Sucht besser verstehen

Sucht besser verstehen: Wie eine App Abhängigen beim Umgang mit Konsumdruck hilft

Merseburg - Der Weg aus der Drogenabhängigkeit ist lang. Für Konsumenten von Opiaten, wie Heroin, führt er häufig über eine sogenannte Substitutionstherapie. Statt der eigentlichen Droge erhalten die Abhängigen dabei eine Ersatzdroge, eine Substitut, das sie unter ärztlicher Kontrolle regelmäßig einnehmen. Eine Form der Therapie, die teils ein ganzes Leben lang andauern kann und für die Betroffenen Schwierigkeiten birgt, wie Lars Gaentzsch ...

Von Robert Briest

Der Weg aus der Drogenabhängigkeit ist lang. Für Konsumenten von Opiaten, wie Heroin, führt er häufig über eine sogenannte Substitutionstherapie. Statt der eigentlichen Droge erhalten die Abhängigen dabei eine Ersatzdroge, eine Substitut, das sie unter ärztlicher Kontrolle regelmäßig einnehmen. Eine Form der Therapie, die teils ein ganzes Leben lang andauern kann und für die Betroffenen Schwierigkeiten birgt, wie Lars Gaentzsch erklärt.

Hochschule Merseburg entwicklet App mit dem Namen Checkpoint-S

Denn die Abhängigen hätten körperliche und psychische Folgen des Konsums, meist keine oder kaum Berufsaussichten und müssten eine Reihe von Voraussetzungen erfüllen, um die staatlich kontrollierte Therapie erfolgreich absolvieren zu können. Gaentzsch und eine Kollegin arbeiten derzeit an der Hochschule Merseburg an einem Projekt, das den Substitutionspatienten helfen soll. Diese Herausforderung besser zu meistern.

Sie entwickeln eine App mit dem Namen Checkpoint-S. Gaentzsch, der für das vom Bundesministerium für Bildung und Forschung geförderte Projekt für drei Jahre eine halbe Stelle in Merseburg erhalten hat, erklärt deren Ziel: „Es geht darum ein Tool zu entwickeln, das den Behandelnden zu gute kommt, aber vor allem den Betroffenen hilft, ihre Krankheit besser zu verstehen.“ Es gehe darum, die Patientenautonomie zu stärken. „Als aufgeklärter Patient ist man immer daran interessiert zu verstehen: Was habe ich?“

App hilft Abhängigen Sucht und Entwicklung des Konsumdrucks zu verstehen

Mit Hilfe einer Testversion zeigt der Techniksoziologe auf seinem Smartphone, wie das Merseburger Programm dabei helfen kann. Es ist aufgebaut wie ein Tagebuch. Gaentzsch sieht den Vergleich mit einer Timeline bei Facebook oder Instagram. In diese können die Patienten etwa eintragen, wann sie welche Substitute eingenommen haben. Eine Liste der möglichen Kandidaten ist in der App zur Auswahl enthalten. Das Programm vermerkt neben dem Mittel auch Datum und Uhrzeit der Einnahme.

Später soll darüber eine Erinnerungsfunktion zur Einnahme des Substituts programmiert werden. Gaentzsch berichtet, dass die staatlich kontrollierte Ausgabe der Mittel meist in Substitutionsambulanzen wie etwa in Halle-Silberhöhe erfolge. Erfahrene und verlässliche Patienten bekämen ihre Substitute aber auch für einen längeren Zeitraum mit nach Hause, damit sie nicht jedes Mal die teils weiten Strecken zur Ambulanz fahren müssen.

Neben den eingenommen Substituten können die Nutzer in der App auch die Entwicklung des Konsumdrucks vermerken. Der sei ein großes Thema, sagt der Forscher. „Trotz des Substituts verspüren Abhängige den Druck wieder zu konsumieren.“ In der App lassen sich auch körperliche oder soziale Auslöser für den Druck vermerken. So könnten die Patienten lernen, was für sie Ursache für den Konsumdruck seien und wie sie diese vielleicht vermeiden, sagt der Entwickler.

Testversion von Checkpoint-S im September zum Runterladen 

Die Nutzer können in das Tagebuch auch ihr jeweiliges Empfinden und möglichen Beikonsum, etwa von Alkohol oder Marihuana, eintragen. Früher sei in der Substitutionstherapie eine totale Abstinenz verlangt worden, berichtet Gaentzsch. Verstöße konnten zum Ausschluss führen. Sie würden aber für die App mit Ärzten zusammenarbeiten, die eher einen akzeptierenden Ansatz haben. „Man guckt, was die Leute konsumiert haben und wie sich das künftig vermeiden lässt.“

Dabei soll den Abhängigen aber selbst überlassen bleiben, ob sie die Einträge in ihrem Tagebuch mit Behandelnden wie Arzt, Sozialarbeiter oder Psychotherapeuten teilen: „Informationelle Selbstbestimmung ist wichtig“, sagt Gaentzsch. Noch im September soll eine erste Dummy-Version von Checkpoint-S zum Runterladen zur Verfügung stehen. Über mehrere Feedbackschleifen mit Nutzern und Behandelnden wollen die Merseburger sie dann bis zum Projektende 2022 weiterentwickeln.

Weitere Infos und die App finden sich im Internet auf: checkpoint-s.com (mz)