„Gestohlene Kinder der DDR“

„Gestohlene Kinder der DDR“: Interessengemeinschaft zweifelt Studie zu Baby-Raub an

Halle/Merseburg/Ulm - Gerade hat Florina Steger, Direktor des Instituts für Geschichte, Theorie und Ethik der Medizin der Universität Ulm, sein Buch „Wo ist mein Kind“ (erschienen im Mitteldeutschen Verlag Halle) und Forschungsergebnisse zum Thema systematischer Kinderraub in der DDR ...

Von Undine Freyberg

Gerade hat Florina Steger, Direktor des Instituts für Geschichte, Theorie und Ethik der Medizin der Universität Ulm, sein Buch „Wo ist mein Kind“ (erschienen im Mitteldeutschen Verlag Halle) und Forschungsergebnisse zum Thema systematischer Kinderraub in der DDR vorgestellt.

Initiiert hatte die Forschungsarbeit die Landesbeauftragte zur Aufarbeitung der SED-Diktatur in Sachsen-Anhalt, Birgit Neumann-Becker. Insgesamt 200 betroffene Frauen, die heute noch nach ihren Kindern suchen, die in den 70er und 80er Jahren in der DDR geboren wurden, hätten sich an sie gewandt, hieß es.

Jetzt hagelt es Vorwürfe von Seiten der Interessengemeinschaft „Gestohlene Kinder der DDR“. MZ sprach unter anderem mit Andreas Laake, dem Vorsitzenden und Gründer der Organisation, der kein gutes Haar an der Studie lässt.

Vorwurf: Recherche war unzureichend

„Wir beschäftigen uns seit vielen Jahren mit dem Thema. Unserer Interessengemeinschaft gehören 1.600 Frauen an, die zu DDR-Zeiten ein Kind bekommen und es nach der Geburt nie gesehen haben“, sagte Laake.

„Wir wissen, wie aufwendig die Recherchen zu diesem Thema sind. Und da will Herr Steger 200 Fälle überprüft haben? Das ist völlig unmöglich“, so Laake. Dabei klinge es so, als hätte dieser alle Unterlagen, die die Frauen und die Kinder betreffen, zur Verfügung gehabt.

„Wir wissen, dass es manche Unterlagen nicht mehr gibt und wie schwer es ansonsten ist, an alles heranzukommen.“ Für eine saubere Studie hätte Steger die Totenscheine der Kinder, die Krankenakten der Mütter, die Unterlagen aus der Pathologie des jeweiligen Krankenhauses und noch einiges mehr vorliegen haben müssen.

„Das zweifle ich an, dass das tatsächlich passiert ist. Dann wären auch die Quellenangaben in seinem Buch andere und viel umfangreicher.“

Das sagt Wissenschaftler Florian Steger

MZ konfrontierte den Wissenschaftler mit den Vorwürfen. „Ich habe nie behauptet, dass meine Forschungsergebnisse der Wahrheit letzter Schluss sind, und ich persönlich habe auch nie erklärt, dass ich 200 Schicksale komplett untersucht habe“, sagte Florian Steger der MZ. Es hätten sich viele Frauen an ihn gewandt, mit denen habe er Interviews geführt und aus einigen zitiert. „Ich habe keine quantitative Studie durchgeführt.“

Allerdings habe er viele Archive angefragt und an anderen Stellen nach Antworten gesucht. „Wenn ich aber keine Quellen finde, die für meine Fragestellung aussagekräftig sind, kann ich diese auch nicht in meinem Quellenverzeichnis anführen.“ Natürlich habe es hier und da in den Unterlagen, die Frauen ihm mitgebracht hätten, Verschreiber oder Unklarheiten gegeben.

„Das begründet aber nicht den schweren Vorwurf des systematischen Kindesraubs zu DDR-Zeiten.“ Er habe bereits bei der Vorstellung seiner Forschungsergebnisse erklärt, dass diese nicht jedem gefallen würden. „Ich verstehe die Wut und die Angst, die manche jetzt artikulieren, bitte aber trotzdem um Respekt. Denn jeder nähert sich einem Thema ja auf andere Weise an. Ich empfehle, zunächst mein Buch zu lesen.“

Die Aussagen Stegers seien trotzdem ein Schlag ins Gesicht aller betroffenen Frauen, die zu DDR-Zeiten ein Kind zur Welt gebracht hätten, von dem sie sich nie hätten verabschieden dürfen, sagte Heike Linke, die stellvertretende Vorsitzende der IG. Linke hatte 1985 im Klinikum Merseburg ein Kind zur Welt gebracht, das laut Aussage der Ärzte nach der Geburt gestorben war. Daran zweifelt sie bis heute.

„Berechtigte Fragen zum Verbleib der Kinder“

Die Mitglieder der Interessengemeinschaft hätten nie behauptet, dass die Kinder der betroffenen Frauen noch am Leben seien, sagt Laake. „Aber wenn man sich die Akten ansieht, die sich viele Frauen viele Jahre nach der Geburt ihrer Kinder hart erkämpft haben, gibt es doch berechtigte Fragen zum Verbleib der Kinder.“ Steger habe auch Unterlagen aus dem Stasi-Unterlagenarchiv für seine Studie benutzt. „Aber was wollte er denn dort finden?“

Die Kinder - so sie nicht gestorben sind - wären in den Akten der Mütter nicht aufgetaucht. Sie hätten eine eigene Akte gehabt - unter einem Namen, der nicht bekannt wäre. „Diese Studie hat kein wissenschaftliches Fundament“, sagt Laake. Die IG habe mit Frau Neumann-Becker häufig Kontakt gehabt. „Wir haben auch über die geplante Studie gesprochen. Es hätte sich gehört, dass wir entweder zur Buchvorstellung eingeladen oder der Termin auf der Homepage der Landesbeauftragten veröffentlicht wird. Beides ist nicht passiert.“

Nach der Veröffentlichung eines Artikels zum Buch von Florian Steger gab es auf der Facebook-Seite der Mitteldeutschen Zeitung heftige Reaktionen. (mz)