Schülerin gelingt Aufnahme

Schülerin gelingt Aufnahme: Biber zeigt sich nach Jahrzehnten wieder in der Saalestadt

Leipzig/Halle (Saale) - Um kurz nach drei Uhr morgens schnappt die Falle zu. Kein Blitzlicht, kein Donner, die Opfer spüren gar nichts. Ein Infrarot-Fotoapparat löst aus, einmal, zweimal, immer wieder. Vor der Linse erst ein Saalebiber, dann noch einer. Die Tiere schnuppern am Boden, sie benagen einen Baum, dann drehen sie sich wie absichtlich zur Kamera herum und präsentieren ihren breiten, wie flachgeklopften ...

Von Anja Herold und Steffen Könau 20.04.2016, 10:03

Um kurz nach drei Uhr morgens schnappt die Falle zu. Kein Blitzlicht, kein Donner, die Opfer spüren gar nichts. Ein Infrarot-Fotoapparat löst aus, einmal, zweimal, immer wieder. Vor der Linse erst ein Saalebiber, dann noch einer. Die Tiere schnuppern am Boden, sie benagen einen Baum, dann drehen sie sich wie absichtlich zur Kamera herum und präsentieren ihren breiten, wie flachgeklopften Schwanz.

Kein Zweifel, das wussten die Wissenschaftler des German Centre for Integrative Biodiversity Research (iDiv) Halle-Jena-Leipzig sofort: Dies sind zwei Exemplare des lateinisch Castor fiber albicus genannten Elbebibers. Nur dass die Tiere sich nicht an der Elbe befinden. Sondern mitten in Halle, in einem winzigen Naturschutzgebiet am Rande der Peißnitzinsel.

Die ist eigentlich mehr Naherholungsoase für die Großstadt als stilles Refugium. Die letzten Biber waren hier nach dem II. Weltkrieg gesichtet worden. Später wurde die Saale immer schmutziger, die Chemiekombinate heizen den Fluss auf. Zeitweise war der Elbebiber vom Aussterben bedroht. Die letzten Bestände an der Saale zogen sich Richtung Thüringen zurück, selbst in der Saale-Elsteraue fanden sich keine Biberburgen mehr.

Bis zum vergangenen Jahr. Da identifizierte Steffen Hahn, Biber-Experte bei der Naturschutzbehörde in Halle, erstmals eindeutig sogenannte Biberschnitte mitten in der Stadt. An mehreren Bäumen auf der Saaleinsel, die einen Rest vorzeitlichen Aue-Urwaldes bewahrt, hatten Biber ihre Spuren hinterlassen. Einige Bäume waren bereits gelegt, an großen Stämmen türmten sich Berge von Spänen.

Dass es sich beim Täter um ein einzeln lebendes Tier handelt, wie Simone Trettin von der Freiraumplanung im halleschen Rathaus mit Blick auf weitreichende Pläne zum Ausbau der touristischen Infrastruktur hoffte, kann jetzt als widerlegt gelten. Zwischen Eschenahorn, Rosskastanie und bis zu 300 Jahre alten Eichen leben mindestens zwei, womöglich aber noch weit mehr der scheuen Tiere, das beweisen die Infrarot-Bilder.

Gemacht hat die Anne Schmidt, eine 15-jährige Schülerin aus Leipzig, die am Freien Gymnasium Borsdorf zur Schule geht und später mal Tiermedizin studieren möchte. Während eines Praktikums am Zentrum für Biodiversitätsforschung (iDiv) in Leipzig stellte Anne Schmidt zusammen mit ihren Betreuern Max Hofmann und Latitia Navarro Kamerafallen auf der Peißnitz auf. Hightech auf der Spur der scheuen Nager, die am liebsten ganz geheim leben.

Vor hundert Jahren  bevölkerten noch  etwa 100 Millionen Biber ganz Eurasien, ausgenommen Island und Irland. Bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts sank ihre Zahl bis auf 2.000 Stück. Biberfleisch wurde als Delikatesse geschätzt und als beliebte Fastenspeise - die katholische Kirche hatte ihn wegen seines beschuppten Schwanzes den Fischen zugeordnet.

