Zachow Stadtteilserie 20

Zachow Stadtteilserie 20: Trotha

Halle/MZ - Stellen wir uns an die Trothaer Straße, schließen die Augen und begeben uns auf eine Zeitreise gut 20 Jahre zurück: Eine endlose Blechlawine wälzt sich zäh über das geschundene Kopfsteinpflaster des Straßen-„Nadelöhrs“ stadtauswärts in Richtung B6 und Magdeburg.Abgase, Staub und Schmutz kriechen bis in den letzten Winkel; das veraltete Braunkohlekraftwerk im Nordwesten des Stadtviertels tut noch seinen Teil dazu. Der Lärm und die vom Kraftverkehr verursachten Erschütterungen rauben den Einwohnern den letzten ...

Von Andreas Löffler 03.05.2013, 12:11

Stellen wir uns an die Trothaer Straße, schließen die Augen und begeben uns auf eine Zeitreise gut 20 Jahre zurück: Eine endlose Blechlawine wälzt sich zäh über das geschundene Kopfsteinpflaster des Straßen-„Nadelöhrs“ stadtauswärts in Richtung B6 und Magdeburg.Abgase, Staub und Schmutz kriechen bis in den letzten Winkel; das veraltete Braunkohlekraftwerk im Nordwesten des Stadtviertels tut noch seinen Teil dazu. Der Lärm und die vom Kraftverkehr verursachten Erschütterungen rauben den Einwohnern den letzten Nerv.

„Und heute ist Trotha wohl derjenige hallesche Stadtteil, in dem die Funktionen Wohnen, Arbeiten und Erholen am harmonischsten miteinander verbunden sind“, sagt Karin Grundmann lachend und holt uns zurück ins Hier und Jetzt. Dass dem so ist, ist der zupackenden 69-Jährigen und ihrer „Bürgerinitiative Gesundes Trotha e. V.“ zu danken. „Wir haben in der Wendezeit einfach aus unserer persönlichen Betroffenheit heraus versucht, Verbesserungen zu erreichen“, erzählt Grundmann. „Neben der katastrophalen Verkehrsund Bausituation gab es in Trotha damals auch so gut wie keine Infrastruktur in Gestalt von Einkaufs- oder sonstigen Versorgungseinrichtungen.Und in Richtung Frohe Zukunft musste man laufen.“

"Gesunde Stadt" als Leitbild

Auf Anregung des Professoren-Ehepaares Gerhard und Sigrid Karsdorf, die damals im Bereich Gesundheitsförderung/ Sozialmedizin arbeiteten, setzten sich die Trothaer Aktivisten intensiv mit den in der Ottawa-Charta von 1986 entwickelten „Kriterien für eine gesunde Stadt“ auseinander und machten diese zum Leitbild ihres Handelns. Eines oftmals erfolgreichen Handelns: So ist es zweifellos der Hartnäckigkeit der Bürgerinitiative zu danken, dass die zunächst nur für den Abschnitt zwischen Zoo und Pfarrstraße vorgesehene Komplettsanierung der Trothaer Straße schließlich doch auf deren gesamter Länge bis zur Einmündung Oppiner Straße durchgeführt wurde. „Und dank der unermüdlichen Lobbyarbeit unseres Mitstreiters Dr. Eberhard Streuber kam auch die sehnsüchtig erwartete Anbindung an die A 14 und die damit verbundene Entlastung vom Durchgangsverkehr früher als avisiert zustande“, erzählt die reinsvorsitzende Grundmann, die um ihre eigene Person wenig Aufhebens macht: „Die Leute, die es besser konnten, haben es geschafft, mich zu diesem Ehrenamt zu überreden. Ich kann nichts außer gut koordinieren.“

Es braucht daher einen Kronzeugen wie Matthias J. Maurer, der Grundmanns persönlichen Anteil am bislang womöglich größten Coup der Bürgerinitiative herausstellt: der Erhalt des Nordbades, des beliebtesten Freibades der Stadt, das mit seinem Wahrzeichen, dem 10-Meter-Turm mit Blick auf die Klausberge, letztlich 2010/11 sogar runderneuert wurde. „Frau Grundmann hat aber auch wirklich jeden Stadtrat persönlich für das Thema sensibilisiert und öffent liche Aufmerksamkeit hergestellt“, unterstreicht Maurer, der 2002 ein Buch zur Geschichte Trothas herausgebracht hat. „In der Tat habe ich schon Unterschriften für das Nordbad gesammelt, als dessen mögliche Schließung noch gar nicht diskutiert wurde. Aber ich hatte zwischen den Zeilen einer Zeitungsmeldung den Hauch eines Verdachts entdeckt und war sofort alarmiert“, erinnert sich Grundmann, die für den „Fall der Fälle“ noch einen weiteren Pfeil im Köcher gehabt hätte: „In allergrößter Not hätten wir versucht, das Pumpenhaus unter Denkmalschutz stellen zu lassen.“

Sehnsuchtsort Kaffeegarten

Beim Einsatz für ein gesundes und lebenswertes Trotha gab es freilich auch Rückschläge. Den berühmten Kaffeegarten, so etwas wie der Sehnsuchtsort der Trothaer schlechthin, konnte auch das unermüdliche Engagement der Bürgerinitiative nicht wieder für die Allgemeinheit nutzbar machen. „Zwischen 2002 und 2004 haben wir hier zum Tag des offenen Denkmals Führungen durch das spektakuläre romanische Kellergewölbe veranstaltet. Der Andrang war gigantisch“, erinnert sich Maurer. „Und eine Studentengruppe um Stadtarchitekt Michael Bielecke hat kühne Ideen für die öffentliche Nutzung des Areals entwickelt und präsentiert – pikanterweise zu einer Zeit, als die Stadt den Kaffeegarten bereits zur Versteigerung an private Käufer freigegeben hatte“, ergänzt Karin Grundmann.

Was bleibt? Viel Geschichtsträchtiges: Die romanische Dorfkirche St. Briccius und die Wassermühle aus dem 12. Jahrhundert etwa, Jahnhöhle und Eichendorff-Bank in den Klausbergen; schließlich das Haus an der Trothaer Straße 35, in denen am 16. April 1945 die Verhandlungen zwischen Felix Graf Luckner und US-Generalmajor Terry de la Mesa Allen um die Übergabe von Halle stattfanden. Und es gibt: jede Menge Naturidylle. Den durch die harakteristische Katzenbuckel brücke erreichbaren Forstwerder zum Beispiel – ein Paradies für Spaziergänger und Jogger. In den 30er Jahren existierte dort am Wehr sogar ein Strandbad. „Mein Vater hat immer gesagt, der Saalesand in Trotha ist besser als der an der Ostsee“, erinnert sich die heute 89-jährige Margot Langner. Und während sich die an der Pfarrstraße beheimateten Ruderer vom Halleschen Ruderclub der „schönsten Trainingsstrecke Halles“ rühmen, träumt Karin Grundmann von einem Erholungspark zwischen Nordbad-Campingplatz und Forstwerder mit Liegebänken, Bootsanleger, Wassertaxi und Fußgängerbrücke rüber nach Kröllwitz. Augen schließen …