Muss Vogel der Nacht aussterben?

Harz/MZ. - Einen Steinkauz in der freien Natur zu sehen, scheint seltener als ein Lottogewinn. Vor vier Jahrzehnten Jahren tummelten sich noch 100 bis 150 Brutpaare im nördlichen Harzvorland. Der "Vogel der Nacht" ist mittlerweile in ganz Europa vom Aussterben ...

Von Uwe Kraus 29.04.2007, 16:15

Einen Steinkauz in der freien Natur zu sehen, scheint seltener als ein Lottogewinn. Vor vier Jahrzehnten Jahren tummelten sich noch 100 bis 150 Brutpaare im nördlichen Harzvorland. Der "Vogel der Nacht" ist mittlerweile in ganz Europa vom Aussterben bedroht.

"Er leidet vor allem unter dem Verlust seines Lebensraumes. Mit dem Verschwinden von Streuobstwiesen, dem zunehmenden Grünlandumbruch und der fehlenden Beweidung schrumpfte der Bestand auf ein Minimum", erklärt Eckhard Kartheuser, der als profunder Steinkauz-Kenner gilt. Er geht von nicht einmal zehn Brutpaaren aus. 1984 wurde sein Gelege zum letzten Mal in freier Natur gesehen. "Wir sind angetreten, dem Steinkauz eine neue Chance zu geben." Eckhard Kartheuser kennt Greifvögel und Eulen seit Kindesbeinen. Er kann sich nicht erinnern, "dass es jemals anders war." "Der Flug des Roten Milans über der Feldflur bei Quedlinburg faszinierte mich schon als Rotznase."

Vor 15 Jahren begann Eckhard Kartheuser gemeinsam mit dem Tierpark Hexentanzplatz und der Deutschen Tierparkgesellschaft "dem Steinkauz helfend unter die Flügel zu greifen". Noch heute erhält er nach allen Kräften Unterstützung, finanziell und in dem Nachzucht zur Verfügung gestellt wird. Das sei durchaus nicht immer leicht gewesen und oft mit viel privatem Einsatz verbunden. Jährlich 20 bis 25 Jungkäuze auszuwildern, sei schon ein großes Stück Arbeit. "Die Jungtiere nehmen wir ja nicht in die Hand und lassen sie frei. Sie müssen ja in freier Natur lebenstüchtig sein. Dazu gehört, dass wir sie auf lebende Beute wie Mäuse trainieren."

Die Auswilderung in der Region Quedlinburg führte dazu, dass hier die einzige Ansiedlung von Steinkäuzen Sachsen-Anhalts besteht, nachdem es früher im Großen Bruch noch eine Restpopulation gab. Erstmals wilderte er 1999 im Landkreis zwölf nachgezüchtete Käuze aus. Seine Steinkäuze werden vor dem Abschied in die Natur gewogen, vermessen und einer Wurmkur unterzogen. Am 2. Juni 2005 konnte auf einer Streuobstwiese die erste freie Steinkauzbrut im nördlichen Harzvorland, die

von ausgewilderten Steinkäuzen stammte, dokumentiert werden. Außerdem soll es 2006 mindestens einer erfolgreichen Brut in einem weiteren Harz-Revier gegeben haben.

"Einen Zuzug aus größerer Entfernung halte ich bei der gegenwärtigen Bestandssituation für relativ unwahrscheinlich", meint Eckhard Kartheuser. "Ich bin selbst Beringer. Alle unsere ausgewilderten Tiere werden mit Hiddensee-Ringen gekennzeichnet. Damit untermauern wir unser Projekt wissenschaftlich." Dabei gehe es darum, die Vögel wiederzufinden, was sehr selten passiert. Damit wolle man Rückschlüsse ziehen, wann ein Kauz wo beringt wurde und wie weit entfernt vom Beringungsort er beobachtet werde.

Sehr geruchsintensiv und schlechte Flieger und Segler werden sie schnell Opfer ihrer Prädatoren wie Steinmarder, Fuchs und streunenden Katzen. "Kommt ein Marder, gibt es für den Steinkauz kein Entrinnen", schätzt Eckhard Kartheuser ein. Um den Mangel an Brut- und Versteckplätzen auszugleichen, wurden spezielle mardersichere Steinkauzbrutröhren angebracht. Außerdem plädieren er und seine Mitstreiter für eine intensive Bejagung von Marder, Katze und Fuchs.

Jene, die dem Steinkauz wieder einen Lebensraum in Mitteldeutschland geben wollen, sind zum Großteil Idealisten. Junge Leute und Rentner, Handwerker ebenso wie Förster. Der Landesjagdverband Sachsen-Anhalt übernahm die Schirmherrschaft und finanzierte Werkzeug und Material für Steinkauzröhren. Dazu entstanden mit Hilfe der Quedlinburger Kreisjägerschaft Koppeln für Heidschnucken. In hochstämmigen alten Obstbäumen finden zudem ebenso wie im Todholz des Waldes nicht nur Käuze eine Wohnung, sondern ebenso seltene Insekten oder Höhlenbrüter wie der Wiedehopf.

Doch Eckhard Kartheuser ist sich sicher, Nisthöhlen allein bringen den Vogel nicht als Stammgäste in unsere Gefilde zurück. Die Menschen machen ihm das Überleben schwer. "Als idealer Brutort gilt eine Streuobstwiese, die von Schafen behütet wird. Denn nur wenn das Gras kurz gehalten wird, haben die Jung-Käuze eine Überlebenschance. Die Jungtiere verlassen die natürlichen Höhlen früh, lange bevor sie das Fliegen erlernt haben, verteilen die Eltern sie auf der Wiese. Die Altvögel versorgen sie dort mit Nahrung. Hohes Gras erschwert die Orientierung, dazu kommt die Nässe. Letztlich sterben die Jungtiere, weil sie keine Nahrung erhalten." Autohäuser und Gewerbegebiete entstanden dort, wo es weiche Übergänge zur Natur gab. Da bleibt den Vögeln nur das Ausweichen in "vegetationsfreie Räume, um doch noch die eine oder andere Maus zu erwischen." Der ländliche Wegebau mit seinen asphaltierten Abschnitten, die noch dazu von Kraftfahrern gerne als Umgehungsstraße genutzt werden, erweist sich hier als tödliche Falle. "Platt gefahrene Käuze am Wegesrand zeugen davon." In diesen Tagen ist die Balz voll im Gange. Im August beginnt dann das Trainingsprogramm für die putzigen kleinen Kobolde mit den bernsteinfarbenen Augen. Dazu dient ein Auswilderungswagen, der einem transportablen Gehege gleicht. Die sechs bis acht Käuze sollen so an das Habitat gewöhnt werden.

Kartheuser und seine Mitstreiter managen das Projekt Großteil nach Feierabend. "So eine Sache darf man natürlich nicht ohne behördlichen Segen durchziehen. Das Dezernat Umwelt und Naturschutz des Landesverwaltungsamtes in Halle genehmigte das Projekt. Denn der Steinkauz ist europaweit bedroht und im Washingtoner Artenschutzabkommen aufgeführt. Das bedeutet: ein striktes Besitz- und Vermarktungsverbot für den Steinkauz. Ausnahmen gibt es allerdings für die gezüchteten Tiere unseres Projektes. Sie erhalten mit dem Ring einen Personalausweis".