Stadtteil Radewell/Osendorf

Stadtteil Radewell/Osendorf: Zwischen Kohle und Natur

Halle (Saale) - Das von Radewell aus gesehen „im Osten gelegene Dorf “ liegt am Rande eines der bedeutendsten Auwälder Deutschlands. Den Bau der ICE-Trasse hat die Tierwelt gut überstanden.

Von Katja Pausch 20.06.2017, 04:00

Wer nach Radewell oder Osendorf kommt, tut das wahrscheinlich kaum zufällig. Ortsunkundige nämlich wähnen hinter der Eisenbahnbrücke in Ammendorf ganz sicher nicht ein Natur-Paradies, wie es jenseits des Bahndamms und auch jenseits der Regensburger Straße zu finden ist - wenn man es weiß.

Halle hat mehr als 60 Stadtteile, Viertel und Stadtquartiere. Einer ist Radewell/Osendorf.

Vielmehr zieht sich die Regensburger - die alte Salzstraße nach Regensburg über Nürnberg - von der Merseburger Straße abgehend entlang der Saale-Elster-Aue bis an den äußersten südöstlichen Rand von Halle.

Wer die Regensburger passiert, hat ein Ziel

Wer die Regensburger passiert, hat ein Ziel. Er weiß, wohin er will: Mit dem Rad in die Aue zum Beispiel. Hier gibt es wunderschöne Wanderwege durch fast unberührte Natur. Die einigartige Auenlandschaft hat sogar den ICE-Trassenbau überstanden - Kolonien von Kranichen und viele andere seltene Vogelarten leben hier. Auch das handwerkliche Bildungszentrum der Handwerkskammer, das 1990 am Standort Osendorf als erstes seiner Art in den neuen Bundesländern eröffnet wurde und heute mit 700 Plätzen in der gewerblichen und 300 für die theoretische Ausbildung zu den größten Bildungszentren des Handwerks zählt, könnte Ziel sein.

Vielleicht will der Reisende aber auch zu Zweirad-Möbert - stadtbekannter „Schrauber“ und seit über 50 Jahren gefragte Werkstatt für Zweiräder aller Art, in der auch die gute alte „Simson“ sowie „Star“ und „Schwalbe“ für Liebhaber wieder auf Vordermann gebracht werden. Der Durchreisende peilt möglicherweise auch den Osendorfer See an - dort haben zwei Wassersportclubs ihr Domizil: der HKC 54 und der 1. Hallesche Drachenbootverein.

Echte „Ur-Einwohnerin“ von Osendorf

Oder der Durchreisende ist gar keiner, sondern besucht Verwandte oder Bekannte im Dorf. Zum Beispiel Familie Meinhart. Brigitte, das Oberhaupt der Meinharts, darf sich mit Recht als echte „Ur-Einwohnerin“ von Osendorf nennen. „Meine Großeltern lebten in dem Haus, in dem wir heute wohnen. Ich wurde in Osendorf geboren, hier ging ich zur Schule, und hier fühle ich mich wohl“, sagt die 76- Jährige.

Ihr Mann hingegen ist ein „Zugezogener“: Peter Meinhart, promovierter Mediziner, ebenfalls 76, stammt ursprünglich aus Schlesien, kam später aus dem Vogtland nach Osendorf - und „blieb hier hängen“, wie er selbst sagt. Sein „Zuzug“ ist allerdings kein Hinderungsgrund, sich intensiv mit Osendorf zu beschäftigen - genau wie seine Frau und die beiden Söhne Thomas und Ulrich.

Eine eigene Webseite zu Osendorf

Als Familie betreiben die Meinharts seit vielen Jahren und mit großem Engagement eine eigene Webseite zu Osendorf, dessen Ortsnamen von Osten-, Ossen- oder auch Oszendorp abgeleitet ist: das „im Osten gelegene Dorf“ - von Radewell aus gesehen. Beide Orte, die gemeinsam mit dem beschaulichen Fleckchen Burg zu Ammendorf gehören, waren schon immer kirchlich und schulisch eng verbunden.

Lieblingsort der Meinharts ist einhellig der Platz an den Osendorfer Eichen. „Die sind über 130 Jahre alt und wurden nach dem Deutsch-Französischen Krieg 1870-1871 zur Erinnerung an zwei Soldaten aus Osendorf gepflanzt, die in diesem Krieg ihr Leben verloren haben“, weiß Brigitte Meinhart. Den Gedenkstein gibt es nicht mehr, die Namen sind in Vergessenheit geraten.

1710 erbaute Zollstation „Dreierhaus“

Auch die 1710 erbaute Zollstation „Dreierhaus“, die die bereits 1381 errichtete alte Zollstation ersetzt, ist längst Geschichte. Bis 1815 fungierte das „Dreierhaus“ als Zollstelle zwischen Preußen und Sachsen, dort wurde der obligatorische „Dreier“ entrichtet. Aus der Zollstation wurde ein Gasthof, der bis 1989 geöffnet war. Anfang der 90er Jahre musste er wegen Baufälligkeit schließen.

Erwähnenswert ist auch die Radeweller Kirche: Um 1100 wird sie erbaut, gewidmet dem Heiligen Wenzeslaus. Um 1211 bestätigt Erzbischof Albrecht II. die Schenkung der Wenzelskirche in Radewell an das Moritzstift in Halle. Und um 1406 erhält die Kirche zu Radewell eine Glocke von 1,22 Meter Durchmesser.

Im Mittelalter waren Korbflechterei und Ackerbau Haupterwerbszweige der Menschen

Doch was wäre Osendorf samt Radewell und Burg - das mehrfach von Hochwasser heimgesucht wird - ohne Industrie? Im Mittelalter waren Korbflechterei und Ackerbau Haupterwerbszweige der Menschen. Mit der industriellen Entwicklung im 19. Jahrhundert begann man die reichen Braunkohlevorkommen in der Region abzubauen - auch in und um Osendorf. Zuerst wurde 1844 die kleine Grube „Neptun“ in der Waldstraße (heute Fritz Kießling-Straße) errichtet, sie war bis 1856 in Betrieb. 1872 wurde die Grube „Hermine“geöffnet - der heutige Osendorfer See. Bis 1928 wurde dort Kohle abgebaut.

Eng mit dem Kohleabbau verbunden waren vier Ziegeleien, eine Teerschwelerei und die Paraffinfabrik der Riebeckschen Montanwerke. Sie prägten das Leben in und das Aussehen von Osendorf, denn das Dorf wurde dadurch zu einer Arbeitersiedlung. Die um die Jahrhundertwende entstandenen Wohnhäuser in der Regensburger Straße geben noch heute Zeugnis davon. (mz)