Wirtschaft

Bundespräsident besucht Walzengießerei in Quedlinburg

Welche Themen hier im Fokus stehen und was es mit einem besonderen Prozent auf sich hat.

Von Petra Korn 12.05.2022, 19:26
Die Besucher verfolgen einen Abguss für zwei Buchsen für Tabakwalzen. Das flüssige Eisen ist etwa 1.300 Grad heiß.
Die Besucher verfolgen einen Abguss für zwei Buchsen für Tabakwalzen. Das flüssige Eisen ist etwa 1.300 Grad heiß. Foto: Matthias bein

Quedlinburg/MZ - „Zur Erinnerung an das eine Prozent - Ein Gruß der Quedlinburger Walzengießer“, steht auf dem Schild neben der kleinen Walze, einem Präsent für die Gäste. Ein Prozent - das steht für die Gießerei-Industrie. Sie stellt laut ihrem Bundesverband ein Prozent der industriellen Wertschöpfung in Deutschland dar; ohne ihre Produkte aber laufen die übrigen 99 Prozent nicht. Ein Prozent - so groß sei auch der Anteil der ostdeutschen Betriebe, die nach der Wende durch ostdeutsche Käufer privatisiert wurden und die die Marktanpassung bewältigt haben, sagt Johannes Feibig, Chef der Walzengießerei und Hartgusswerk Quedlinburg GmbH.

Das 1865 gegründete Unternehmen gehört zu diesem einen Prozent, produziert vor allem auf Kundenwunsch gefertigte Walzen, die etwa für die Herstellung von Schienen, Dachziegeln oder Schokoladenriegeln eingesetzt werden, berichtet der Geschäftsführer am Donnerstag - dem dritten Tag, an dem Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier seinen Amtssitz nach Quedlinburg verlagert hat. Und an dem er, gemeinsam mit Ministerpräsident Reiner Haseloff und Quedlinburgs Oberbürgermeister Frank Ruch (beide CDU), die Walzengießerei besucht. Ein Unternehmen, das Kunden weltweit beliefert, dessen Produktion aber sehr energieintensiv ist, wie Johannes Feibig erklärt. So ist neben der Unternehmensentwicklung oder der Ausbildung die Frage einer dauerhaften stabilen Energieversorgung auch ein Thema in der Gesprächsrunde.

Täglich, so hatte es Michael Steiner, Ingenieur und technischer Leiter in der Walzengießerei, an der „Kaffeetafel kontrovers“ am Mittwochnachmittag berichtet, werden im Unternehmen 20.000 Kilowattstunden Strom verbraucht und ebenso viel Erdgas. Im Gas, sagt Johannes Feibig, sehe er „nicht die Haupthürde“. Es deute sich an, dass hier kurzfristig ein Umstieg auf Propangas möglich sei, das als Abfallprodukt in jeder Raffinerie entstehe. Und Erdöl, sei durch die Anbieter von Propangas versichert worden, bleibe verfügbar. Dieses Gas „ist für uns nur die Brücke zur CO2-Freiheit“, sagt der Geschäftsführer. Langfristig will das Unternehmen, das seine Kohle- längst durch Elektroschmelzöfen ersetzt hat und Upcycling, das Einschmelzen von Schrott und dessen Veredlung zu höherwertigen Qualitätsprodukten, betreibt, auf Strom setzen. Aktuell habe das Unternehmen da noch „wunderbare Strompreise“. Doch wegen der Vervierfachung der Preise an der Börse und trotz der Reaktion der Politik und das Abschaffen der Umlage für die erneuerbaren Energien stiegen die Stromkosten künftig deutlich. „Selbst wenn wir die weitergeben könnten an den Kunden, fragt der sich irgendwann, ob er für die Walze, für die er jetzt 10.000 bis 20.000 Euro bezahlt, 30.000 Euro bezahlen möchte“, so Feibig.

Im Vergleich zum Jahresumsatz betrügen die Kosten für den Stromeinkauf aktuell etwa zehn Prozent, erklärt Martin Schrumpf, ebenfalls Geschäftsführer des Unternehmens. Das werde künftig in Richtung 20 Prozent gehen. Und die Walzengießerei stehe nicht mit europäischen Firmen im Wettbewerb, sondern mit asiatischen; das „ist schon eine Herausforderung“. Die Lösung sehe man in der Photovoltaik, darin, „uns selbst unsere eigene Energie zur Verfügung zu stellen“, so Martin Schrumpf. „Unser Königsweg aus dieser Krise ist die Photovoltaik.“ So hat die Walzengießerei bereits eine Anlage installiert, mit der sie selbst Strom erzeugt.

Johannes Feibig weist noch auf ein weiteres Thema hin, das für das Unternehmen mit rund 120 Mitarbeitern - darunter sieben Auszubildende - wichtig ist. 1865 auf der grünen Wiese vor den Toren der Stadt entstanden, liege man heute de facto innerstädtisch. „Wir sind da, wo wir sind. Die Anwohner auch. Dieses Spannungsverhältnis müssen wir täglich auflösen.“ Als industrielle Wertschöpfung, die einen großen Beitrag zum Wohlstand leiste, sei man „so ein bisschen Schmuddelkind-Ecke“, so der Geschäftsführer. „Wir wünschen uns durchaus auch politische Unterstützung.“

Der überwiegende Teil des Stadtrates stehe „deutlich hinter der Walzengießerei“, sagt Ratsmitglied und Landtagsabgeordneter Ulrich Thomas (CDU). Planungen, etwa für ein Hotel in der Nähe, würden so gestaltet, „dass der Standort nicht gefährdet wird. Da haben wir auch ein Auge drauf“, so Thomas .

Die Walzengießerei-Geschäftsführer Martin Schrumpf und Johannes Feibig im Gespräch mit Frank-Walter Steinmeier und Reiner Haseloff (v. l.).
Die Walzengießerei-Geschäftsführer Martin Schrumpf und Johannes Feibig im Gespräch mit Frank-Walter Steinmeier und Reiner Haseloff (v. l.).
Foto: Bein