Ferienaktion in Lindwerder

Ferienaktion in Lindwerder: Sympathie auf beiden Seiten des Alpakazaunes

Lindwerder - 31 Kinder des Jugendclubs „Zuflucht“ Elster besuchen den Alpaka-Hof Lindwerder. Warum Hengste zum Zahnarzt müssen und wofür die Wolle genutzt wird.

Von Thomas Tominski 21.10.2020, 09:22

Die Kommandos von Andreas Nitsche sind nicht zu überhören. „Immer auf die rechte Seite stellen und die Leine schön kurz halten“, ruft der 53-Jährige den Kindern aus dem Jugendclub Elster zu, die gemeinsam mit den Alpakas auf den Startschuss zur gemeinsamen Wanderung rund um Lindwerder warten. „Angefangen“, erzählt Nitsche, der den Erlebnishof mit Ehefrau Michaela betreibt, „hat alles bei meiner Reha in Bad Kösen.“

Dort hat er mit diesen Tieren gearbeitet und sie ins Herz geschlossen. Der 53-Jährige ruft seine Frau an und fordert sie auf, einen Pferdeanhänger mitzubringen. Auf der Rückfahrt stehen zwei Hengste im Anhänger, die Gründung von Heide-Alpaka ist vollzogen. „Inzwischen sind es 25“, sagt Michaela Nitsche, die explizit betont, dass es keine Kuscheltiere sind.

Die aus den südamerikanischen Anden stammenden Alpakas sind eher sensibel und suchen sich ihre Kontaktperson selber aus. Beide sind erstaunt, dass vor allem Menschen mit Handicap schnell Zugang zu den Tieren finden. „Schön leise“, ermahnen sie die 31 Kinder vor der ersten Begegnung, die gespannt über die Wiese laufen.

Keine Berührungsängste

Der Bann ist schnell gebrochen. Die Hengste geben bald ihre Wagenburgmentalität auf und gehen auf ihre Gäste zu. Fabienne Köber aus Elster gehört zu den ersten Kindern, das einem Alpaka über den Kopf streichelt. „Ganz schön flauschig“, meint die Achtjährige und ergänzt, dass sie „überhaupt keine Angst“ gehabt habe. So ein Tier, sagt die Zweitklässlerin aus der Grundschule Elster, sei ihr größter Weihnachtswunsch. Fabienne Köber verbringt die Herbstferien gern im Jugendclub „Zuflucht“. Dort sei es einfach toll und lustig.

Jolie Aulich ist ebenfalls ganz hin und weg. Das Mädchen aus der ersten Klasse zeigt keine Berührungsängste und lobt die Qualität der Wolle. „Die sehen so schön aus“, lautet ihr erstes Urteil. Angst gehabt? „Überhaupt kein bisschen“, sagt sie. Das Eis zwischen Tieren und Kindern ist nun völlig getaut. Die Hengste laufen über die Wiese und holen sich Streicheleinheiten ab.

Devin Plath hat einen ganz besonderen Trick auf Lager, um die Tiere anzulocken. Er streckt ihnen ein Stück Möhre entgegen, das Sekunden später in einem Alpaka-Mund verschwunden ist. Es sei schon interessant, wenn die Zähne seine Hand berühren. „Ich habe sie ganz still gehalten“, sagt er und bezeichnet den Ausflug nach Lindwerder insgesamt als super.

Plath, der im Gräfenhainichener Ortsteil Buchholz wohnt, verbringt einen Teil seiner Ferien bei der Oma in Elster. Er sei vorher noch nie mit Alpakas in Berührung gekommen, die Tiere strahlen eine angenehme Ruhe aus.

Harte Rangkämpfe

Tierpfleger Peter Müller greift sich einen Hengst und öffnet dessen Maul. Ein Alpaka hat nur im Unterkiefer vier Schneidezähne, oben mahlt eine Kauplatte. „Vorteil ist“, erklärt er den Besuchern, „dass sie das Gras nur zupfen und dabei die Grasnarbe nicht verletzen.“

Die hinteren Zähne im Unterkiefer müssen regelmäßig geschliffen werden. Sonst besteht Gefahr, dass sich die Hengste bei Rangkämpfen verletzen. Dabei zeigt er auf einen weißen Alpaka, der hinter einer Baumgruppe versteckt Sicherheitsabstand hält. Dem Paul, sagt er, hat ein anderer Hengst das Ohr geschlitzt. Andererseits, so Müller, sei Paul der Einzige, der ihn am Morgen begrüßt. „Er ist sehr männerbezogen.“ Die Stuten stehen im Übrigen auf einer anderen Koppel.

Vor der Wanderung über sechs Kilometer mit jeweils zwölf Tieren - die Kinder werden in zwei Gruppen eingeteilt - verrät die Chefin noch, was aus der Wolle zum Beispiel hergestellt wird. Einlegesohlen für die Schuhe, Mützen oder die Füllung von Zudecken. „Eignet sich gut für Allergiker. Es müssen nicht immer Gänse- oder Entenfedern sein“, meint Michaela Nitsche, die auch auf Corona zu sprechen kommt.

Es sei zwar über Monate hinweg verboten gewesen, Veranstaltungen durchzuführen, doch Besucher sind trotzdem in Lindwerder gelandet. Diese seien selbstständig auf die Koppel gegangen, die 47-Jährige habe dann vom Zaun aus etwas über die Tiere erzählt. Haben Alpakas natürliche Feinde? „In Südamerika den Puma und hier den Wolf“, erzählt ihr Mann, der weiß, dass sich ein Rudel in der Gegend aufhält.

Endlich! Das Tor öffnet sich und die Kinder laufen mit den Alpakas an der Leine den Weg entlang. „Wenn sie fressen wollen, einfach an der Leine ziehen“, ruft Andreas Nitsche in die Runde. Jugendclub-Betreuerin Sabine Hoffmann: „Die Kinder sind richtig tiefenentspannt.“ (mz)