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Wildschweine, Rehe, RäuberWildtierbestände im Saalekreis: Rebhühner und Hasen werden immer seltener

Während die Bestände von Reh und Wildschwein im Saalekreis stabil sind, treffen Jäger andere Arten heute viel seltener an als früher. Einen Grund sehen sie in einem zugewanderten Räuber. Für Rehe gibt es neben der Flinte derweil noch eine andere große Lebensgefahr.

Von Robert Briest 20.08.2023, 06:12
Feldhase
Feldhase Foto: Sieler

Merseburg/MZ - Wer wissen möchte, wie es um die Wildbestände im Saalekreis bestellt ist, muss etwas Jägerlatein lernen. Denn eine offizielle Erfassung oder Schätzung, wie viele Rehe, Wildschweine oder Hasen zwischen Wettin und Bad Dürrenberg leben, gibt es nicht. Die Verwaltung verweist auf Kreisjägermeister Kay-Uwe Böttcher. Denn die Waidmänner wissen zumindest, wie viele Tiere gestorben sind. In erfassten Gesamtzahlen spiegeln sich die von ihnen abgeschossenen oder getöteten Tiere – im Jägerjargon: die Strecke – ebenso wider wie die Unfallopfer und jene Tiere, die auf natürlichem Wege verenden und gefunden werden (Fallwild). Aus diesen Zahlen lassen sich zumindest Rückschlüsse auf die Entwicklung der lebenden Bestände ziehen.

Die sind demnach laut Böttcher bei den großen Wildsäugetiere seit Jahren recht konstant. Auf Platz eins stand in den vergangenen Jagdjahren, der waidmännische Kalender geht jeweils von April bis März, das Rehwild. 2022/23 erfassten die Jäger 2.815 tote Rehe. 2.243 wurden von ihnen geschossen. Etwa ein Fünftel, also mehr als 550 kam durch Unfälle zu Tode. Für Böttcher ist das jedoch ein Hinweis auf einen ordentlichen Bestand.

Rotwild lebt vor allem im Ziegelrodaer Forst

Beim Schwarzwild, sprich Wildschweinen, lag der Anteil der Unfalltoten im Jagdjahr 22/23 immerhin noch bei 6,9 Prozent. Insgesamt war die Zahl der toten Tiere mit 1.389 etwas niedriger als in den Vorjahren. Die Strecke sei in Sachsen-Anhalt insgesamt rückläufig, berichtet Böttcher. Er sieht dafür eher Gründe in der trockenen Witterung, wegen der sich die Tiere in Richtung Wasser zurückgezogen hätten, als in den Abschussprämien, die das Land ausgelobt hatte, um die Bestände als Schutz vor der Afrikanischen Schweinepest zu dezimieren. Er hat noch eine andere Veränderung im Verhalten der Schweine bemerkt: „Sie kriegen jetzt das ganze Jahr über Jungtiere.“

Während Rehe und Wildschweine im ganzen Kreis unterwegs sind, beschränkt sich die Rotwildpopulation vor allem auf die Region um den Ziegelrodaer Forst. Da sie geschont werden, ist die Zahl der geschossenen Tiere (53) vergleichsweise gering. Auch die großen Raubtiere spielen im Saalekreis kaum oder keine Rolle. Luchse gäbe es hier nicht, sagt Böttcher. „Beim Wolf haben wir nur ein paar Durchzieher, die von ihren Rudeln verstoßen wurden. Aber Ansiedlungen von Rudeln sind nicht bekannt.“

„Bei Hasen gab es große Rückgänge“

Schlecht bestellt ist es offenbar um zwei Arten, die eigentlich fester Bestandteil der Fauna der Region sind. „Bei den Hasen gab es große Rückgänge. Da hatten wir noch in den 1990er Jahren deutlich höhere Zahlen. Im letzten Jahr waren es ganze 31“, berichtet Böttcher. Rebhühner tauchen in der Statistik nicht auf. Aber der Jägerchef erklärt: „Es gibt sie an einigen Stellen gar nicht mehr.“

Ein mittlerweile seltener Anblick im Saalekreis: ein Rebhuhn
Ein mittlerweile seltener Anblick im Saalekreis: ein Rebhuhn
Foto: dpa

Als eine Erklärung sieht Böttcher in beiden Fällen die intensive Bewirtschaftung der Flächen, geschrumpfte Ackerstreifen und Gehölze, in denen die Tiere Deckung finden könnten. Diese Auffassung teilt auch Marten Winter, Zoologe am Deutschen Zentrum für integrative Biodiversitätsforschung, kurz Idiv, in Leipzig. Er sagt: „Die Rebhuhnbestände sind seit vielen Jahren unter Druck.“ Das liege vor allem an der starken Landnutzung durch den Menschen. „Es gibt kaum noch Grünstreifen, wo sie sich verstecken können.“

Ist der Waschbär schuld?

Jäger Böttcher hat noch eine anderen Erklärung: „Fasane und Rebhühner sind Bodenbrüter. Die Gelege sind für Füchse und Waschbären willkommene Beute.“ Die Waschbären, als eingeschleppte Art, hätten auch dazu beigetragen, dass die Singvogelbestände geschrumpft seien. Sie seien ja gute Kletterer mit höherer Reproduktionsrate. Forscher Winter ist da eher skeptisch. Er verweist darauf, dass es keine wissenschaftlichen Studien gebe, die belegten, dass wegen der Waschbären die Rebhuhnbestände zurückgingen.