Sein Fell wurde zu  Hüten für die Oberschicht verarbeitet. Das „Bibergeil“, ein von den Tieren zur Reviermarkierung genutztes Drüsensekret, wurde in Parfüms und als Heilmittel verwendet. In Deutschland dann sorgte der Hunger der Nachkriegszeit  dafür, dass es kaum noch Biber in ihren angestammten Revieren lebten. Inzwischen hat sich die Population in ganz Europa aber wieder auf etwa 700.000 Tiere stabilisiert, 29.500 davon leben aktuell in Deutschland.

Sachsen-Anhalt ist das Zuhause von geschätzt 3 500 Elbebibern in Sachsen-Anhalt. Von der Elbe her breiteten sie sich aus, und seit zwei Jahren sind ihre Spuren auch in Halle wieder zu finden. Derzeit sind neun Reviere in Halle bekannt, insgesamt leben damit etwa 20 Tiere in der Saalestadt.

Und die erwischten die Biber prompt, wie Schmidt nach Durchsicht von mehr als tausend Fotos feststellte. Da waren sie, zwei Tiere als lebendiger Beweis dafür, dass die Saale mitten in der Großstadt nach 70 Jahren wieder Heimat für das größte und schwerste Nagetier Deutschlands geworden ist.

Wo sich der Biber in Sachsen-Anhalt überall niederlässt

Peter Ibe, über Jahre Chef der Landes-Referenzstelle für Biberschutz, bestätigt, dass es keine andere Möglichkeit gibt, die äußerst  vorsichtigen Tiere vor die Kamera zu bekommen. „Wenn der Biber an die Arbeit geht, schlafen alle anderen“, beschreibt er.

Lärm und Besucher stören die Tiere deshalb in der Regel nicht. So lange es nicht ausreichend ruhig ist, verstecken sie sich in ihrem Bau, der einer unterirdischen Burg gleicht, wie Annett Schumacher vom Biosphärenreservat Mittelelbe beschreibt. Einen Damm baue ein Biber nur, wenn die Uferböschung nicht hoch genug seit, um den Eingang zu seiner geheimen Höhle unter Wasser zu verstecken, weiß die Expertin.

Dass Biber Bäume fällen, dient einem profanen Ziel: „Er will an die saftige Krone heran“, glaubt Biber-Experte Steffen Hahn. Frische Sprossen aus Baumkronen und Baumrinde sind die Lieblingsspeise der Biber. Mit unendlicher Geduld und nie erlahmendem Eifer nagen sie, an einem besonders dicken Baum auf der Peißnitz nun schon im zweiten Jahr.
Für die iDiv-Forscher aus Halle, Jena und Leipzig, die versuchen, biologische Vielfalt in ihrer Komplexität zu verstehen, wie Sprecher Tilo Arnhold erklärt, ein Glücksgriff.

Wachsende Population

Biologische Vielfalt, nichts anderen beschreibt der Begriff Biodiversität, werde zumeist als Verlust erforscht. Es geht um Artensterben, um wegbrechende Siedlungsräume. In Leipzig erforscht der auch in Halle lehrende portugiesische Ökologe Henrique Miguel Pereira dagegen vor allem die „Rewilding“ genannte Wiederverwilderung. „Das heißt die Rückkehr von wilden Tieren wie Wolf, Luchs oder Biber in Landschaften, die vom Menschen besiedelt sind“, bescheibt Arnhold. Das gibt es, immer mehr sogar. Die Biber-Population in Sachsen-Anhalt etwa wächst seit Jahren beständig. Etwa 3.500 Elbebiber leben wieder hier, nicht nur im Biosphärenreservat Elbe, sondern auch am Hufeisensee, in Wörmlitz und in der Saale-Elster-Aue. „Für diesen Bereich ist sogar die Reproduktion belegt“, sagt Detlef Wagner von der Unteren Naturschutzbehörde.

