Harz

Harz: Schlangestehen für DDR-Geschichte

THALE/MZ. - Während Erich Honecker auf der etwas wackligen Tribüne in der Thalenser Steinbachstraße noch den bewährten Kurs der Einheit von Wirtschafts- und Sozialpolitik lobte, stand das Volk längst Schlange. Über sechs Etagen reichte die aufgereihte Menge derer, die in das neueste Museum im Landkreis Harz hinein wollten. Direkt unter dem Dach des Möbelhauses Müller wurde am Sonntag das DDR-Museum Thale eröffnet. Die Idee und Umsetzung lag in den Händen von Möbelhaus-Inhaber Frank Müller und seiner Ehefrau Anke. Mit viel Liebe zum Detail wurden zahlreiche Exponate zusammen getragen, die Einblicke in das Alltagsleben in 40 Jahren Sozialismus ...

Von SIGRID DILLGE

Während Erich Honecker auf der etwas wackligen Tribüne in der Thalenser Steinbachstraße noch den bewährten Kurs der Einheit von Wirtschafts- und Sozialpolitik lobte, stand das Volk längst Schlange. Über sechs Etagen reichte die aufgereihte Menge derer, die in das neueste Museum im Landkreis Harz hinein wollten. Direkt unter dem Dach des Möbelhauses Müller wurde am Sonntag das DDR-Museum Thale eröffnet. Die Idee und Umsetzung lag in den Händen von Möbelhaus-Inhaber Frank Müller und seiner Ehefrau Anke. Mit viel Liebe zum Detail wurden zahlreiche Exponate zusammen getragen, die Einblicke in das Alltagsleben in 40 Jahren Sozialismus gewähren.

Angesichts der Möbel, technischen Geräte und vieler Kleinigkeiten gerieten die meisten Besucher des privaten Museums in schwärmende Erinnerung. Kerstin Keyser aus Quedlinburg beispielsweise erinnerte sich an das wohl in vielen DDR-Haushalten übliche Schleudern nasser Wäsche. "Ich musste mich immer auf die Schleuder setzen, damit sie nicht wie verrückt durch den ganzen Raum tanzte", erzählte sie lachend ihrem Sohn. Die 38-Jährige findet das neue Museum einfach toll. "Das lässt mich wieder an meine Kindheit denken", meint sie und hatte bereits mit Umstehenden einen regen Erfahrungsaustausch über Waschmaschinen früher und heute.

Schwerpunkt der Ausstellung ist die Wohn- und Alltagskultur der DDR. Dazu gehören natürlich auch Dokumentation und Erzählungen zu Urlauben, Schulunterricht, Spielzeugen oder den Restaurantbesuch. Ganz regional bezogen zeigt das DDR-Museum beispielsweise Speisekarten der Konsum-Berggaststätte auf dem Hexentanzplatz. Die bot in der Woche vom 10. bis 17. Oktober 1970 unter anderem Brühe mit Einlage zum Preis von 0,55 DDR-Pfennigen an, oder Rinderbraten mit Rotkohl und Salzkartoffeln für 3,20 Mark. Das teuerste Gericht auf der Karte war übrigens das halbe Hähnchen mit gemischten Salat und Salzkartoffeln für 6,15 Mark.

Behutsam, doch nicht übersehbar werden diese Ausstellungsstücke mit Tafeln ergänzt, die die politischen Hintergründe und Abläufe der Zeit zwischen 1949 und 1989 auflisten. Der Besucher hat damit die Möglichkeit, sich umfassend zu informieren und auch zu speziellen Themen, wie die friedliche Revolution im Herbst 1989, Auskünfte zu finden. Insgesamt 15 Räume haben sich in der einstigen Büroetage des ehemaligen Eisen- und Hüttenwerkes in Wohnzimmer und Küchen, Klassenräume und HO-Kantine, Verhörzimmer der Staatssicherheit oder Heimwerkerwerkstatt verwandelt. In letzterer können auch ganz besondere Bierkrüge bewundert werden: Mit lackierten oder mit Brandmustern versehene Wäscheklammerteilen umhüllte Blechbüchsen aus dem "Westen".

Museumsbetreiber Frank Müller freute sich am Sonntagnachmittag über jedes Lob, das er für die Ausstellung erhielt. "Es wurde Zeit, gute und auch negative Dinge, Geschichten und Gegebenheiten für die Nachwelt zu erhalten, und denen, die mit dem Alltag in 40 Jahren DDR nicht vertraut sind, zu vermitteln", meint Müller. Der erhielt, wie in 40 Jahren Sozialismus durchaus üblich, am 1. Mai, dem "Kampf- und Feiertag der Arbeiterklasse", eine hohe Auszeichnung. Der Thalenser Fuhrunternehmer Bernd Westphal hatte für ihn eine Urkunde als "Sieger im sozialistischen Wettbewerb 2010 / 2011 unter 1 000 Möbelhäusern", unterzeichnet von DDR-Politgrößen wie Egon Krenz, Margot Honecker oder Günter Schabowski parat. Und auch sonst schienen längst vergangene Zeiten auf den Thalenser Straßen wieder präsent. Bei der "Maidemonstration" gab es jede Menge Autos der Marken Trabant und Wartburg zu bestaunen. Letztere mit dem Schriftzug "Volkspolizei" und entsprechend uniformierter Besatzung versehen. Zu denen, die in einer echten blauen Bluse der Freien Deutschen Jugend (FDJ), der Jugendorganisation der DDR, erschienen waren, gehörte Dagmar Preiß aus Thale. Voller Stolz schwenkte sie ihre selbst gebastelte Friedenstaube mit Bändchen am Stöckchen und freute sich über das neue Museum in Thale: "Das ist gut, auch für die Kinder. Denen kann man Geschichte auf diese Weise ganz nahe bringen."

Das DDR-Museum in der sechste Etage des Möbelhauses Müller in der Thalenser Steinbachstraße 5a hat montags bis freitags von 10 bis 18 Uhr sowie sonnabends von 10 bis 16 Uhr geöffnet. Der Eintritt kostet für Erwachsene fünf Euro, für Kinder und Rentner drei Euro.