Anhalt-Bitterfeld

Anhalt-Bitterfeld: Im Stillen auf dem Vormarsch

KÖTHEN/MZ. - Langsam ist, genau betrachtet, freilich nicht der ganz korrekte Begriff. Vielmehr geht es in dem Bau zügig voran - und das, obwohl der Architekt und Planer Stuve schon einiges von Überraschungen und Widrigkeiten des Bauens im Denkmalbereich zu berichten weiß. Da finde man Fundamente, wo keine sein sollten, auch Leitungen, die in keinem Plan verzeichnet sind. Längst hat es sich als vorteilhaft erwiesen, dass mit Stuves Firma AAD ein Partner im Boot des Musikschul-Projektes sitzt, der das Objekt Marstall seit einem Dutzend Jahren betreut und es mittlerweile wie seine Westentasche kennt. Auch dies dürfte ein Grund dafür sein, wenn Stuve mit Gelassenheit feststellt: "Die Überraschungen ergeben kein Risiko für die ...

Von MATTHIAS BARTL 28.07.2010, 17:57

Langsam ist, genau betrachtet, freilich nicht der ganz korrekte Begriff. Vielmehr geht es in dem Bau zügig voran - und das, obwohl der Architekt und Planer Stuve schon einiges von Überraschungen und Widrigkeiten des Bauens im Denkmalbereich zu berichten weiß. Da finde man Fundamente, wo keine sein sollten, auch Leitungen, die in keinem Plan verzeichnet sind. Längst hat es sich als vorteilhaft erwiesen, dass mit Stuves Firma AAD ein Partner im Boot des Musikschul-Projektes sitzt, der das Objekt Marstall seit einem Dutzend Jahren betreut und es mittlerweile wie seine Westentasche kennt. Auch dies dürfte ein Grund dafür sein, wenn Stuve mit Gelassenheit feststellt: "Die Überraschungen ergeben kein Risiko für die Kostenplanung."

Rohbau fast fertig

Am 12. April ist mit Abbrucharbeiten der "scharfe Start" für die Millionen-Baumaßnahme erfolgt, am 17. Mai sind die Hauptgewerke hinzugestoßen und heute ist der Rohbau im Inneren fast fertig. Das alles hat sich der öffentlichen Aufmerksamkeit weitgehend entzogen, "weil kaum einer gemerkt hat, dass hier gebaut wird", sagt Armin Schenk, dem als Geschäftsführer der in Bitterfeld ansässigen landkreiseigenen Entwicklungs- und Wirtschaftsförderungsgesellschaft (EWG), die Projektbetreuung obliegt. Mitte Dezember, da sind Schenk und Stuve zuversichtlich, soll die Einweihung der neuen Musikschule im historischen Haus sein, "aber verbindlich ist das noch nicht." Außerdem wird bis dahin auf alle Fälle der Orchesterproberaum noch nicht komplett einsatzfähig sein. "Wir werden diesen Raum aber im Rohbau fertig haben", sagt Heinfried Stuve, "mit allen Installationen." Die Fertigstellung des Proberaums hängt auch davon ab, wie der Förderverein für die Musikschule mit dem Einwerben der Spendengelder für die Gestaltung vorankommt: 60 000 Euro wollen die Frauen und Männer um Vereinsvorsitzenden Georg Heeg akquirieren - keine leicht zu bewerkstelligende Aufgabe, an der man aber intensiv arbeitet und bei deren Erfüllung auch die Musikschule Bitterfeld schon mitgeholfen hat. Die "Randlage" des Orchesterproberaums macht es allerdings gut möglich, hier später, also nach der offiziellen Einweihung, noch aktiv werden zu können.

Bis dahin bleibt auch in den anderen Bereichen noch genug zu tun. Im Erdgeschoss wird derzeit der Boden ausgehoben, um die Bodenplatte gießen zu können. Im ersten Geschoss ist der Trockenbau dabei, die Abtrennung der einzelnen Räume vorzunehmen. Die Trennsegmente werden mit speziellen Schallschutzplatten beplankt, denn der Bau muss für seine Nutzung als Musikschule ein Höchstmaß an akustischer Belastung aus- und abhalten. "Wir erreichen hier 60 Dezibel an Schallschutz", sagt Heinfried Stuve. "Mehr geht nicht. Wir reden nicht über schalltote Räume, sondern über Schallschutzmaximierung." Man könne "nur noch Nachhallzeit wegnehmen", aber zu viel Reduktion der Nachhallzeit brächte es nur mit sich, "dass die Kinder dann lauter spielen, weil sie sich nicht hören". Daher gehört auch ein organisierter Schallschutz zur Musikschule - die Belegungsplanung in einer Abstufung von laut nach leise spielt eine entscheidende Rolle, weil man, übertrieben gesprochen, nicht die Trompete neben die Triangel platzieren darf.

Das freilich sind die kleineren Klippen. Mehr Sorgen haben - über einen längeren Zeitraum hinweg - die Anforderungen des Brandschutzes gemacht. Da spricht Stuve von "zusätzlichen Angstmaßnahmen", die gefordert worden waren. Die Prüfinstanzen, beklagt er, hätten oft keine Lust, an Kompromisslösungen mitzuarbeiten. Manchmal freilich setzen sich clevere Lösungen aber doch durch: "Wir hätten innerhalb von fünf Jahren die vierte neue Treppe ins Obergeschoss bauen müssen", erinnert sich Stuve. Es wird eine neue Treppe geben, die vom Foyer ins Obergeschoss führt, außerdem gibt es eine zum Friedemann-Bach-Saal und zehn Meter weiter die nächste. Die vierte Treppe sollte - brandschutzgefordert - dorthin, wo nun stattdessen ein Lift eingebaut wird, der sowohl den zum Veranstaltungszentrum gehörenden Friedemann-Bach-Saal als auch die Musikschule behindertengerecht erschließt. Und die räumliche Ankopplung der Musikschule an den Saal eröffnet die Möglichkeit, dort leicht erreichbare Konzerte geben zu können. Hier wurden gleich mehrere Fliegen mit einer Klappe geschlagen.

95 Prozent Altsubstanz

Bemerkenswert ist, dass in dem Gebäude auch sehr viel der alten originalen Substanz erhalten geblieben ist und auch nach dem umbau erhalten bleibt. "Hier ist zu 95 Prozent Altsubstanz von 1756 drin", sagt Heinfried Stuve. "Die Decken, die Dachkonstruktion und anderes mehr." Zum Beispiel 14 Schiebefenster aus der ursprünglichen Bauzeit, die identisch sind mit denen im Wörlitzer Schloß. 2004 hatte man die alten Balken gerettet, in dem die verfaulten Balkenköpfe abgesägt wurden - glücklicherweise saßen sie tief genug in der Wand, um auch nach der Operation noch genügend Auflage und Tragfähigkeit zu bieten.

Ganz abgesehen davon haben die Altvorderen derart solide Balken genommen, dass diese neben der Statik auch heute noch die modernen Brandschutzanforderungen erfüllen. "Das ist", sagt Projektleiterin Britta Jürgens, "Brandschutzklasse F 60 - die müssen im Brandfall 60 Minuten halten. Das schaffen die."