Zwei Ärzte für Abu Dhabi

Zwei Ärzte für Abu Dhabi: Merseburger Mediziner-Ehepaar hilft bei den Special Olympics

Merseburg - Alles hat mit einer Notiz im Ärzteblatt begonnen. „Dort stand, dass für die Special Olympics 2016 in Hannover noch Helfer für das Gesundheitsprogramm gesucht werden“, erzählt Orthopädin Marion Giesecke aus Merseburg (Saalekreis). „Ich rief damals an, und man sagte mir, dass man mir gern ein paar Flyer zuschicken könnte.“ Wenn sie die Zeit hätte, könne sie aber auch gerne persönlich vorbeikommen, lautet die Antwort. „Das habe ich dann ...

Von Undine Freyberg 02.06.2019, 08:00

Alles hat mit einer Notiz im Ärzteblatt begonnen. „Dort stand, dass für die Special Olympics 2016 in Hannover noch Helfer für das Gesundheitsprogramm gesucht werden“, erzählt Orthopädin Marion Giesecke aus Merseburg (Saalekreis). „Ich rief damals an, und man sagte mir, dass man mir gern ein paar Flyer zuschicken könnte.“ Wenn sie die Zeit hätte, könne sie aber auch gerne persönlich vorbeikommen, lautet die Antwort. „Das habe ich dann gemacht.“

Der Besuch in Hannover hat für die 56-Jährige bis heute weitreichende Folgen. Denn letztlich sorgt die Notiz auch dafür, dass Marion Giesecke und ihr Mann Frank, ein Augenarzt, im März 2019 bei den Special Olympics Weltsommerspielen in Abu Dhabi in den Vereinigten Arabischen Emiraten dabei sind. Die beiden Mediziner untersuchen und unterstützen dort die Sportler.

Special Olympics - Wettkämpfe für behinderte Athleten

Bei den Special Olympics messen sich geistig und mehrfach Behinderte in Sportarten wie Reiten, Schwimmen, Leichtathletik, Handball, Tischtennis und Speedskating - manchmal auch in Teams mit Nichtbehinderten. Doch nicht nur das. Immer wenn Special Olympics auf nationaler oder internationaler Ebene stattfinden, läuft parallel ein Gesundheitsprogramm, das aus bis zu sieben Teilen besteht und an dem jeder Sportler teilnehmen kann. Hier bekommen sie quasi einen kostenlosen Gesundheits-Check.

Sachsen-Anhalts Athleten haben bei den Special Olympics in Abu Dhabi gleich mehrere Goldmedaillen geholt: Die 16-jährige Speedskaterin Mandy Bauer siegte über 500 und 1 000 Meter und holte Silber mit der Staffel. Wie alle Teilnehmer der Special Olympics ist sie kognitiv eingeschränkt: Sie hat eine Sprach- und Lernbehinderung, kann sich nicht so gut ausdrücken wie gleichaltrige Schüler. Sie trainiert bei Turbine Halle - in einer regulären Trainingsgruppe.

Edelmetall brachte auch die 33-jährige Juliane Dietrich nach Hause. Die Pferdespezialistin aus Weißenfels siegte im Spring- und Geschicklichkeitsreiten, gewann zudem Silber in der Dressur. Ihre Diagnose lautet Asperger-Syndrom - es ist eine Variante des Autismus. Patienten haben häufig eine Inselbegabung: Dietrichs Trainer sagen, sie habe ein herausragendes Gefühl für Pferde, sie könne schnell Verbindungen mit den Tieren eingehen. Besondere Erschwernis bei den Wettkämpfen in Abu Dhabi: Ihr Pferd „Tessi“ durfte nicht mit auf die arabische Halbinsel, sie musste ein vor Ort gestelltes Pferd reiten. Erfolgreich war Dietrich trotzdem: „Wir haben das Reiten auf fremden Tieren trainiert“, sagte sie der MZ.

Anerkennung für ihre Leistungen bekamen die Sportlerinnen zuletzt von der Landesregierung: Ministerpräsident Reiner Haseloff (CDU) und Gesundheitsministerin Petra Grimm-Benne (SPD) empfingen die Gold-Athleten jüngst in der Staatskanzlei. Auf Leistungen wie diese könne man „sehr stolz sein“, so Haseloff. Die Special Olympics finden alle vier Jahre statt - 2023 sollen sie nach Berlin kommen.

Bei ihrem Besuch der Special Olympics in Hannover 2016 war Marion Giesecke beeindruckt, wie sich Ärzte, Podologen, Physiotherapeuten und Helfer um die Gesundheit der Behinderten kümmerten. „Denn viele sind leider medizinisch unterversorgt“, sagt die Ärztin. Wenn sie schlecht laufen, hören oder sehen können, werde das oft ihrer Behinderung zugeschrieben. Häufig stelle sich jedoch heraus, dass die Schuhe zu klein sind, ein Hörgerät oder eine Brille gebraucht werden.

Die 56-Jährige half bei ihrem ersten Einsatz beim Programm „Gesunde Lebensweise“, in dem es um Themen wie Ernährung, Sport und Hygiene geht. Später steckte sie mit ihrer Begeisterung für Special Olympics auch ihre Familie an, so dass sie im Mai 2018 mit ihrem Mann Frank und Tochter Henriette zu den deutschen Special Olympics nach Kiel reiste. Statt Urlaub und Schulferien zu genießen, unterstützten sie das Gesundheitsprogramm, zu dem auch die Bestandteile Fitte Füße, Bewegung mit Spaß, Gesund im Mund, Besser hören, Gesunde Lebensweise, Besser sehen und Innere Stärke gehören.

