Sex-Aufklärung für Flüchtlinge

Sex-Aufklärung für Flüchtlinge: Forscher aus Merseburg beklagt: „Wir hinken hinterher“

Merseburg - Vor allem bei der Arbeit mit muslimischen Jugendlichen ist das Thema Sexualität auch für Experten heikel. Forscher aus Merseburg beklagt zu wenige Angebote und zu viele Vorurteile.

Von Michael Betram

Bei der Arbeit mit unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen stehen Jugendarbeiter vor einer großen Herausforderung. Dann nämlich, wenn es um das Thema Sexualität geht.

Andere kulturelle Hintergründe oder erlebte Traumata während der Flucht erschweren den Zugang. Mit einer Fachtagung hat die Hochschule Merseburg Hilfe angeboten. Michael Bertram sprach mit dem Sexualwissenschaftler Heinz-Jürgen Voß über Vorurteile, Homophobie und die Übergriffe von Köln.

Herr Voß, wie gut waren die Tagungsteilnehmer denn schon mit den Herausforderungen vertraut?

Heinz-Jürgen Voß: Man hat gemerkt, dass diese konkrete Fragen aus ihrer Arbeit mitgebracht hatten. Großes Interesse gab es vor allem an einem Workshop zum Thema Sexualpädagogik mit Geflüchteten. Viele haben sich bei diesem Thema mit den täglichen Herausforderungen bei der Arbeit arrangiert und etwas daraus gemacht. Aber der Bedarf von mehr Information ist da, sonst hätten sich nicht so viele angemeldet.

Welche konkreten Defizite sind beim Thema Sexualpädagogik denn zutage getreten?

Voß: Viele haben gemerkt, dass sie den Blick verschieben müssen. Das heißt, dass sie nicht nur schauen, was die Geflüchteten mitbringen, sondern auch welche Erwartungen sie selbst haben. Ein Film machte deutlich, Heranwachsende haben einfach die Fragen, die Heranwachsende haben. Da geht es dann um die Fragen Verhütung oder wie spreche ich ein Mädchen an? Es unterscheidet sich nicht von der sonstigen Arbeit, wie es so manches Vorurteil suggeriert.

Gibt es trotzdem Unterschiede, auf die man wegen der kulturellen Hintergründe achten muss?

Voß: Ja. In Ruanda ist es beispielsweise völlig normal, dass Jungs auf dem Schoß anderer Jungs sitzen oder Händchen halten, das würde hier in Deutschland gleich als homosexuell verstanden werden. Es gibt da auch regionalspezifische Unterschiede.

In Teilen Afghanistans etwa gibt es Beziehungen von erwachsenen Männern zu zwölfjährigen Jungen, die auch sexuell sind, die in anderen Regionen des Landes wiederum als Missbrauch angesehen werden.

Apropos Missbrauch. Es gibt Berichte, wonach viele minderjährige Flüchtlinge, die allein unterwegs sind, auf der Flucht Opfer von Vergewaltigungen geworden sind. Inwieweit spielt das bei der Thematisierung von Sexualität eine Rolle?

Voß: Bei den Geflüchteten müssen die Bildungsangebote darauf abgestimmt werden. Etwa in der Schule können Flashbacks auftreten, eine gewaltvolle Handlung wird erneut erlebt. Auch die Thematisierung von Sexualität kann damit erschwert sein. Man sollte immer Hilfestellen an der Hand haben, die Unterstützung bieten, wie zum Beispiel den Verein Wildwasser.

Auf wie viele Geflüchtete treffen diese Probleme denn zu?

Voß: Rund 50 Prozent der Geflüchteten sind traumatisiert. Wir brauchen deshalb eine vernünftige psychotherapeutische Behandlung, die zügig vorangehen muss. Bei unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen klappt das bereits ganz gut, bei Älteren wird es schon schwieriger. Auch die ständige Bedrohung durch eine mögliche Abschiebung macht das Lernen schwieriger.

Seit der Silvesternacht in Köln mit Übergriffen durch Migranten hält sich das Klischee vom „vergewaltigenden Nordafrikaner“. Was ist dran und können solche Verhaltensmuster mit kulturellen Prägungen oder mangelnder Bildung in den Heimatländern erklärt werden?

Voß: Nein. Köln ist ja auch noch anders zu sehen. Denn schon in den ersten Stunden wurden vor allem Geflüchtete verantwortlich gemacht, was sich dann im Nachhinein als falsch herausstellte. Auch war bei den Delikten vor allem Diebstahl im Vordergrund.

Da würde ich mir mehr Sensibilität wünschen. Wir müssen sexuelle Nötigung und sexualisierte Gewalt problematisieren. Warum geschieht das für Köln, hingegen nicht für das Münchner Oktoberfest?

Allein im vergangenen Jahr gab es dort an den ersten Tagen mehrere Vergewaltigungen. Sie sorgten nicht für einen Aufschrei. Was wir in der Debatte um Köln erlebt haben, ist übrigens ein Motiv, das wir seit dem Kolonialismus kennen: Weiße würden Frauen vor den schwarzen Männern retten.

