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Kirchenöffner in Merseburg Von Hongkong zurück nach Merseburg

25 Jahre war Reinhard Renneberg Professor für Biochemie in Hongkong - jetzt ist er Kirchenöffner in Merseburg. Warum er Angela Merkel ganz gut kennt.

Von Undine Freyberg Aktualisiert: 17.06.2024, 23:31
Reinhard Renneberg öffnet immer mal die Stadtkirche für interessierte Besucher und Gläubige.  Solche wie er werden gesucht.
Reinhard Renneberg öffnet immer mal die Stadtkirche für interessierte Besucher und Gläubige. Solche wie er werden gesucht. Foto: Undine Freyberg

Merseburg/MZ. - „Der Mann hatte Lederhosen an, kam rein und fragte in tiefstem Bayerisch ’Grüß Gott! Wo ist denn bei Ihnen der Beichtstuhl’?“ Reinhard Renneberg schmunzelt. „Ich hab’ ihm dann gesagt, dass das hier eine evangelische Kirche ist“, erzählt er. „’Aber a Weihwasser habt’s Ihr schon?’, hat er dann noch gefragt“, erinnert sich Renneberg an die Begegnung. „Ich sagte: Das haben wir auch nicht.“

Hier wird's nie langweilig

Renneberg kommt ins Plaudern. Er erzählt über Gott und die Welt, sein Leben früher und heute. Alles sehr fröhlich. Wer mit ihm ins Gespräch kommt, dem wird nicht langweilig – vor allem, weil viel gelacht wird.

Zweimal die Woche, dienstags und donnerstags, schließt er die Stadtkirche auf. Das ist wichtig. Nicht nur wegen der Touristen, die mal gucken wollen, so wie das Ehepaar aus Pirna, das die Landesgartenschau besucht hat und gerade die Innenstadt von Merseburg erkundet.

„Wenn Markttag ist, kommen viele, die dankbar sind, dass sie mal eine Kerze anzünden oder ein Gebet sprechen können“, erzählt Renneberg. „Hier kommen nur freundliche Leute rein. Das ist ganz toll“, lächelt der 72-Jährige.

Mit Angie an der Akademie der Wissenschaften

Der Biochemiker hat fünf Jahre in der Ukraine und in Russland studiert und 1975 in Moskau sein Diplom gemacht. „Danach kam ich in die DDR zurück, ging an die Akademie der Wissenschaften in Berlin, hab dort viele interessante Leute getroffen. Unter anderem Jens Reich.“ Reich ist Mediziner und Molekularbiologe, wurde als parteiloser Bürgerrechtler des Neuen Forums in der Wendezeit bekannt. 1994 war er Bundespräsidentenkandidat.

„An der Akademie war ich damals FDJ-Sekretär und wurde in Agitation und Propaganda angeleitet von einer gewissen Angela Kasner.“ Renneberg schmunzelt. „Heute heißt sie Merkel und möchte am liebsten gar nicht mehr daran erinnert werden. Ich hab’ sie gerade in Halle bei der Leopoldina kurz wiedergetroffen. Da bin ich im Freundeskreis.“

25 Jahre Hongkong

Nach dem Abstecher nach Berlin ging es für den Mann, der in Merseburg aufgewachsen ist, ans berühmte andere Ende der Welt – ins 9.000 Kilometer entfernte Hongkong. Renneberg hatte dort 25 Jahre lang eine Professur für Biochemie. Vor einigen Jahren kam er zurück, traf seine jetzige Frau wieder und heiratete.

„Geboren wurde ich übrigens in der Dorfschule von Lössen, weil meine Eltern dort Neulehrer waren. Mein Vater war der Direktor, meine Mama die einzige Lehrerin. Meine Mama war eine Pfarrerstochter, mein Großvater also Pfarrer“, erzählt Renneberg. Allerdings habe er in Hongkong etwas die Verbindung zur Kirche verloren. Mit seiner zweiten Frau Carola habe sich das geändert. „Und seit ich hier in Merseburg quasi wieder eingemeindet wurde, engagiere ich mich und schließe auch gern ab und zu die Stadtkirche auf – so wie das einige andere auch tun.“

Um den Dienstplan kümmert sich seine Frau

Für seinen Dienstplan sei seine Frau zuständig. „Sie meldet mich für den Dienst an.“ Und dann finde er einfach einen Zettel auf dem Tisch. „Entweder von meiner Schwiegermutter, die schreibt ’Bitte Rasen mähen’ oder von meiner Frau, die schreibt ’Bitte in die Stadtkirche gehen’, und das mach’ ich dann“, lächelt der 72-Jährige.

Dann gebe er Auskunft über die Kirche. Aber manchmal müsse er auch ein wenig Seelsorger sein. Einmal sei ein Mann hereingekommen, der ziemlich bedrückt ausgesehen habe und ihm dann erzählt habe, dass er seinen Job und dadurch auch seine Frau verloren habe. „Da versuche ich dann Mut zuzusprechen.“

Was der Bayer zum Abschied sagt

Übrigens: Der Bayer – der habe noch gesagt: „’Keinen Beichtstuhl, kein Weihwasser – was haben Sie denn überhaupt? Und ich sagte: Kaffee und a Musi“, lacht Renneberg. Denn Domkantor Stefan Mücksch war damals gerade reingekommen und hatte angefangen, ganz fantastisch Orgel zu spielen. „Und da sagte der Bayer dann im Rausgehen: Also, Euch Lutherischen muss man’s schon lassen – Ihr habt’s die bessere Musi.“

Wer auch Kirchenöffner werden möchte, kann sich im Pfarramt unter Tel. 03461/ 21 16 40 melden.