„Eine schöne Mischung“

Künstler aus Köthen bekommen erneut eine Online-Bühne

Zum vierten Mal digital ausgestrahlt, will die Veranstaltung Künstler aus Köthen und der Region zusammenbringen und zeigen, was sie gerade tun.

Von Sylke Hermann
Steffen Fischer bereichert den vierten digitalen „Blickwechsel“ mit Dudelsackmusik und Kofferbühne. (Foto: Christian Ratzel)

Köthen - Immerhin. Er hatte wenigstens richtige Zuschauer. Wenn auch nur zwei. Aber Hannes Schöbel und Michel Fischer, elf und zehn Jahre alt, unterstützen den Künstler nach Kräften, raten mit, komplettieren auf diese Weise die illustre Runde um Johann Sebastian Bach und erleben nicht nur Dudelsackmusik, sondern sogar ein Feuerwerk.

All das in Kofferform auf der vermutlich „kleinsten Bühne der Welt“, die Steffen Fischer an diesem Sonntagnachmittag dem Publikum vorstellt, das sich daheim vor den Bildschirmen versammelt und den inzwischen vierten digitalen „Blickwechsel“ verfolgt.

Das 2019 geschaffene Format will Kulturakteure und Initiativen aus Köthen und der Region zusammenbringen und dazu einladen, auf Entdeckungsreise durch die Stadt und die Region zu gehen. Damals noch draußen mit Tausenden Gästen. Nun seit über einem Jahr digital.

Zwischen den Teilen sind jeweils 15 Minuten Pause, in denen im Saal neue Protagonisten ihre Positionen einnehmen

Doch egal wie die Inhalte ihr Publikum erreichen: „Die Idee ist, zu zeigen, wer sich alles engagiert und mit welchen Projekten“, erklärt Ines Schmiegel, die Leiterin Gesamtkoordination der Schlossbund-Projektgruppe. Es geht um „neue Kulturen des Miteinanders“.

Und all das wird im Trafo-Programm unter der Überschrift „Modelle für Kultur im Wandel“ gebündelt. Hörfunkjournalistin Friederike Schicht, 1991 in Köthen geboren, moderiert am Sonntag drei Stunden Programm. Es sind drei Teile: Fürstlich in den Nachmittag, Musikalisch am Nachmittag und Zauberhaft in den Abend. Zwischen den Teilen sind jeweils 15 Minuten Pause, in denen im Saal neue Protagonisten ihre Positionen einnehmen.

Dreistündiges Programm beim „Blickwechsel im Schloss Köthen“

Dirk Hammer von Rondo la kulturo eröffnet auf Stelzen den Nachmittag: „Aufgepasst, hergehört, hingesehen – willkommen zum Blickwechsel im Schloss Köthen.“ Fürst Leopold von Anhalt-Köthen ist gekommen und wundert sich über all die „unbekannten Geräte und Apparate, die hoffentlich dazu beitragen, dass alle an diesem Spektakel teilnehmen können“. Ein Spektakel, das zeigen will, was die Kulturschaffenden in der Stadt und darüber hinaus während der Corona-Pandemie auf die Beine stellen.

Da ist zum Beispiel Juliane Naumann, die mit Schwarz-Weiß-Fotos auf die „existenziell bedrohliche Lage“ vieler Künstler hinweist. Die Debatten der vergangenen Monate, sagt sie, hätten einen „ernüchternden Blick auf den Stellenwert von Kunst in unserer Gesellschaft“ geworfen. Eines ihrer Fotos zeigt zum Beispiel den Pianisten Christoph Reuter und sendet die Botschaft „Wie sie sehen, hören sie nichts – Pianissimo ist doof“.

Zum ersten Mal in der „Blickwechsel“-Geschichte geht es sogar tierisch auf der Bühne zu

Nun ist Christoph Reuter in Köthen und will positive Stimmung verbreiten – trotz Corona-Pandemie. Entweder sei „alles doof, dann setze ich mich in eine Ecke und weine“ oder man sagt sich: „Es bringt jetzt nichts, sich über Dinge, die man nicht ändern kann, aufzuregen.“ Auf zu neuen Ufern, ist seine Maxime. Da er nicht spielen kann, hat er ein Buch geschrieben, „ein sehr positives Buch“.

Der Titel: „Alle sind musikalisch – außer manche.“ Und es gibt ein neues Projekt mit der Musikschule „Johann Sebastian Bach“, das er gemeinsam mit deren Leiter, Andreas Hardelt, vorstellt. Es geht dabei um eine Verbindung von Stummfilm und Musik. Die Teilnehmer sollen lernen zu improvisieren. Und am Ende kommen auch dort, ganz dem „Blickwechsel“-Motto folgend, viele verschiedene Akteure zusammen.

Zum ersten Mal in der „Blickwechsel“-Geschichte geht es sogar tierisch auf der Bühne zu. Der Akener Jochen Träger-Krenzola ist mit seiner Tiershow zu Gast und hat Mühe, seine Schützlinge im ungewohnten Rampenlicht zu animieren, ihre Kunststücke zu zeigen.

Für den Akener Jochen Träger-Krenzola sind es auf den Tag genau acht Monate, in denen er keinen einzigen Live-Auftritt hat

Doch mit Leckerli und dramatischer musikalischer Untermalung von Christoph Reuter am Klavier sorgen Katzen, Hunde, Tauben und sein Papagei für einen unterhaltsamen, etwas anderen Abschluss der Übertragung.

„Solche Veranstaltungen“, sagt der Tiertrainer, „habe ich normalerweise weniger auf dem Schirm.“ Normalerweise wäre Jochen Träger-Krenzola auch gar nicht zu Hause, sondern irgendwo mit einem Zirkus unterwegs. Doch lange ist’s her. Für den Akener auf den Tag genau acht Monate, in denen er keinen einzigen Live-Auftritt hat. „Ich freue mich wahnsinnig, hier zu sein.“

Eine bunte Mischung an Künstlern hat sich präsentiert

„Es gibt nichts Schlimmeres für einen Künstler“, betont Björn Hain, Sänger aus Aken, „seiner Leidenschaft nicht nachgehen zu können – und das ist das, was uns seit über einem Jahr auf der Seele brennt.“ Darauf will dieser „Blickwechsel“, technisch von Megaton begleitet, mit jeder Minute, die übertragen wird, hinweisen. „Wir hatten noch nie so viel Programm“, sagt Ines Schmiegel. Und das sei „eine ganz schöne Herausforderung gewesen“. Aber: „Wir wollten viel von Trafo zeigen.“ Drei Stunden lang.

Die Köthenerin könnte sich vorstellen, die digitalen Formate auch in Zukunft beizubehalten. Allerdings ergänzend zu Veranstaltungen mit Publikum, was schon „etwas Besonderes“ sei. „Das macht viel mehr Spaß.“ Dennoch ist sie überzeugt, auch digital am ersten Sonntag im Mai „eine schöne Mischung“ präsentiert zu haben. (mz)

Im Veranstaltungszentrum wird der „Blickwechsel“ aufgezeichnet.
(Foto: Christian Ratzel)
Die Hörfunkjournalistin Friederike Schicht moderiert die Veranstaltung.
(Foto: Christian Ratzel)