Warum die Biber-Besiedlung für Halle ein gutes Zeichen ist

Für Halle ist es ein gutes Zeichen, dass durch Anne Schmidts Infrarot-Fotos nun auch auf der Peißnitzinsel eine Besiedelung durch mehr als ein Tier nachgewiesen ist. Der Versuch, die Insel wieder naturnäher zu orientieren als zu DDR-Zeiten, scheint gelungen. Damals war die Peißnitz, so benannt nach dem slawischen Wort Pustenzia für „Einöde“, ein sogenanntes Naherholungsgebiet. Es gab Messehallen, Autorennen, Rockkonzerte. Keine Biber. Dann wurde die Peißnitz-Nordspitze zum Naturschutzgebiet erklärt und samt der umliegenden Saaletal-Landschaft unter den Schutz der europäischen Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie gestellt - und ein knappes Vierteljahrhundert später sind die wilden Tiere tatsächlich zurück. Neben Bibern leben auch Nutrias, kleinere Verwandte der Biber, die ursprünglich aus Südamerika stammen, wieder in der Aue. Anne Schmidt und Max Hofmann fanden auf ihren Infrarot-Fotos zudem Waschbären, Füchse und Eichhörnchen. Eisvögel, Graureiher und Rehe siedeln schon länger im Naturschutzgebiet.

Uwe Stäglin könnte darin eine Bestätigung seines richtigen Kurses sehen. „Die Wiederbesiedlung zeigt, dass die Stadt auf dem richtigen Weg ist, die Peißnitz als Naherholungsraum weiter zu entwickeln und die Ansprüche des Naturschutzes zu berücksichtigen“, sagte Halles Umwelt-Beigeordneter im vergangenen Jahr, als die ersten Biberspuren auf der Peißnitz entdeckt worden waren. Stäglin war zufrieden, die Biber waren es auch.

Großbaustelle um Biberburg

Seitdem aber fließen Fluthilfegelder in einem breiten Strom in die empfindliche Ecke. Am Ufer der Wilden Saale, an dem auch die Biberburg liegt, wurden zuletzt fast 50 Bäume gefällt. Ein Kettensägenmassaker, spotten Kritiker im Internet. Aber nötig, um rund 880.000 Euro in den Ausbau des beschädigten Saaleradwanderweg investieren zu können, wie es im Rathaus heißt. Die einstige Naturidylle rund um die bislang noch nicht einmal genau lokalisierte Biberburg wirkt derzeit wie eine Großbaustelle. Die bisher geschotterten Wege zum NSG Nordspitze wurden bereits mit Fluthilfegeldern asphaltiert. Die naturbelassenen Pfade im Naturschutzgebiet sollen später geschottert werden. Derzeit werden bereits die Wurzeln von mehreren großen, alten Bäumen aufgegraben.

Perspektivisch plant die Stadtverwaltung zudem, die gesperrte Wilde Saale für Boote freizugeben. Die von Anne Schmidt entdeckte Biber-Familie könnte damit nun als störendes Hindernis empfunden werden, wie Andreas Liste vom Arbeitskreis Auenwälder fürchtet.

Zu DDR-Zeiten hatten die Umweltschützer das Verbot des Befahrens des Nebenarmes miterwirkt. Ein Erfolg, wie Andreas Liste meint. „Seitdem hat sich die Wilde Saale durch die Schutzmaßnahmen zu einem wichtigen Lebens- und Rückzugsraum entwickelt“, beschreibt er. Tourismus hin, Tourismus her. Es sei aus Sicht des AHA „unverantwortlich, das Paddelverbot zu kippen.“ Zum „Tag des Baumes“ am kommenden Montag lädt der Arbeitskreis Initiative „Pro Baum“ zu einer Exkursion auf die Nordspitze. Thema des Rundganges soll die „zerstörerische Fällpraxis der Stadt Halle“ (AHA) sein. (mz)