reykjavík geflogen. Zuvor deckten die Helfer sie mit Heizdecken zu, ihre Körpertemperatur lag nur noch bei 31 Grad. Ihrem Ausweis entnahmen die Retter, dass es sich bei der stark entkräfteten Frau um die 51-jährige Antanina Baranauskiene handelt. Sie stammt aus Litauen, lebt aber seit elf Jahren in Island.

„Sie hatte da unten sicher Todesangst“, sagt Marco Andreae. „Mit letzter Kraft hat sie sich an dem schroffen Felsen hochgezogen und an einer Stelle festgekrallt, wo die Wellen nicht so stark waren.“ An dem Gestein riss sich die verunglückte Frau dabei mehrere Fingernägel aus. Ihre Rettung hält der Ballenstedter für ein Wunder: „Als wir sie fanden, hatte sie etwa eine Stunde dort gelegen.

Schwerverletzte hatte eine Stunde an den Felsen gelegen

Die Retter sagten uns später, wären 20 Minuten mehr vergangen, zusätzlich zu der Zeit für die Rettungsaktion, hätte sie wahrscheinlich nicht mehr durchgehalten.“ Dass er und seine Kollegen zur rechten Zeit am rechten Ort waren und nicht etwa eine Stunde später oder 50 Meter weiter östlich oder westlich am Felsrand standen, von wo aus die 51-Jährige nicht sichtbar gewesen wäre, ist für Andreae ein unglaublicher Zufall.

Was taten die Handwerker, nachdem sie plötzlich und unerwartet zu Lebensrettern geworden waren? Sie gingen in eine Bar und tranken ein Bier. „Aber wir haben kein Wort gesprochen“, sagt Andreae, „wir waren alle geschockt.“ In ihren Köpfen ließen sie die Bilder der schwerverletzten Frau und der Rettung Revue passieren. „Etwas, das gleichzeitig so total toll und doch ganz schlimm ist, das habe ich noch nicht erlebt“, sagt Andreae.

Antanina Baranauskiene hat drei Kinder; ihr Sohn Laimonas erkundigte sich nach der Rettung bei der Polizei nach der Telefonnummer der Männer, die seine Mutter entdeckt hatten. „Er hat mich wenig später angerufen und mir gesagt, dass sich die Familie bei uns bedanken will“, berichtet Andreae. Zusammen seien sie zu Antanina Baranauskiene ins Krankenhaus gegangen. Die drückte ihre Retter an sich. Und dann erzählte sie, wie es zu dem Unglück gekommen war.

Unfall passierte auf vereistem Grund an der Steilküste

Sie sei erst mit ihrem Hund an der Steilküste spazieren gegangen. Als sie ihn schon zurück zum Auto gebracht hatte, wollte sie noch einmal zur Felskante und ein paar Fotos machen. „Dabei rutschte sie auf dem Eis aus, fiel auf den Rücken und schlitterte ab in die Tiefe“, erklärt Andreae.

Warum aber zeigte sie aufs Meer, wo bei der anschließenden Suche niemand gefunden wurde? „Sie hatte Angst vor dem Wasser“, erläutert der Handwerker. An der isländischen Küste werden immer wieder Menschen von der Strömung ins Meer gezogen.

Mit Antanina Baranauskiene und ihrem Sohn sind die Handwerker weiter in Kontakt. Bilder vom Heilungsprozess der 51-Jährigen bekommen sie von ihr beinahe täglich über eine Messenger-App. „Diese Woche hat sie mir ein Foto geschickt, auf dem sie mit Krücken zu sehen ist“, berichtet Andreae. „Sie kann schon wieder gehen.“

Retter und Antanina Baranauskiene wollen sich in Reykjavík treffen

Und schon bald gibt es womöglich auch ein persönliches Wiedersehen: Denn das Montage-Projekt der Dachbaukunst Quedlinburg in Reykjavík ist noch nicht abgeschlossen. Dort bringen die Handwerker eine neue Fassade an einem Wohn- und Geschäftsgebäude an. „Bald fliege ich wieder für eine Woche hin“, kündigt Marco Andreae an. Ein Wiedersehen mit der 51-Jährigen ist dabei, wenn eben möglich, fest eingeplant.