Widerstand gegen 5G

Widerstand gegen 5G: Wie eine Künstlerin in Merseburg gegen den Breitbandausbau kämpft

Merseburg - „Wir sind nicht gegen Technik, aber gegen diese Art von Technik“, sagt Ute Richnow. Die Betreiberin der Kunsttanke in Merseburg will in der kommenden Woche eine Bürgerinitiative starten. Das Ziel: Das Land soll den Ausbau des neuen Mobilfunkstandards 5G ...

Von Robert Briest

„Wir sind nicht gegen Technik, aber gegen diese Art von Technik“, sagt Ute Richnow. Die Betreiberin der Kunsttanke in Merseburg will in der kommenden Woche eine Bürgerinitiative starten. Das Ziel: Das Land soll den Ausbau des neuen Mobilfunkstandards 5G stoppen.

Folgen eines Ausbaus von 5G seien nicht ausreichend und unabhängig erforscht

Es gäbe schon genug durch Strahlung geschädigte Menschen und Tiere, schreiben Richnow und ihre Mitstreiter im Aufruf zur Gründungsveranstaltung. Die Folgen eines Ausbaus von 5G seien nicht ausreichend und unabhängig erforscht. Zudem mangele es an der Information der Bevölkerung über Risiken. Richnow beteiligt sich bereits an einer Petition mit gleichem Ziel. 2.000 Unterschriften habe man schon zusammen.

Wenn es ausreichend sind, wolle man sie Ministerpräsident Reiner Haseloff (CDU) übergeben, sagt sie. Die Bürgerinitiative, die zwar in Merseburg gegründet werden, aber landesweit aktiv sein soll, trägt den Namen „Pro Videntia“. „Videntia heißt Vorsorge“, erklärt die Künstlerin, die findet, dass der Staat mit dem 5G-Ausbau gegen das Vorsorgeprinzip verstoße. „Die Sache ist aus unserer Sicht schädlich.“

Land verfolgt mit seiner Gigabitstrategie das Ziel einer vollständigen 5G-Versorgung

Viele unveröffentlichte Studien würden darauf hindeuten, aber die wirtschaftlichen Interessen an 5G seien so groß, dass dies nicht richtig untersucht werde, sagt Richnow. Sie sieht sich durch den flächendeckenden 5G-Ausbau in ihrer Freiheit beschränkt, weil sie sich möglichen Auswirkungen nicht entziehen könne, auch wenn sie die Technik selbst gar nicht wolle. „Mit der Bürgerinitiative wollen wir die Bürger nun wachrütteln und ihnen die Möglichkeit geben, sich anders zu informieren.“

Um ihr Hauptziel zu erreichen, wird die Bürgerinitiative aber viel Überzeugungsarbeit beim Land leisten müssen, denn im zuständigen Wirtschaftsministerium hält man „nichts davon, den 5G-Ausbau zu stoppen“, wie Sprecher Matthias Stoffregen betont. Im Gegenteil verfolge das Land mit seiner Gigabitstrategie das Ziel einer vollständigen 5G-Versorgung.

Das G in 5G steht für Generation. 5G ist also die fünfte Mobilfunkgeneration und soll künftig den derzeit gültigen 4G- oder LTE-Standard ergänzen und ablösen. Wie die Vorgänger funktioniert 5G mit elektromagnetischen Feldern. Allerdings sollen für die neue Technik auch höhere Frequenzen zum Einsatz kommen, die bisher für den Mobilfunk nicht verwendet wurden. Die hohe Frequenz hat aber eine geringere Reichweite, weswegen 5G mehr Masten für eine breite Netzabdeckung benötigt.

Der neue Standard ermöglich schnellere Datenübertragung und soll etwa neue Anwendungen in der Industrie, aber auch autonomes Fahren ermöglichen. 2019 versteigerte der Bund die 5G-Frequenzen für 6,5 Millionen Euro an vier Firmen. Sie müssen für eine Netzabdeckung von 98 Prozent sorgen. Im Saalekreis gibt es eine Pilotanlage bei Günthersdorf.

