Ein Drahtseilakt

Wie sich die Musikschule Köthen mit der Krise arrangiert

Köthen - Wie sich die Musikschule in Köthen mit der Krise arrangiert und versucht, möglichst vielen Schülern und Ensemblemitgliedern den Unterricht zu ermöglichen.

Von Sylke Hermann 14.09.2020, 10:24

Wenn Andreas Hardelt das Gespräch mit seinen Lehrkräften sucht, muss er sich nur in die Nähe des Kopiergerätes setzen. Eine verblüffende Betriebsamkeit herrscht hier an diesem frühen Nachmittag. Gefühlt huscht jeder am Leiter der Köthener Musikschule vorbei. Mit Maske – und den duplizierten Notenblättern in der Hand, hier und da noch die Tasse mit duftendem Kaffee. Aber Zeit hat kaum jemand. Es ist viel los.

Andreas Hardelt ist dankbar, dass es wieder mehr und mehr zu tun gibt. In allen Fächern. Für die Ensembles, die Streicher, die Bläser, die Sänger. Auch wenn nicht jedes Instrument, nicht jeder Kurs gleichbehandelt werden kann. „Wir sind noch nicht überall bei 100 Prozent.“ Die Anforderungen, die mit SARS-CoV-2 bis heute verbunden sind, stellen den Leiter und sein Team, ebenso die Schüler, jeden Tag aufs Neue vor Herausforderungen. Die Corona-Pandemie hat hier an der Musikschule „Johann Sebastian Bach“ einiges verändert.

Geändert habe sich vor allem eins: die Gruppenstärke

Regina Baufeld arbeitet wie ihr Kollege Jürgen Sostawa mit den ganz Kleinen in der musikalischen Früherziehung. Geändert habe sich vor allem eins: die Gruppenstärke. „Wir sind nicht mehr mit allen Kindern zusammen, weil der Raum viel zu klein dafür ist, um genügend Abstand halten zu können. Wir durften uns nicht anfassen.

Aber die musikalische Früherziehung“, betont sie, „lebt auch von gruppendynamischen Prozessen.“ In den vergangenen Wochen habe sie versucht, sich mit dem Umständen zu arrangieren, sich anzupassen: „Ich haben die Gruppen immer mal gemischt.“ Mal nimmt sie nur die Mädchen zusammen, dann wieder nur die Jungs. „Wir lernen jetzt andere Dinge.“

Doch diese Pandemie ist schnelllebig und so haben sich die Umstände schon wieder verändert. Regina Baufeld ist umgezogen. Sie unterrichtet ihre Gruppen jetzt im benachbarten Friedemann-Bach-Saal des Veranstaltungszentrums Schloss Köthen.

„Wir freuen uns wahnsinnig, dass wir wieder alle zusammen sind“

Da ist Platz, genügend Platz. „Wir freuen uns wahnsinnig, dass wir wieder alle zusammen sind.“ Am vergangenen Freitag gab sie ihren ersten Eltern-Kind-Kurs – seit Beginn der Corona-Krise. Und auch mit ihrem Streicher-Ensemble „Saitenwind“ kann sie unter den neuen Gegebenheiten wieder komplett üben. Alle 22 Mitglieder zusammenzuhaben – „das ist ein tolles Gefühl“, freut sie sich.

Torsten Liebich kann das absolut nachvollziehen. Er leitet das Gitarrenensemble der Schule, ist selbst als Musiker professionell mit seiner Band unterwegs. Oder besser gesagt: Er war es – vor Corona. Seither herrscht „tote Hose“. Auch Manfred Apitz, der schon viele große Veranstaltungen der Musikschule mit vielen Mitwirkenden auf die Beine gestellt hat, ist seit langem zum Nichtstun verdammt. Im Frühjahr fiel zum Beispiel das „Nocturne“ aus.

Im Herbst will er es machen – und ist in Abstimmung mit Andreas Hardelt dabei, den Rahmen zu definieren. „Die Leute wollen wieder Kultur erleben und auch die Musikschüler brauchen Auftritte und ihren Spaß“, weiß er.

Zu Igor Gryshyn kommen Menschen, die sich fürs Klavierspiel begeistern

Ingmar Warpakowski kann es noch gar nicht glauben. „Heute wird’s ernst“, erklärt er und scheint es gar nicht fassen zu können, dass er gleich mit einem Crashkurs starten wird. Er begrüßt zehn Erwachsene, die in den kommenden acht Wochen lernen wollen, Lieder auf der Gitarre zu begleiten. „Ich freue mich immer“, sagt er, „wenn sich jemand für ein Instrument begeistert.“

Zu Igor Gryshyn kommen Menschen, die sich fürs Klavierspiel begeistern. „Insgesamt ist die Situation für Musiker nicht optimal“, beklagt er. „Aber es geht. Im Unterricht kommen wir uns nicht unmittelbar in die Quere.“ Und falls der Lehrer doch näher an den Schüler herantreten muss, geht das eben nur mit Maske. „Ansonsten“, betont Schulleiter Andreas Hardelt, „muss im Unterricht keine Maske getragen werden.“

Aktuell wird an der Köthener Musikschule noch viel bei offenem Fenster geprobt

Igor Gryshyn versucht, verstärkt auf Distanz zu arbeiten, spielt vor, muss trotzdem vieles zeigen – und der Schüler sich vieles abschauen. Aber immer sei das nicht möglich. „Das ist schon auch ein physischer Prozess“, beschreibt er die Arbeit am Klavier, wo die richtige Haltung von Händen und Fingern mit entscheidend ist. Ganz ohne Nähe funktioniere der Unterricht deshalb nicht.

Aktuell wird an der Köthener Musikschule noch viel bei offenem Fenster geprobt. Das hält auch Ralf Schützendübe so, der Schlagzeug und Klavier unterrichtet und Tasten und Knöpfe jedes Mal nach und vor Gebrauch akribisch desinfiziert. „Der Winter“, fürchtet er, „könnte problematisch werden.“ Die Erkältungszeit steht vor der Tür. Was dann wird, weiß niemand. „Es ist oft ein Drahtseilakt, wenn man es allen Seiten recht machen will“, ergänzt Andreas Hardelt. (mz)