Ratgeber für Erzieherinnen

Ratgeber für Erzieherinnen: Kitas sollen Gefahr von Missbrauch und Vernachlässigung erkennen

Braunsbedra - Wie sollten Erzieherinnen, Tagesmütter oder pädagogische Mitarbeiter reagieren, wenn sie in einer Kita feststellen, dass das Wohl eines Kindes gefährdet ist, etwa durch häusliche Gewalt, Vernachlässigung oder aus anderen Gründen? Eine Notfallmappe soll Antworten und Tipps geben. Der Ratgeber wird derzeit in allen 161 Kindertagesstätten im Kreis ...

Von Susann Salzmann und Felix Knothe 08.05.2015, 07:15

Wie sollten Erzieherinnen, Tagesmütter oder pädagogische Mitarbeiter reagieren, wenn sie in einer Kita feststellen, dass das Wohl eines Kindes gefährdet ist, etwa durch häusliche Gewalt, Vernachlässigung oder aus anderen Gründen? Eine Notfallmappe soll Antworten und Tipps geben. Der Ratgeber wird derzeit in allen 161 Kindertagesstätten im Kreis verteilt.

Die Netzwerkstelle „Frühe Hilfen und Kinderschutz Saalekreis“ der Caritas hat den Ratgeber gemeinsam mit dem Jugendamt des Saalekreises entwickelt. „Er gibt den Kitas zusammenfassendes Material an die Hand, mit dem sie eine mögliche Kindswohlgefährdung sicher erkennen können“, sagt Netzwerkkoordinatorin Birgit Wutzow.

Als erste Einrichtungen bekamen jetzt acht Kitas der Stadt Braunsbedra die roten Ordner ausgehändigt. Darin sind in vielen Beispielen Szenarien skizziert, bei denen die Erzieherinnen aufmerksam werden und das Jugendamt informieren sollten. Wenn ein Kind etwa ständig verdorbene Nahrung mitbringt oder überhaupt keine regelmäßigen Mahlzeiten erhält, ist das ebenso ein Alarmsignal wie mögliche Zeichen von Gewalt.

„Für unsere Arbeit wird der Leitfaden schon eine Hilfe sein, obwohl es für kritische Fälle schon heute Dienstanweisungen gibt“, sagt Katja Pocher. Sie ist die stellvertretende Leiterin der Kita „Kunterbunt“ in Roßbach. Fälle von Kindeswohlgefährdung seien ihr in der Einrichtung nicht bekannt.

Kern des Pakets, mit dem die Kitas nun ausgestattet werden, ist ein gleichförmiger Meldebogen für alle Kitas, erklärt Birgit Wutzow. „Alle sollen die gleiche Sprache sprechen.“ Das erleichtere nicht nur die Arbeit im Jugendamt sondern helfe auch, Gefährdungen richtig einzuschätzen.

Direkte Äußerungen des Kindes gehören in den Meldebogen genauso mit hinein wie die Bemühungen der Einrichtung, beispielsweise um Elterngespräche. Dokumentiert werden müssen natürlich auch die Anzeichen selbst. Wodurch ist der Verdacht entstanden? Durch nicht witterungsgemäße Kleidung, schlechte medizinische Versorgung, fehlende emotionale Zuwendung? Und wann sollte das Jugendamt wirklich informiert werden?

„Nicht bei jedem Kratzer muss das Jugendamt angerufen werden“, relativiert Wutzow. Die Betreuer sollten unbedingt das Elterngespräch suchen. „Oft wollen die Eltern ihren Kindern nichts Böses, sondern sind schlicht überfordert“, spricht die Netzwerkkoordinatorin aus Erfahrung. Umso wichtiger sei das richtige Maß an Feingefühl beim Gespräch – Hinweise finden sich auch dazu in der Mappe.

Braunsbedras Bürgermeister Steffen Schmitz verspricht jedenfalls, die Dienstanweisungen in den Kitas nun umgehend an die neuen Richtlinien anzupassen. Auch ein Workshop ist in Planung, bei dem dann mit den Erzieherinnen Fallbeispiele durchgesprochen werden. Einen Termin gebe es dafür aber noch nicht, so Wutzow.

Ein Bonus in den roten Ordnern ist übrigens ein „grüner Fächer“. In dem sind kurz und prägnant Erste-Hilfe-Tipps nicht nur für Insektenstiche oder Atemnot, sondern auch zu Kopfverletzungen oder Diabetes enthalten. Das ganze Paket hat mit rund 2 200 Euro das Jugendamt finanziert. Wutzow will es bis zum Beginn des neuen Schuljahres im August an alle Kitas im Landkreis verteilt haben. (mz)