Land: Gesundheitlichen Risiken von Sendeanlagen seien ausreichend untersucht

„Ein Stopp des 5G-Ausbaus hätte maßgeblich negative Auswirkungen auf das ganze Bundesland.“ Sachsen-Anhalt würde dann technologisch den Anschluss und wirtschaftlich die Wettbewerbsfähigkeit verlieren, fürchtet Stoffregen. Das Land hält den 5G-Ausbau für „gesundheitlich unbedenklich“, wenn die Strahlengrenzwerte eingehalten werden.

Die gesundheitlichen Risiken von Sendeanlagen seien ausreichend untersucht, führt Stoffregen aus: „Die Experten sind bisher einhellig zu dem Schluss gekommen, dass unterhalb der Grenzwerte keine schädlichen Auswirkungen auf die menschliche Gesundheit nachgewiesen worden sind.“

Bundesamt: Strahlung hauptsächlich von Mobiltelefonen und nicht 5G-Masten

Das entspricht im wesentlichen der Position des Bundesamtes für Strahlenschutz. Auch dort hält man die Auswirkungen der Mobilfunkstrahlung für ausreichend erforscht, auch für die Frequenzen, die 5G zunächst verwenden soll. „Gesundheitsrelevante Auswirkungen wurden vielfach untersucht, sind aber bis heute nicht nachgewiesen“, lautet das Resümee.

Durch die kleinteiligen Zellen stünden die Sendeanlagen zwar näher am Menschen, aber deren Leistung sei geringer. Zudem erfolge die Datenübertragung schneller, weswegen der Mensch pro Datenpaket kürzer Strahlung ausgesetzt sei. Die gehe, so das Bundesamt, ohnehin hauptsächlich von den Mobiltelefonen aus. Innerhalb der Grenzwerte führe die Strahlung allenfalls zu einer leichten Erhöhung der Temperatur im Gewebe, mit der der Körper aber umgehen könne.

Künstlerin aus Merseburg sieht beim Thema 5G noch großen Forschungsbedarf

Wilfried Kühling, emeritierter Professor für Raum- und Umweltplanung der Uni Halle, kritisiert jedoch, dass die Grenzwerte eben nur die Wärmewirkung der Strahlen berücksichtigen, nicht aber die biologische Wirkung, zu der etwa Änderungen in den biochemischen Abläufen der Zellen zählen könnten. „Tierversuche zeigen Krebsfolgen. Weil man aber nicht weiß, woher der Zusammenhang kommt, sagt man, er sei nicht da“, kritisiert Kühling.

Sie sieht beim Thema 5G noch großen Forschungsbedarf und deswegen nicht verstehen kann, weswegen man den Ausbau dennoch vorantreibt: „Das führt zu einem unzureichenden Schutz der Bevölkerung.“ Auch die staatlichen Stellen sehen offenbar, trotz ihrer aktuellen Einschätzungen, noch Studienbedarf.

Bundesamt und Bundesumweltministerium gründet Kompetenzzentrum zu 5G 

Das Bundesamt erklärt, dass zu den höheren 5G-Frequenzen, die später zum Einsatz kommen sollen, sowie zu den Auswirkungen der Strahlung auf sensible Personen noch weiter geforscht werden müsse. Das Land hat nach eigenen Angaben eine Untersuchung zu den Auswirkungen von 5G auf den Menschen in Auftrag gegeben.

Man nehme die Sorge der Bürger ernst, sagt Stoffregen und verweist auf das Kompetenzzentrum „Elektromagnetische Felder“, das Bundesamt und Bundesumweltministerium vergangene Woche gegründet haben. Es soll helfen, den wachsenden Informationsbedarf der Bevölkerung zu stillen.

››Die Gründungsveranstaltung der Bürgerinitiative findet am 19. Februar um 19 Uhr in der Kunsttanke, Domstraße 5 in Merseburg, statt. Informationen zum Thema 5G finden Sie auch unter: www.bfs.de/5G (mz)