Seitdem ist es in den Köpfen von weißen Deutschen verankert, dass Migranten sexuell übergriffig seien. Das Stereotyp gilt es zu bearbeiten.

Und doch kann man die Täter von Köln doch nicht einfach gewähren lassen.

Voß: Selbstverständlich nicht. In einem neuen Land müssen die rechtlichen Regelungen und etwa der Umgang der Geschlechter untereinander gelernt werden. Übergriffe sollen bestraft werden, aber gleichermaßen. Weder deutsche Täter noch Geflüchtete sollten zusätzlich mit Abschiebung bedroht werden. Man muss immer an der Frage arbeiten, wo Grenzen liegen.

Wie lehrt man so etwas?

Voß: In erster Linie geht es darum, Fragen zu beantworten. Aber es ist sicher auch eine Möglichkeit, Rollenspiele durchzuführen. Das Wichtigste ist, dass sexualpädagogische Angebote kontinuierlich in Schulen stattfinden und dass wir bei der Aus- und Fortbildung von Fachkräften darauf Wert legen.

Es gibt unterschiedliche Konzepte, nur wir müssen sie eben auch anwenden. Wir hinken da in Deutschland hinterher. Merseburg bietet tatsächlich den einzigen Studiengang zum Thema Sexualpädagogik, aber es ist wesentlich mehr Bedarf da.

Über Sexualität zu sprechen, ist das in vielen muslimischen Familien kein Tabubruch? Wie kriegen wir diese Zielgruppe eingefangen?

Voß: Ich würde erst einmal das Viele in Frage stellen. Wenn wir uns die muslimischen Verbände angucken, dann gibt es keine Stellungnahme gegen Sexualpädagogik. Der türkische Bund, ein Verband von 80 Verbänden, hat schon seit Jahren queere und lesbisch-schwule Forderungen in einem solchen Maß in das Grundsatzprogramm aufgenommen, wie es für eine mehrheitsdeutsche Organisation noch undenkbar ist.

Es gibt überall eher traditionell-konservativ orientierte Kreise, die ein Problem mit Sexualpädagogik haben. Auch sie sind oft gesprächsbereit.

Es gibt muslimische Eltern, die ihren Töchtern verbieten am gemeinsamen Schwimmunterricht mit Jungs teilzunehmen. Was sagen Sie denen?

Voß: Es waren eher Fälle, wo Eltern sagten, ihr Mädchen solle einen Burkini tragen. Warum ist das ein Problem? Ja, das soll sie gern und dann am gemeinsamen Schwimmunterricht teilnehmen. Fragen sollten nicht so hitzig ausgetragen werden. Und weder Sexualpädagogik noch Schwimmunterricht kann von Eltern untersagt werden. Die Eltern müssen informiert werden, was dabei passiert. Aber sie haben kein Recht, diese Dinge zu boykottieren.

Welches Wissen zu Sexualität bringen denn die Kinder aus muslimischen Kulturkreisen überhaupt mit? Was wird in deren Heimatländern gelehrt?

Voß: So wie es zum Beispiel syrische Geflüchtete berichtet haben, ist Sexualpädagogik eher weniger Teil der Schulbildung. Es gehört zum Respekt dazu, Sexualität nicht so stark zu thematisieren, sie gleichzeitig aber auszuleben. Jugendliche werden konkret von den Eltern aufgeklärt, dann aber oft bis ins letzte Detail.

Aufklärung ist Elternsache und es wird mit älteren Freunden darüber gesprochen und auch in der Moschee. Auch wenn wir uns die Religionen ansehen, bemerken wir, dass das Judentum und der Islam eher sexpositiv eingestellt sind, sie haben einen weitgehend uneingeschränkt positiven Bezug zu Sexualität, während das Christentum ja das Gegenteil macht: Wenn du Lust empfindest, sollst du zur Beichte gehen.

Wenn wir auf die muslimischen Verbände in Deutschland schauen, da stellt man eine große Offenheit zu dem Thema fest. Die Menschen sollen tun, was sie wollen, auch sexuell, sie müssen sich dann eben nur irgendwann vor Gott verantworten.

Gibt es aber nicht eine Diskrepanz zwischen dem, was die Verbände sagen, und was dann tatsächlich auf der Straße passiert?

Voß: Ich würde eher sagen, evangelische und katholische Kirche werden nie mit dieser Vehemenz adressiert. Da ist immer eine gewisse Entlastung, in dem Sinne, dass sie nun einmal konservativer seien. Hingegen wird von muslimischen Verbänden immer erwartet, dass sie die Speerspitze der Emanzipation seien, insbesondere beim Thema Homosexualität.

Wenn ich durch Merseburg mit meinem Freund händchenhaltend gehe, wurde ich, soweit ich mich erinnere, niemals blöd angemacht. Weder von mehrheitsdeutschen, noch von migrantischen Jugendlichen. Immer kann sich unter Jugendlichen eine Homo- oder Transphobie zeigen. Nur: Daran muss sexualpädagogisch gearbeitet werden. (mz)