Hilfsaktion

Ukraine-Krieg: Initiativgruppe Jessen unterstützt mit zielgerichteter Fleißarbeit Wittenberger Verein

Welle der Hilfsbereitschaft ist riesengroß. Geflüchtete Menschen aus Ukraine werden aus Berlin abgeholt.

Von Thomas Tominski Aktualisiert: 11.03.2022, 10:21
Deike Gottwald  und  Robert  Kühn gehören  mit  zur  Initiativgruppe Jessen,  die den  Wittenberger Verein  „Ukraine Soforthilfe“ unterstützt.
Deike Gottwald und Robert Kühn gehören mit zur Initiativgruppe Jessen, die den Wittenberger Verein „Ukraine Soforthilfe“ unterstützt. Foto: Thomas Tominski

Jessen/MZ - Die Begegnung am Berliner Hauptbahnhof geht Robert Kühn nicht aus dem Kopf. „Wir haben mehrere Runden mit dem Auto vor dem Gebäude gedreht“, erzählt der Chef einer Jessener Garten- und Landschaftsbaufirma, der von einer ukrainischen Initiativgruppe aus der Hauptstadt die Anfrage erhalten hat, ob er nicht geflüchtete Menschen in der Region aufnehmen kann.

Dann passiert es: Aus dem Bahnhof treten eine 85-jährige Frau und ihre beiden Kinder. Kühn betont, dass die Verständigung auf dem Weg nach Arnsdorf schwierig gewesen ist. Erst vor Ort habe der Sohn der Seniorin sich in fließendem Englisch für den Transport und die unkomplizierte Aufnahme bedankt. „Das sind bewegende Momente“, blickt der Geschäftsmann auf die Begegnung am Mittwochabend zurück. „Es ist prinzipiell schlimm, über einen Krieg in Europa überhaupt nachdenken zu müssen.“

15 Transporter beladen

Deike Gottwald vom gleichnamigen Ford-Autohaus und Kühn, die mit zur (bisher) vierköpfigen Initiativgruppe „jessen-hilft“ gehören, erzählen, dass ihr Aufruf in den sozialen Medien und der Artikel in der Mitteldeutschen Zeitung eine Flut der Hilfsbereitschaft ausgelöst haben. „Diese Welle hat uns sprichwörtlich überrollt“, sagen sie, die von einem Geschäftsfreund zur Verfügung gestellte 500 Quadratmeter große Halle sei sehr gut gefüllt.

„Seit Montag haben wir 15 Transporter beladen“, sagt Deike Gottwald, die Spendenbereitschaft der Menschen aus der Region ist teilweise so gewaltig, „dass ich den Tresen im Autohaus kaum noch erreicht habe“.

Kühn betont, dass die Gruppe aus der Elsterstadt im Verein „Ukraine Soforthilfe Wittenberg“ integriert ist - der Unternehmer und seine Schwester gehören zum Vorstand mit dem früheren Europaabgeordneten Arne Lietz an der Spitze (die MZ berichtete) -, damit die Hilfe zielgerichtet ankommt. „Blinder Aktionismus bringt nichts“, so Kühn, der erstaunt ist, wie schnell sich ein Netzwerk aufbaut und wie klein plötzlich bürokratische Hürden sein können.

Die beiden Jessener erzählen, dass ihre Arbeit derzeit in drei Schwerpunkte untergliedert ist - Annahme der Spenden, aktive Flüchtlingshilfe und Unterstützung von geflüchteten Menschen in Polen und der Slowakei. Nach Sondierung der Lage soll Ende kommender Woche der erste Transporter voll Hilfsgüter ins benachbarte Polen rollen.

Kühn erzählt, dass die eingangs erwähnte Flüchtlingshilfe mit der Abholung in der Bundeshauptstadt nach folgendem Schema abläuft. Die Initiativgruppe aus Berlin möchte anhand einer Dokumentation genau wissen, wo ihre Landsleute künftig untergebracht werden. Erst nach Überprüfung der Fakten wird ein Termin vereinbart. Dies passiert dann „von gleich auf jetzt“.

Beschriftung erwünscht

Damit die Arbeit noch effektiver und zielgerichteter über die Bühne gehen kann, ist es wünschenswert, dass die Spender den Inhalt von Tüte oder Karton per Schriftzug auf der Außenseite vermerken. Trotz aller Hilfsbereitschaft landen manche Dinge auch in der Müllecke. Gottwald und Kühn erzählen von angefangenen Hygieneartikeln oder verdreckten Sachen.

Diese Aussage kann Sandra Hainke aus Prettin, die mit zu den Unterstützerinnen der Aktion gehört, nur bestätigen. Sie habe einige Dinge aufgrund des schlechten Zustands nicht angenommen. Andererseits: Nach dem Aufruf in der MZ haben Leute aus der Region gut erhaltene Kinderbetten oder -sachen, Spielzeug, Windeln, Buntstifte und Malblöcke bei ihr abgegeben.

Für den Weitertransport zur Sammelstelle in Jessen hat das Autohaus Gottwald gesorgt. „Jetzt ist meine Garage zu Hause erst einmal leer“, berichtet Sandra Hainke.

Zur Unterbringung geflüchteter Menschen aus der Ukraine stehen der Initiativgruppe derzeit sieben möblierte Wohnungen zur Verfügung. Wie Kühn betont, geht die Suche nach Unterkünften weiter. Bei Leerstand werden diese von den Helfern der Gruppe - davor erfolgt eine Sichtung und Beurteilung der Einrichtungsgegenstände - vollständig eingeräumt. Gottwald und Kühn berichten, dass die Arbeit Spaß macht, da sie zielgerichtet vonstatten geht.

An manchen Tagen, geben beide ehrlich zu, ist die Leistungsgrenze erreicht. „Wir wollen hier eine Struktur schaffen, die dauerhaft funktioniert.“ Dafür benötigen sie viele helfende Hände.