Wettkämpfe fanden im März in Abu Dhabi statt

Ihre aufregendsten Special Olympics erlebten Marion und Frank Giesecke aber im März in Abu Dhabi. Vier Tage lang kümmerten sich die beiden mit Kollegen und Helfern im begleitenden Gesundheitsprogramm um tausende Sportler aus aller Welt. „Insgesamt 7000 Athleten und 20.000 Helfer und Betreuer aus 174 Ländern waren bei den Spielen dabei. Das war unglaublich beeindruckend“, erzählt Marion Giesecke. 1

63 Athleten waren aus Deutschland nach Abu Dhabi geflogen. Zwei davon starteten für Sachsen-Anhalt - Speedskaterin Mandy Bauer, die beim TSV Leuna und dem SV Halle trainiert, und Reiterin Juliane Dietrich aus Weißenfels (Burgenlandkreis). Sie holten mehrere Goldmedaillen (siehe „Gold bei den...“).

Augenarzt Frank Giesecke war Teil eines 40- bis 50-köpfigen Teams. Viele internationale Spezialisten kamen aus der Augen-Fachklink der Cleveland Clinic Abu Dhabi. Mit vielen Helfern sorgten sie im Rahmen des Programms „Opening Eyes“ (Besser Sehen) dafür, dass Augenerkrankungen und schlechte Sehfähigkeit erkannt wurden. „Es wurden Sehtests gemacht, und wir haben die Augen untersucht“, erzählt Frank Giesecke. Und wer von den Sportlern eine neue Brille brauchte, der bekam die auch - und das dank mehrere Sponsoren kostenlos und sogar über Nacht.

„Dafür haben viele der Sportler Wartezeiten von ein bis zwei Stunden in Kauf genommen. Sie waren sehr geduldig und dankbar, weil sie gemerkt haben, dass ihnen etwas Gutes getan wird“, erzählt der 55-Jährige. „Es war beeindruckend, in welch kurzer Zeit da die halbe Welt an einem vorbeigezogen ist“, so der Augenarzt. „Und obwohl ich nach einigen Stunden mal eine Pause gebraucht hätte, bin ich natürlich an meinem Stand geblieben. Denn schließlich haben die Sportler, die meist mit einem Betreuer kamen, ja die ganze Zeit gewartet. Da kann ich doch nicht einfach gehen“, sagt der gebürtige Hallenser.

Mediziner berichten über rührende Momente bei Special Olympics

Besonders berührend seien die Situationen gewesen, wenn Athleten ihre neue Brille bekommen haben und strahlten, weil sie wieder richtig sehen konnten. Er schätze, dass 30 bis 40 Prozent der Sportler, die sich untersuchen ließen, eine neue Brille bekommen haben. Manche hätten auch einfach eine Sonnenbrille bekommen und sich riesig gefreut.

„Wer von den Sportlern mindestens vier Stationen des Gesundheitsprogramms absolviert hatte, durfte sich noch über eine weitere Überraschung freuen, er bekam Sportschuhe von Weitsprung-Legende Bob Beaman geschenkt“, erzählt der Augenarzt aus Merseburg. Beaman hatte 1968 mit seinem Jahrhundertsprung über 8,90 Meter für Furore gesorgt, ist heute Unterstützer der Special Olympics und war in Abu Dhabi auch beim Empfang für das deutsche Team dabei.

Ernst Peter Fischer, Botschafter Deutschlands, hatte dazu in seine Residenz eingeladen, und auch Timothy Shriver, Vorsitzender von Special Olympics International, war dabei. Shriver ist der Sohn von Eunice Kennedy Shriver, die diese weltweite Inklusionsbewegung vor mehr als 50 Jahren gegründet hatte.

Sachsen-Anhalt hat Special Olympics als Fachverband anerkannt

Marion Giesecke engagiert sich vor allem in Sachsen-Anhalt. „Nach meinen ersten Special Olympics in Hannover habe ich mich an unseren Landesverband gewandt, bei dem es damals nur einen Teil des Gesundheitsprogramms gab“, erzählt die Ärztin. Sie habe ihre Hilfe angeboten. „Mittlerweile haben wir auch Gesund im Mund, Gesunde Lebensweise und das Augenprogramm.“ Und sie selbst ist inzwischen im Vorstand von Special Olympics im Land und Landeskoordinatorin für den Teilbereich Gesunde Lebensweise.

Ziel sei es, dass Gesundheitsbewusstsein bei den Sportlern zu stärken und sie zu befähigen, selbstbewusst aufzutreten. „Mittlerweile sind wir so weit, dass wir Behinderte schulen, die uns später als Helfer unterstützen können oder in ihren Wohneinrichtungen oder Werkstätten anderen helfen können.“ Alle Informationen gebe es dabei in leichter Sprache.

„Es gibt bisher in Deutschland nur wenige Landessportverbände, die Special Olympics als Fachverband anerkannt haben. Sachsen-Anhalt gehört dazu“, betont Giesecke. Landessportbundpräsident Andreas Silbersack, der zum Vorstand von Special Olympics Sachsen-Anhalt gehört, hatte die Gründung 2013 unterstützt.

Wenn im September die Landesspiele der Special Olympics in Osterburg (Altmark) ausgetragen werden, werden auch Marion und Frank Giesecke dabei sein. Warum sie das tun? „Man bekommt einfach so viel zurück. Das ist toll.“ Und schon jetzt freuen sich beide auf das, was in den nächsten Jahren ansteht: 2022 finden die deutschen Special Olympics in Berlin statt und dienen als Generalprobe, denn 2023 kommt die ganze Welt zu den Special Olympics in die Hauptstadt. (mz)