Jörg Bagdahn im Interview

Jörg Bagdahn im Interview: Wie Hochschule Anhalt zur Lehre vor Ort zurückkehren will

Köthen - Das coronabedingte Online-Semester der Hochschule Anhalt zeigt, wie wichtig die Lehre vor Ort ist. Ein Interview mit Präsident Jörg Bagdahn.

26.07.2020, 10:00

Hinter der Hochschule Anhalt liegt ein außergewöhnliches Semester. Vorlesungen im Hörsaal durften nicht stattfinden, ebenso Übungen in Labor und Werkstatt. Die Corona-Krise mit ihren Einschränkungen machte den klassischen Hochschulbetrieb unmöglich.

Die Lehre passierte im Internet. Zeit, um einen Plan zu erarbeiten, hatte die Hochschule nicht. Der Studienalltag musste nahtlos weitergehen. MZ-Redakteurin Stefanie Greiner hat mit Hochschulpräsident Prof. Jörg Bagdahn darüber gesprochen, wie die Hochschule mit dieser Herausforderung umgegangen ist.

„Am Anfang war das auch für uns Neuland“

Wie lief das Sommersemester?
Prof. Jörg Bagdahn: Am Anfang war das auch für uns Neuland. Doch es hat erstaunlich gut funktioniert. Als Hochschule haben wir - verglichen mit Schulen - eine komfortable Situation: Wir haben einen eigenen Fachbereich Informatik, Professoren im Bereich Informationstechnologie und einen IT-Service-Bereich.

Die Kollegen haben in kurzer Zeit die benötigten Strukturen aufgesetzt. Wir haben außerdem noch einige externe Server angemietet, damit das entsprechende Datenvolumen zur Verfügung steht, um die Vorlesungen durchführen zu können. Es waren täglich 300 bis 500. Wir haben am Anfang verschiedene Systeme dafür getestet. Zwei haben sich herauskristallisiert.

Wie kamen Studenten und Dozenten zurecht?
Prof. Jörg Bagdahn: Wir haben schon ganz am Anfang des Semesters eine Umfrage gemacht - sowohl bei den Studierenden als auch bei den Lehrenden. Das haben wir zum Ende des Semesters wiederholt. Von den Studierenden gab es eine positive Rückmeldung. Vor allem, weil man sich eine Vorlesung im Nachgang noch einmal anschauen konnte.

Um den Studierenden ein bisschen entgegenzukommen, gibt es bei den Prüfungen einen zusätzlichen Versuch. Für unsere Lehrenden war es eine Herausforderung, von einem Präsenzunterricht auf einen Onlineunterricht umzustellen. Was jedoch durchgehend als Problem angesprochen wurde, ist, dass die persönliche Interaktion fehlt.

Konnten trotz Corona-Bedigungen alle Studieninhalte abgedeckt werden?

Hatten denn überhaupt alle die technischen Möglichkeiten, um am Online-Semester teilzunehmen?
Prof. Jörg Bagdahn: Auch dazu haben wir am Anfang eine Befragung bei Studierenden und Lehrenden durchgeführt. Es gab nur wenige Fälle, bei denen das Datenvolumen nicht ausreichte. Wir hatten viele Studierende, die nicht einreisen konnten. Ich hatte Photovoltaik-Vorlesungen, bei denen waren außer zwei Studierenden alle im Ausland.

Von Brasilien bis nach Indien und Bangladesch. Sie hatten alle keine technischen Probleme. Es war dann vielmehr die zeitliche Herausforderung. Ein Brasilianer hat sich beschwert. Meine Vorlesung war früh um acht. Das war für ihn nachts um drei. Die Studierenden mussten ihren Tagesrhythmus umstellen.

Konnten alle Studieninhalte abgedeckt werden?
Prof. Jörg Bagdahn: Wir haben schon Ende März ein sogenanntes flexibles Studienjahr erlassen. Das heißt, dass die einzelnen Studiengänge die Lehrangebote aus diesem und dem nächsten Semester flexibel hin und her schieben konnten. Die Fachbereiche haben teilweise Vorlesungen aus dem Wintersemester vorgezogen und den praktischen Teil verschoben.

Wir haben viele Studiengänge, bei denen die Hälfte der Inhalte im Labor vermittelt wird oder bei der praktischen Tätigkeit. Seit dem 4. Mai können wir wieder Praktika durchführen. Die Erfahrungen der Lehrenden und die Rückmeldung der Studierenden haben aber auch deutlich gemacht, dass in vielen Bereichen ein Präsenzbetrieb für eine Hochschule der angewandten Wissenschaften unerlässlich ist.

Unter Einhaltung der coronabedingten Abstands- und Hygiene-regeln konnten einige Präsenzveranstaltungen der Hochschule Anhalt bereits im Sommersemester stattfinden. In Hörsälen war jede zweite Reihe gesperrt, außerdem immer zwei Sitze zwischen den Plätzen, damit die Studenten mit dem nötigen Abstand sitzen konnten.

Für das Wintersemester ist geplant, mit Markierungen zu kennzeichnen, welche Plätze in Hörsälen genutzt werden können und welche nicht. „Wenn die Abstände nicht eingehalten werden können, müssen alle Teilnehmer - mit Ausnahme der Lehrenden - eine Mund-Nasen-Bedeckung tragen“, sagt Hochschulpräsident Jörg Bagdahn.

Was ist für das Wintersemester an der Hochschule Anhalt geplant?

Wie geht es im Wintersemester weiter?
Prof. Jörg Bagdahn: Wir kehren zu einem überwiegenden Präsenzbetrieb als Hochschule zurück. Für die Studierenden der ersten Fachsemester ist die Vorgabe, dass Präsenzveranstaltungen stattfinden. Wir planen weiterhin Kombinationen - Präsenzvorlesungen, Hybridveranstaltungen, reines Onlineangebot.

Für die internationalen Studiengänge haben wir vorgeschrieben, dass es immer eine Hybridveranstaltung sein muss. Also Präsenzvorlesungen und Onlineangebot. Denn ein großer Teil ausländischer Studierender wird nicht einreisen können. Im Sommersemester war das etwas entspannter. Da immatrikulieren wir in der Regel so zehn, 15 Prozent unseres gesamten Jahres. Das Wintersemester ist mit Abstand der wichtigere und größere Immatrikulationszeitpunkt.

Es wird zusätzlich zu den Präsenzveranstaltungen auch einige Onlineveranstaltungen geben. Die Planung wird natürlich schwierig. Es wird Onlinetage und Präsenztage geben. Die Fachbereiche liefern die Daten bis Ende Juli und unsere Studien- und Servicecenter werden die Herausforderung angehen, daraus eine Raumplanung zu machen. Wir empfehlen allen Studierenden, sich eine Wohnung oder ein Zimmer am Studienort zu nehmen. Auch um unnötige Reisetätigkeiten zu vermeiden.

Geht die Hochschule gestärkt aus der Corona-Krise heraus?
Prof. Jörg Bagdahn: Wir gehen dahingehend gestärkt aus dieser Krise heraus, als dass wir uns mit dem Thema E-Learning in den letzten Monaten sehr intensiv beschäftigt haben. Das hat einen großen Schub gegeben - aufgrund der Notwendigkeit, die es gab. Das wird vor allem unseren berufsbegleitenden Studienangeboten nützen. Für die Bindung zu den Studierenden jedoch sind Präsenzveranstaltungen wichtig. Sonst gibt es keine Identifizierung mit der Hochschule. (mz)