Ehrenamt

DRK Mission: Martin Steinert kehrt aus griechischen Flüchtlings-Camps zurück

Klöden - Martin Steinert aus Jessen ist von vierwöchiger DRK-Mission in zwei Flüchtlingscamps im Norden von Griechenland zurückgekehrt.

Von Detlef Mayer 30.01.2017, 05:00

„Es war anstrengend, aber sehr interessant“, sagt der Jessener Allgemeinmediziner Martin Steinert über seinen jüngsten Auslands-Hilfseinsatz. Rund vier Wochen war er über den Jahreswechsel für das Deutsche Rote Kreuz in zwei Flüchtlingslagern im Norden Griechenlands aktiv, um die medizinische Versorgung der dort lebenden, meist syrischen Menschen mit sicherzustellen.

„Man bekommt viel mehr zurück, als man bei solch einem Einsatz persönlich investiert. Trotz der vielen Ethnien war es ein recht entspanntes, harmonisches Miteinander“, resümiert der Arzt, der inzwischen wieder seine Praxis in Klöden betreibt. „Es war zwar jede Menge ,Papierkrieg’ zu bewältigen, im Vorfeld und vor Ort in Griechenland, aber das ist die Sache wert.“

Im Zusammenhang mit seiner Praxisschließung für den Griechenland-Aufenthalt dankt der 54-Jährige noch einmal der Ärzteschaft aus Jessen und Umgebung dafür, dass sie „meine Patienten übernommen hat, obwohl sie wie immer selbst genug zu tun hatte“.

Martin Steinert agierte rund eine Woche im Flüchtlingscamp Kordelio und drei Wochen in Nea Kavala, wo hauptsächlich Familien mit Kindern in Containern und Zelten leben. In beiden Lagern halten sich aktuell etwa jeweils tausend Menschen auf. Im Sommer waren es noch drei- bis viertausend.

Martin Steinert hat einige ihm wichtige Hintergrund-Zahlen zusammengetragen: Rund 22 Millionen Einwohner hat Syrien. Fünf Millionen davon sind wegen des Krieges inzwischen ins Ausland geflohen und 6,6 Millionen befinden sich innerhalb Syriens auf der Flucht (wegen der verschiedenen Einflusszonen, in die das Land zerstückelt wurde) - das ist insgesamt etwa die Hälfte aller Einwohner. 62.000 Flüchtlinge etwa befinden sich in Griechenland, über eine Million im Libanon, 600.000 in Jordanien und drei bis vier Millionen in der Türkei. Syrien hat bislang 500.000 Tote zu beklagen und zwei Millionen Verletzte. Die Lebenserwartung ist in fünf Jahren von 70 auf 55 Jahre gesunken. Und die Arbeitslosigkeit im Land liegt bei 58 Prozent.

Viele Infektionen, muskuläre Krankheiten, Magenbeschwerden, Asthma und Depressionen waren und sind dort zu behandeln - ein Drittel der Patienten sind Kinder. Außerdem gilt es, etliche Schwangere zu betreuen. „2016 ist das Hygiene-Team großangelegt gegen Läuse und Krätze vorgegangen, die bedingt durch die lange Flucht der Leute auftraten“, berichtet der Jessener Arzt.

„Beides ist jetzt selten.“ Auf der Agenda standen in der Folge Impfungen gegen Hepatitis und Grippe sowie fürs Wohlergehen der Kinder. Ein Arbeitstag dauerte für Martin Steinert von 8 bis 17.30 Uhr. Im Schnitt waren täglich 30 bis 40 Patienten zu behandeln. „Jeder einzelne Fall hat viel Zeit in Anspruch genommen, weil stets aus dem Arabischen ins Englische übersetzt werden musste und wieder zurück“, erklärt der 54-Jährige den großen Aufwand.

„Immer dabei waren eine Krankenschwester und eine Hebamme. Das Dänische Rote Kreuz hatte eine psychologische Betreuung eingerichtet.“ Später sei auch griechisches medizinisches Personal hinzugezogen worden. Überhaupt gehöre das Delegieren von Aufgaben zur Strategie des Roten Kreuzes: So übernahmen die syrischen Flüchtlinge Reinigungsarbeiten, Ordneraufgaben im Camp und das Dolmetschen.

Zum diensthabenden System gehörten außerdem ein Wasser- und Sanitärteam, Hygieniker, Techniker und Fahrer. „Das DRK arbeitet in Griechenland unter Bedingungen wie sonst vielleicht in Flüchtlingscamps in Afrika. Warum das so sein muss, ist mir nicht verständlich. Im Winter hat Griechenland viele freie Hotelbetten. Dort könnten Flüchtlinge aus den Containern einziehen.“

„Ich war dort in drei Welten gleichzeitig“, so Steinert rückblickend: der griechischen, der arabischen und der Welt der internationalen Akteure. Im Hotel in Kilkis traf er auf finnische und Helfer anderer Nationen, die ständig auch mit Koordinierungsaufgaben befasst waren und dafür Computer nutzten.

In Griechenland tobte derweil „einer der härtesten Winter seit 1946“ mit Temperaturen bis minus 15 Grad. „Es gab zwei Tage Sturm, Zelte sind weggeflogen, Stromleitungen zerrissen.“ Und die Syrer müssen nach ihrer Registrierung ein Dreivierteljahr auf eine eventuelle Weiterreise in ein anderes europäisches Land warten.

„Die Zeit würden sie gern nutzen, um die Sprache des Aufnahmelandes zu lernen, aber sie wissen nicht, wohin sie kommen“, beschreibt der Jessener ihr Dilemma. „Eine Rückkehr nach Syrien ist für sie keine Option.“

Steinert sah sich in Griechenland nicht nur als Arzt und Repräsentant des DRK, sondern auch in der Rolle des Hoffnungsschimmers für alle Flüchtlinge, die sich als Familie in Deutschland wiederfinden möchten. „Man sagt immer ,die Flüchtlinge’, aber dahinter verbergen sich viele einzelne Schicksale, die einen anrühren.“ (mz)