Zocken fürs Wohlbefinden

Zocken fürs Wohlbefinden: Wieso Computerspielen für Rentner einen Therapie sein kann

Halle (Saale) - Der Tischtennis-Ball fliegt im Schmettertempo über die Platte. Ein Lächeln blitzt im Gesicht von Gisela Herden auf. Ein leises „Ja“ ist zu vernehmen. Doch die 79-Jährige kann sich nur einen winzigen Moment der Freude gönnen. Denn ihr Hochgeschwindigkeits-Angriff wurde pariert. Und zwar von Erika Tomas, ihrer Gegnerin. Die 80-Jährige schnibbelt den Ball mit Drall zurück. Das Spiel ist ein stetiges Hin und Her, eine richtig knappe ...

Von Julius Lukas 13.02.2019, 11:00

Der Tischtennis-Ball fliegt im Schmettertempo über die Platte. Ein Lächeln blitzt im Gesicht von Gisela Herden auf. Ein leises „Ja“ ist zu vernehmen. Doch die 79-Jährige kann sich nur einen winzigen Moment der Freude gönnen. Denn ihr Hochgeschwindigkeits-Angriff wurde pariert. Und zwar von Erika Tomas, ihrer Gegnerin. Die 80-Jährige schnibbelt den Ball mit Drall zurück. Das Spiel ist ein stetiges Hin und Her, eine richtig knappe Kiste.

Dabei stehen die beiden Seniorinnen am Dienstagvormittag zum ersten Mal in ihrem Leben an einer Tischtennisplatte. Wobei, eine richtige Platte ist es gar nicht. Und einen echten Ball gibt es auch nicht. Denn bei dem Ping Pong-Duell der Damen handelt es sich um ein Computerspiel.

Alles ist virtuell. Die Kellen steuern Herden und Tomas mit ihren Händen. Eine Kamera zeichnet die Bewegungen auf und überträgt sie auf einen Bildschirm. „MemoreBox“ heißt die Anlage. Eine Spielekonsole, speziell konzipiert für Senioren - bisher einmalig in Mitteldeutschland.

Seniorenheim in Halle testet Spielekonsole für Senioren

Das Gerät, an dem gerade die virtuellen Schläger geschwungen werden, steht in der Stiftung Marthahaus in Halle. Ein Seniorenheim, in dem 74 Bewohner leben. Hinzu kommen 50 altersgerechte Wohnungen. Der Häuser-Komplex hat eine eigene Werkstatt, einen Billardraum und einen kleinen Einkaufsladen. Und nun wird das Marthahaus auch zum Testfeld für die Digitalisierung der Pflege.

Denn für mindestens ein Jahr wird die MemoreBox zum Begleiter der Senioren. Es ist ein Pilotprojekt, das von der Barmer Sachsen-Anhalt initiiert wurde. „Die Menschen werden immer älter, das ist eine gute Nachricht“, sagt Axel Wiedemann, Landesgeschäftsführer der Krankenkasse. „Wir stellen uns dabei die Frage: Wie kann es gelingen, beim Älterwerden jung zu bleiben?“

Computerspiele für Senioren - Test wird wissenschaftlich begleitet

Eine Antwort ist eben jene Senioren-Spielekonsole. Entwickelt wurde die vom Hamburger Unternehmen RetroBrain. „Wir sind begeisterte Spieler und glauben nicht, dass der Spieltrieb im Alter verloren geht“, sagt Jens Brandis. Er ist Projektmanager bei RetroBrain und mit zur Präsentation nach Halle gereist.

2014 erzählt er, hätten die Entwicklungen begonnen. Damals war bereits abzusehen, dass Computerspiele für Ältere ein wichtiges Thema werden. Bereits jetzt ist die Altersgruppe der über 50-Jährigen die mit Abstand größte unter den Zockern. Das zeigen Zahlen des Branchenverbandes „Game“.

Zum einen liegt das daran, dass die Computerspieler der ersten Generation gealtert sind. Videospiele kamen als Massenphänomen in den 70er Jahren auf. Wer damals mit dem Daddeln begonnen hat und dabei geblieben ist, gehört heute bereits zu den sogenannten „Silver Gamern“ - also den ergrauten Spielern. Verstärkt wird diese Entwicklung durch neue Geräte wie Tablets, die den Zugang zu Computerspielen stark vereinfachen.

Computerspiele sind für Senioren auch Teil der Pflege

Die Konsole, die im Marthahaus steht, will jedoch über das einfache Zocker-Vergnügen hinaus gehen. Sie soll Teil der Pflege sein. „Uns war wichtig, dass wir das Gerät nicht nur als Zeitvertreib konzipieren, sondern dass es auch einen therapeutischen Nutzen hat“, sagt Jens Brandis.

Deswegen sei die Entwicklung von Beginn an wissenschaftlich begleitet worden. Die erste Testphase wurde von Rehabilitations-Experten der Humboldt-Universität Berlin ausgewertet. Dabei stellten die Forscher eine Stärkung der geistigen und körperlichen Leistungsfähigkeit fest. Zudem wurde das subjektive Schmerzerleben durch regelmäßiges Spielen verringert.

Auf solche Effekte hofft auch Norbert Kreis, der Geschäftsführer des Marthahauses. „Wir sehen die Box weniger als Computerspiel, sondern viel mehr als Balance-, Feinmotorik oder Koordinations-Training“, sagt Kreis. Das helfe zum Beispiel, Stürzen vorzubeugen. Und die MemoreBox motiviere Senioren auch: „Es ist etwas anderes, wenn man nicht zur täglichen Therapie, sondern zum gemeinsamen Spielen geht.“

Ein wichtiges Wort ist dabei „gemeinsam“. Denn die Konsole soll auch die soziale Interaktion fördern. Bisher gibt es sechs verschiedene Spiele - von Motorrad fahren über Tanzen und Singen bis Briefe austragen. Nur zwei davon können allein absolviert werden. Für die anderen braucht man mindestens einen Partner.

Computerspiele sind für Senioren auch lebenserhaltende Technik

Dieses Gemeinschaftserlebnis hält auch Matthias Brenner für entscheidend. Der Schauspieler und Intendant des Neuen Theaters in Halle ist Schirmherr des MemoreBox-Projektes. „Die Motivation dafür war meine Mutter“, erzählt Brenner. Die sei 92 Jahre alt und recht fit. „Als ich noch im Jugendalter war, hatte sie sich den ersten Computer von Robotron zugelegt.“ Seitdem habe sie nie aufgehört, sich mit Technik zu befassen. „Das ist für sie bis heute lebenserhaltend.“

Auch Brenner will natürlich am Dienstagvormittag in die virtuelle Spielearena steigen. Ein Gegner an der digitalen Tischtennisplatte findet sich schnell: Wilhelm Ihl, 96 Jahre alt - der zweifelsohne älteste Zocker in Sachsen-Anhalt. Vor zwei Jahren, sagt Ihl, habe er das Tango- und Walzer-Tanzen aufgegeben.

„Mir wird jetzt schneller schwindelig und ich will nicht über das Parkett gezogen werden.“ Er spiele aber noch regelmäßig Skat. Seine Runde besteht aus einem Professor, einem Meister, einem Pastor sowie einem Medizin-Studenten. „Da ist immer einer da, der Bier holen kann“, scherzt Ihl.

Im Duell gegen Schirmherr Matthias Brenner hat der Senior allerdings keine Chance. Er verliert deutlich - was seine Stimmung nicht trübt. Denn für Ihl ist klar, dass es nicht ums Gewinnen geht, sondern darum, überhaupt zu spielen. (mz)